"Und so schallt in diesen Tagen ein Ruf durch Europa: Angriff auf die Eiger Nordwand! Das letzte Problem der Alpen muss fallen."
Im Sommer 1936 stehen die olympischen Sommerspiele in Berlin vor der Tür. Der Stolz der deutschen Nation soll durch Helden in die Welt getragen werden. Somit bietet die Erstbesteigung der Eiger Nordwand in der Schweiz eine passende Vorlage für das faschistische System. Fieberhaft werden Bergsteiger gesucht, die sich bereit erklären das noch unbezwungene Felsmassiv zu erklimmen. Der Verdienst einer Goldmedaille soll zusätzlich für Ansporn sorgen.
Durch die Journalistin Luise Fellner (Johanna Wokalek) wird die Berliner Presse auf die beiden Gebirgsjäger Toni Kurz (Benno Fürmann) und Andi Hinterstoisser (Florian Lukas) aufmerksam. Zu Beginn sträubt sich Toni noch, sich dem waghalsigen Versuch, die Nordwand zu erklimmen, anzuschließen. Zu riskant erscheint ihm dieses Abenteuer. Da aber seine Jugendfreundin und heimliche Liebe Luise vor Ort sein wird, lässt er sich umstimmen. Vor Ort erörtert er und Andi eine Route die jenseits der schon vorher gescheiterten Kollegen liegt. Das konkurrierende Duo Willy Angerer (Simon Schwarz) und Edi Rainer (Georg Friedrich) aus Österreich hängt sich an ihre Fersen, greift aber gleichfalls unterstützend ein. Zu Beginn läuft der Aufstieg gut, doch dann schlägt das Wetter um.
Neben "Der Baader Meinhof Komplex" ist das parallel angesetzte Bergsteigerdrama "Nordwand" im Jahre 2008 wohl ein wenig untergegangen. Die Koproduktion von Deutschland, Österreich und der Schweiz behandelt ebenso wie erstgenannter Film ein nach wahren Gegebenheiten nachgebautes, historisches Ereignis aus deutschen Landen, mit deutschen Mitteln finanziert und besetzt. Statt einer terroristischen Bewegung steht bei "Nordwand" allerdings eine abenteuerliche Expedition auf dem Programm.
Regisseur Philipp Stölzl war eine authentische Umsetzung des Stoffes wichtig. Dies erkennt man nicht nur an der geschichtlich angelehnten Ausstattung. Stölzl bevorzugte bewusst eine euphorisch, martialische Sprache um den noch ungebrochenen Stolz des dritten Reiches zu übermitteln. Ebenso nutzt er Dialekte für eine höhere Glaubwürdigkeit, durch deren man allerdings gerne öfter zur Fernbedienung greifen möchte um das Verständnis durch Zuschaltung von Untertiteln zu erhöhen.
Daneben fällt das Figurendesign recht schablonenhaft aus. Die Handlung konzentriert sich auf das Wesentliche und zeichnet die einzelnen Schritte der Bergsteiger Schritt für Schritt verfolgbar nach. Stölzl gibt sich zwar redlich Mühe seine Charaktere nicht ganz aussen vor zu lassen, belädt sie aber mit unsympathischen Klischees. Dies wäre eigentlich nicht nötig gewesen, hätte er einfach auf Originalfiguren zurück gegriffen und nicht noch weitere, wie die Journalistin Luise Fellner, hinzu gefügt.
Das Bergsteigerdrama weiss vor allem durch seine großartigen Bilder und Landschaften zu begeistern. Angefangen von der gekonnten Inszenierung des Eigers, der mit seinen 3970 Höhenmetern schon von der Weite mehr als nur bedrohlich und unbezwingbar wirkt. Aber auch die Kletterszenen selbst sind spektakulär. Die hautnahen Aufnahmen am vertikalen Fels vermitteln ein tolles Gefühl von Höhe und der Anstrengung der Protagonisten.
Die Verzweiflung der Bergsteiger, ihre Schreie und die Bildung schwarzer Flecken durch Erfrierungen kommen durch die ausgeprägte Kameraarbeit gut zur Geltung. Stellenweise ist die beklemmende Spannung atemberaubend und wird durch die orchestrale Musik sowie der bombastischen Soundeffekte noch überschwenglicher untermalt. Nur gegen Ende wird hier etwas viel praktiziert. Der vermittelte Druck auf die Tränendrüse will garnicht mehr weichen und strapaziert die Dramatisierung übermäßig.
Der Cast gibt sich erhaben. Mit Benno Fürmann ("Speed Racer", "Mutant Chronicles", "Anatomie"), Florian Lukas ("Good Bye, Lenin!", "Stellungswechsel") und Ulrich Tukur ("John Rabe", "Solaris") hat "Nordwand" drei Schwergewichte der häufig beworbenen deutschen Filmakademie zu bieten, die hier die Möglichkeit bekommen weiter aus sich heraus zu gehen. Und diese Gelegenheit nutzen sie, wenn auch manchmal etwas übervorsichtig.
Johanna Wokalek ("Der Baader Meinhof Komplex") scheint noch etwas überfordert, gibt aber einen guten Gegenpol als einzig prägnante Frau in der dargestellten Männergesellschaft.
Der komplexe Zugang zu Zeitportrait, Sportgeschichte und Medienkritik vermag ordentlich mitzureißen. Atemberaubende Bergszenen und ein bombastischer Sound vermitteln ein hautnahes Gefühl. Dagegen stören die eindimensionalen Figuren nur wenig, etwas mehr dafür das überdramatisierte Finale. Definitiv ein atmosphärischer Höhentrip, der spannender kaum sein könnte.
8 / 10