Spielt ein Film in Afrika, so erwarten wir Europäer zumeist eine Geschichte über Menschenrechtsverletzungen, über Bürgerkrieg oder Waffenschmuggel, über militärische Operationen oder um Rassenfragen.
Um so überraschter kann der unkundige Zuschauer über „Schande“ sein, ein Film, der sich zwar mit der Verschiebung der Gleichgewichte zwischen den Hautfarben in Südafrika nach Beendigung der Apartheit beschäftigt, aber von einem ganz anderen Standpunkt aus, als man erwarten mag, nämlich in Form einer Aufarbeitung bestehender und nicht totzukriegender Ressentiments und Echos der Vergangenheit, die in diesen Tagen noch längst nicht zu vergessen sind.
Dargeboten wird das auf ungewöhnliche Art und Weise nämlich in Form einer Mischung aus konzentriertem Schauspielerkino und Literaturverfilmung. J.M.Coetzees Buchvorlage hatte nicht unwesentlichen Anteil daran, daß der Autor für seine Arbeit den Literaturnobelpreis bekam – jedoch merkt man dem Film die literarische Herkunft überraschenderweise nicht an.
Vielmehr ist es ein Film, der einen permanent im Unklaren läßt, was als Nächstes wohl passieren wird, um dann immer neue Wendungen einzuschlagen, die letztendlich nur dazu ausersehen sind, eine Situationsbeschreibung anhand des Verhaltens zweier Figuren zu schaffen.
Das führt zur Irritation des Zuschauers, der sich von Beginn an nicht darauf verlassen kann, zu ahnen, was geschehen wird und der mit dem Protagonisten eine innere und äußere Reise machen wird.
John Malkovich verkörpert diesen Menschen in einer darstellerischen Tour-de-Force, die scheinbar minimalistisch wirkt, aber dennoch mittels weniger Dialogzeilen eine Menge Diskutables transportiert.
Es gestaltet sich schwer, sich mit David Lurie zu identifizieren: der Professor für poetische Dichtung und Byron-Experte gestaltet seinen Unterricht scheinbar leidenschaftslos, frequentiert Prostituierte und erhofft sich dadurch eine gefühlsmäßige Bindung und nötigt anschließend indirekt eine seiner Studentinnen sexuelle Kontakte ab.
Als der Schutzbefohlenenmißbrauch ruchbar wird und sein Arbeitsplatz in Gefahr scheint, streitet er nicht etwa alles ab, sondern gibt alles zu, jedoch ohne Reue zu zeigen – eher würde er sich erschießen lassen.
David Lurie entpuppt sich für den Zuschauer als menschliche Sickergrube scheinbar negativer Charakterzüge, er ist alles, was man nicht sein will: ein Rassist, ein Misanthrop, sexuell und emotional unreif, selbstbezogen, arrogant, zynisch und in seiner leicht versnobt wirkenden Art widerwärtig.
Erst die Reise zu seiner Tochter, die auf einer kleinen Farm im Hinterland lebt, wird ihn in einen Prozess der Veränderung ziehen, doch der ist nicht fließend und David an sich nicht lernfähig. Jedoch sträubt er sich auch nur bedingt, da sein vorherrschendes Talent das Herabsehen ist.
Doch hier kommen plötzlich andere Vorzeichen ins Spiel, als man als Weißer in Afrika oder auch als Mitteleuropäer gewöhnt ist: die Farm teilt sich seine Tochter Lucy mit einem Farbigen; das Zusammenleben wird zu einer Symbiose von Geben und Nehmen, bei dem Petrus scheinbar mehr zu profitieren scheint, seine Entwicklung schreitet voran, sein Eigentum wächst, während Lucy Opfer einer Vergewaltigung wird und David fast verbrannt wird. Doch das fragile Beziehungsgeflecht im Nirgendwo entpuppt sich als anders denn gewohnt und während David über das (selbst für den Zuschauer) Zumutbare oder Nötige schwadroniert, scheint das Outbackleben ihn zu ignorieren und weiterzumachen.
An diesem Punkt werden die Parallelen offenbar: David, der zu Beginn Schande über die Familie einer Studentin brachte und diese ignorierte, fordert jetzt von seiner (ungeliebten, da lesbischen) Tochter ein, ihre Schande publik zu machen und zu verarbeiten, die Täter zu stellen, das „unnatürliche“ Besitzverhältnis aufzubrechen.
Doch das bleibt ihm verwehrt, stattdessen beginnt für ihn ein eigener schmerzhafter Prozess, der mit einer Entschuldigung endet, jedoch nicht den Menschen an sich läutert, der in seinen Zwängen gefangen bleibt: der zügellose Mensch ohne Impulskontrolle, der dominierende Drifter, jedoch zunehmend unzufrieden mit sich und schlußendlich ein wenig bußfertig, doch nicht bereit sich zu erneuern: die „Schande“ wird sofern akzeptiert, indem man in und mit ihr lebt, nicht sie verarbeitet.
Was ein wichtiges und gewichtiges Thema ist, hat logischerweise Schwierigkeiten mit Rezeption. Figuren, die man nicht mag; eine neue Art von Abhängigkeits- und Beziehungssystem, das man entschlüsseln muß; Charaktere, deren Handlungen meist irritierend unverständlich erscheinen. Kein Begleitmaterial – „Schande“ erfordert Aufmerksamkeit und Mit- bzw. Nacharbeit.
Schwere Kost aus dem Lager von „Schuld und Sühne“, jedoch in faszinierende Bilder aus ungewöhnlichen Blickwinkeln gefaßt. Doch die größte Last liegt auf dem Film gerade durch die Visualisierung des langen Prozesses, denn „Schande“ wirkt stark gedehnt, chiffriert und wenig fokussiert.
Bietet das Buch mit der Innensicht Luries genügend Nahrung für Gedanken, folgt man hier hilflos den Aktionen und bekommt nur spaltweise Einblick in das Innenleben der Menschen.
Brilliant, wenn etwa Lurie Byrons „Lucifer“ zitiert und sich selbst umschreibt oder seine Sicht über seinen Stand mittels eines Wortgefechts im Hörsaal verschlüsselt präsentiert, aber das sind nur Fingerzeige, das Meiste hat der Zuschauer selbst zu erarbeiten und die Hautfarbenproblematik ist so subtil untergebracht, daß sie vielen Zuschauern gar nicht auffallen wird.
Als Zustandsbeschreibung des heutigen Südafrika ist der Film sicherlich innovativ, aber er verlangt ein kaltes Opfer an Abarbeitung und reißt weder mit, noch kann er wirklich bewegen – der Antrieb erfolgt durch ein fast perverses Faszinosum an dem Ekel Lurie, der unbemerkt und ungewollt die Position des Zuschauers einnimmt.
Chancen außerhalb eines Arthauszirkels erscheinen da schon sehr bald unwahrscheinlich – Literaturkenner und politisch Motivierte trifft man nach dem Film bestimmt noch bis zum Morgengrauen im Nachtkaffee beim Diskutieren. Und ich wage zu behaupten: Buchkennern erschließt sich der Film, Filmzuschauer werden jedoch kaum zum Buch greifen, dazu kostet „Schande“ zu viel Energie. (6,5/10)