Das Verhältnis zwischen Geisel und Geiselnehmer steht im Vordergrund dieses niederländischen Thrillers, der eher als Charakterstudie im Gewand eines Road-Movies daherkommt, anstatt auf Action und Gewalt zu setzen.
Johan (Theo Maassen) gelingt nach vielen Jahren Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik die Flucht, wobei er die dreizehnjährige Tessa (Lisa Smit) als Geisel nimmt.
Johan wird beschuldigt, Vater und Schwester getötet haben und nun sucht er seine Mutter, die ihn als einzige entlasten könnte, jedoch jeglichen Kontakt zu Johan verwehrt.
Johan und Tessas Reise führt sie nach Belgien, wo die Polizei nicht lange auf sich warten lässt…
Einiges erinnert hier an „Léon - der Profi“. Nicht nur das ungewöhnliche Verhältnis zwischen einem Mädchen und einem Mann, der offensichtlich kriminell ist, sondern auch weite Teile derer Charaktereigenschaften.
Johan wirkt stets gelassen, sanft und scheint auf den ersten Blick kein grobschlächtiger Kerl zu sein, litt aber, das betont er mehrmals, unter seinem Vater.
Tessa hingegen versucht zunächst Hilfssignale an Außenstehende zu senden, interessiert sich aber vermehrt für Johans Hintergrund, der es wiederum geschickt versteht, Tessas mangelndes Selbstwertgefühl durch Komplimente aufzubessern.
Das interessante an Johan ist, dass man ihn über weite Teile nicht durchschauen kann.
Nach der Flucht mit einem weiteren Patienten, wird man im Unklaren gelassen, ob die gekidnappte Psychologin letztlich durch den Verrückten oder Johan starb und auch nach dem Besuch bei der Oma herrscht lange Ungewissheit, wie denn dieser Besuch endete.
Was zudem ein zusehends mulmiges Gefühl bereitet, sind Andeutungen von Johans Mutter über pädophile Veranlagungen, - diverse Blicke gegenüber Tessa könnte man im Verlauf in diese oder jene Richtung deuten. Ist Johan Täter oder Opfer? Ein sanfter Kerl, der nur Gerechtigkeit will oder eine kranke Seele, die gar nicht anders kann, als zu töten?
In diesem Kontext gibt man sich recht realitätsnah und lässt den beiden Figuren eine Menge Raum, ihr ambivalentes Verhältnis mit vielen Facetten auszuspielen.
Der Fokus liegt im Zusammenspiel der Hauptfiguren und weniger auf Spannungserzeugung auf offensichtlicher Ebene, nämlich der latenten Gefahr von der Polizei gejagt zu werden.
So darf Tessa ein weiteres gestohlenes Fahrzeug Probe fahren, sich nach der Flucht in den Wald von Johan überzeugen lassen, unversehrt zurück gebracht zu werden und für ihn die Landkarte lesen (es wird zwar nicht ganz deutlich, aber Johan scheint Legastheniker zu sein).
Auf beiden Seiten ist der Verlauf der Beziehung glaubhaft, - man nimmt der Dreizehnjährigen ihre wankelmütige Art genauso ab, wie dem älteren Mann sein Bedürfnis, Vertrauen zu gewinnen ohne das Mädchen in irgendeiner Weise zu erschrecken.
Natürlich muss die Reise nach einigen Zwischenstationen in Belgien und den Niederlanden irgendwo enden, so dass schließlich der Einsatz der Polizei stärker in den Vordergrund rückt, man auch mal eingekreist wird, Probleme in einem Tunnel bekommt und immer mal wieder mit Anwalt oder Einsatzleiter telefoniert wird.
Reißerisch gibt sich die Inszenierung in fast keinem Moment, denn sobald sich mögliche Gewalt andeutet, verläuft diese ausschließlich auf auditiver Ebene, auch während einiger Flashbacks reichen Dialogfetzen aus, um die Situation als eindeutig zu begreifen.
Etwas ungewöhnlich und gleichermaßen überraschend gestaltet hingegen sich das Ende, welches im Zusammenhang zwar konsequent erscheint, den Betrachter jedoch mit zwiespältigen Gefühlen zurück lässt.
Ansonsten lebt der Streifen von seiner ruhigen Atmosphäre und den starken Darstellern, die ein sehr überzeugendes Zusammenspiel abliefern. Ihre Darstellungen sind zu jederzeit glaubhaft und nuanciert, womit sich beide problemlos für internationale Produktionen empfehlen.
Dass sowohl die Originalität der Story als auch der Anteil an kriminalistischen Elementen ein wenig dürftig ausfallen, schadet dem positiven Gesamteindruck nicht allzu sehr.
Vielmehr findet man eine glaubhafte Charakterstudie mit wohl dosierten Spannungsmomenten vor, die man in Hollywood wohl kaum so markant hinbekommen hätte.
7,5 von 10