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Die Zeiten seit "Alles was der Himmel erlaubt" (1954) und Fassbinders "Angst essen Seele auf" Anfang der 70er Jahre haben sich verändert. Heute ist nicht nur die "Patchwork"-Familie Alltag, sondern auch die Internet-Zeiten lassen Beziehungen jeglicher Coleur entstehen. Robert (Tom Schilling) lebt als Game-Designer mitten in dieser Gegenwart und Regisseur Leander Haußmann entwirft in seinem Film nach Gernot Grickschs Buchvorlage ein besonders hippes Leben.

Robert arbeitet in einem Team, das einen innovativen "Ego-Shooter" entwickelt, der auf dem chinesischen Markt verkauft werden soll. Sein Chef ist locker, seine Wohnung, die er mit seinem Freund und Kollegen Ole (Christian Sengewald) bewohnt, ist cool und seine blonde Freundin Lorna (Julia Dietze) ,die auch mit ihm zusammenarbeitet, attraktiv und selbstbewusst. Selbstverständlich trägt er angesagte Klamotten und fährt einen skurrilen Wagen aus den 80ern, der damals als besonders hässlich galt.

Haußmann vermeidet trotz dieser Stilelemente jegliche Überstilisierung, indem er Tom Schilling darin ganz selbstverständlich agieren lässt, ohne dass dieser jemals ein Wort darüber verliert. Im Gegenteil verwundert es geradezu, dass Robert jegliche Egozentrik fehlt, die normalerweise Teil einer solch perfekten Selbstinszenierung ist. Offensichtlich wollte Haußmann hier eine Gegenwelt aufbauen, um den Konflikt plakativer darstellen zu können.

Robert begegnet nämlich kurz vor einer Präsentation des "Ego-Shooters" Monika (Maruschka Detmers), die in einer Reinigung arbeitet. Er hatte seinen Anzug mit Ketchup verschmutzt und benötigt dringend Hilfe, weshalb er in seiner Not zum kleinen Laden an der Ecke geht. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Nicht nur die beiden Mittvierzigerinnen, die dort arbeiten, auch das gesamte Ambiente und die vorhandene Technik weisen direkt auf die 70er Jahre zurück. Allerdings strahlt Maruschka Detmers nichts mütterliches aus und wirkt auch innerhalb dieser Umgebung cool und attraktiv, weshalb Roberts Reaktion nachvollziehbar ist. Er verliebt sich Hals über Kopf in die mehr als 20 Jahre ältere Frau.

Um die Modernität unserer Zeit noch zu betonen, beschreibt der Film parallel die Entwicklungen in Roberts Familie. Seine Schwester Pia (Annika Kuhl) ist lesbisch und hat eine übergewichtige Lebensgefährtin, wird aber gleichzeitig schwanger von einem männlichen Freund, den sie als Leihvater nutzt. Sein Vater (Johann Adam Oest) verlässt nach langer Ehe seine Frau (Marlen Dieckhoff) und nimmt sich eine 30 Jahre jüngere Freundin, während seine Mutter auch nicht lange benötigt, um neue Partner zu finden.

Diese Ansammlung an modernen Gesellschafts-Klischees, die der Film in einem Mikrokosmos vereint, könnten schnell satirisch oder unangenehm wirken, wenn Haußmann dabei nicht einerseits sehr leicht in der Inszenierung bliebe und andererseits sensibel in der Entwicklung der Beziehung zwischen Monika und Robert. Maruschka Detmer und Tom Schilling ist es zu verdanken, dass der Film phasenweise auf den Spuren seiner filmischen Vorbilder wandelt und für den Betrachter die Gefühle seiner Protagonisten genauso nachvollziehbar werden lassen, wie es Sirk und Fassbinder mit ihren Protagonisten gelungen war.

Damit gelingt auch "Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe" der Effekt, dass der Betrachter - dank des Einblicks in die Gefühlswelt der Beteiligten - diese versteht, während er konsterniert feststellen muss, dass die Umgebung nur Ablehnung und Unverständnis für eine solche Konstellation übrig hat. Während Sirk und Fassbinder in ihren Filmen gegen gesellschaftliche Tabus verstiessen, scheint es diese in der Gegenwart nicht mehr zu geben. Zumindest äusserlich sind alle locker, aber in der Gefühlswelt des Einzelnen entstehen schnell Risse, die auf den gleichen Empfindungen basieren.

Anders als Sirk und Fassbinder lässt Haußmann daraus kein Drama entstehen, sondern hält seinen unterhaltend, witzigen Unterton konsequent durch. Sein letztendlich versöhnlicher Stil bedeutet aber keine Schwäche, sondern entspricht konsequent der zeitgemässen Inszenierung. Es sind nicht mehr die grossen dramatischen Ereignisse, die die Gefühle hervorbringen und den Konflikt zur Explosion bringen, sondern die Zwischentöne, die letztlich die Unorientiertheit der Protagonisten demonstrieren. Allein die Abschaffung äußerer Tabus führt noch nicht zu einer wirklichen Veränderung. Auch das positiv stimmende Ende stützt diese Einschätzung, denn es bedeutet nicht mehr (und nicht weniger) als einen Versuch, etwas zu wagen, ohne das Haußmann die Fragilität dahinter verbirgt (8/10).

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