„Von wegen, kleine grüne Männchen…“
Nach dem vermeintlichen Ende der höchst erfolgreichen kanadisch-US-amerikanischen Science-Fiction/Mystery/Horror-Serie „Akte X“ nach fünf Staffeln, an deren Ende die X-Akten vernichtet und die Abteilung um die FBI-Agenten Mulder (David Duchovny, „Ein Hund namens Beethoven“) und Scully (Gillian Anderson, „The Turning“) offiziell geschlossen wurde, versprach man den Fans einen Kinofilm, der direkt an die Serie anknüpfen und diverse Fragen beantworten sollte. 1998 kam der mit über 60 Millionen Dollar üppig budgetierte Science-Fiction-Horrorfilm in die Kinos und wurde ebenfalls ein voller Erfolg. Die Regie führte Rob Bowman, der u.a. auch 33 Folgen der Serie gedreht hatte.
Dana Scully und Fox Mulder arbeiten noch immer für das FBI und werden mit einem Bombenattentat auf ein Regierungsgebäude in Dallas konfrontiert. Die Entschärfung der von Mulder entdeckten Bombe misslingt und nach der verheerenden Explosion werden Leichen im evakuiert geglaubten Gebäude gefunden. Während man versucht, Mulder und Scully mitverantwortlich zu machen, sucht ein alter Bekannter von Mulders Vater, der geheimnisvolle Verschwörungstheoretiker Dr. Alvin Kurtzweil (Martin Landau, „Ed Wood“), Mulder auf und unterrichtet ihn von einem Regierungskomplott: Es sei nie geplant gewesen, die Bombe zu entschärfen und das fingierte Attentat hätte der Vernichtung von Beweismitteln für die Existenz eines außerirdischen Virus gegolten. Nach anfänglicher Skepsis ermittelt Mulder auf eigene Faust und stößt auf geheime Regierungskreise, die an Möglichkeiten arbeiten, das außerirdische Virus zu verbreiten. Schließlich wird Scully von einer infizierten Biene gestochen und entführt…
„Akte X“ in Spielfilmlänge und Kinoformat – kann das funktionieren? Natürlich, wie manch spannende und komplexe Doppelfolge zuvor bereits bewies. Ein Großteil des Budgets wurde offensichtlich dafür aufgewendet, den Film auf Blockbuster-Bombast zu trimmen, was sich u.a. in einigen prätentiösen Spezialeffekten, aufwändigen Kulissen/Bauten und diversen Schauplatzwechseln sowie in einem epischen Pomp-Soundtrack widerspiegelt. Ansonsten bleibt man dem Konzept der Serie aber über weite Strecken treu, arbeitet mit denselben Charakteren (neben dem Ermittlerduo z.B. Skinner (Mitch Pileggi, „Return of the Living Dead II“ und „der Raucher“ (William B. Davis, „Es“)) und gesteht ihnen die bekannten Eigenschaften zu. Direkt im Prolog, der zunächst zu den Anfängen der Menschheit führt, räumt man dann auch mit Mulders Annahme auf, dass es vielleicht doch gar keine außerirdischen Besucher gegeben hätte. An diesen Punkt hatten ihn diverse jüngere Folgen gebracht, doch im Prinzip bestanden für den Zuschauer ohnehin nie wirklich derartige Zweifel und auch Mulder ist bald wieder überzeugt. Der Film tut gut daran, hierfür nicht viel Zeit aufzuwenden.
Mit seiner Überlänge bietet „Akte X – Der Film“ indes ausreichend Zeit, um die außerirdische Bedrohung in unterschiedlicher Form zu zeigen, sei als das altbekannte „schwarze Öl“ oder als humanoide Kreaturen. Die abwechslungsreiche Handlung greift viele Fäden der Serien-Rahmenhandlung auf, die neuen Charaktere sind prägnant, interessant und werden von versierten Schauspielern (Martin Landau, Armin Müller-Stahl, „Fünf Patronenhülsen“) gemimt, tragen entschieden zur erzählten Geschichte bei. Wie in manch Serienfolge gilt jedoch auch hier: Beim Wissen um weitere Serienstaffeln inklusive des Hauptrollen-Duos verpufft manch Spannungsszene dramaturgisch, in der wahlweise Scully oder Mulder (oder beide) in Gefahr geraten. Was die zwischenmenschliche Beziehung zwischen beiden angeht, kommen sie sich zwar wieder ein Stück näher, dabei bleibt es aber auch. Einerseits hielt man also – allen klassischen Mann-rettet-Frau-Versatzstücken zum Trotz – der Versuchung stand, die Blockbuster-übliche Kitschromanze einzuflechten, andererseits bleibt auch dieser Film eigenartig entsexualisiert. Am stärksten irritiert jedoch, dass bei all der mehr oder weniger erschöpfenden Beantwortung diverser durch die Serie aufgeworfenen Fragen die eine nach den Motiven der menschlichen Verschwörer und ihrer Klon-Experimente, die bislang durch ihre Skrupellosigkeit auffielen und soviel Leid verursacht haben, mit durchaus hehren Zielen beantwortet wird. Ich weiß nicht, ob sich dies in den vier weiteren Staffeln schlussendlich als weiterer Trugschluss herausstellen wird, in dieser Weise jedoch wirkt es gemessen an Ausrichtung und Tonfall der Serie unpassend und unbefriedigend bzw. mindestens eine Vielzahl neuer Fragen aufwerfend.
Inwieweit der Film auch für Nichtkenner der Serie genießbar ist, vermag ich nicht zu beurteilen, kann mir jedoch gut vorstellen, dass er ebenfalls funktioniert und auf eine Weise Fragen beim uneingeweihten Zuschauer aufwirft, dass dieser nachträglich beginnt, sich für die Serie zu interessieren. Ich gebe zunächst einmal 6,5 von 10 versiegelten X-Akten und hoffe, auch den mir noch unbekannten vier weiteren Staffeln das eine oder andere abgewinnen zu können.