Ganz unverhofft bin ich mit Ugo Liberatores "Nero Veneziano" auf ein Stück hervorragend fotografierten Italo-Horror gestoßen, das noch nicht so recht entdeckt zu sein scheint und in den bis jetzt von mir gelesenen Kritiken auch unverdient schlecht wegkommt. Der Vorwurf eines "Rosemary's Baby"-Plagiats ist Unsinn, denn dasselbe Motiv wird hier unter völlig anderen Vorzeichen behandelt: Während in Polanskis Film eine Schwangere ihr eigenes Kind für den Sohn Satans hält, geht hier der Verdacht von einer außenstehenden Person aus, und es entwickelt sich auch ein völlig anderer Handlungsverlauf.
Hauptfigur ist ein blinder Junge namens Mark, der von seiner Schwester, einer zynischen Kratzbürste, widerwillig behütet wird. Auf allgemeinen Unglauben stößt Mark, als sich ihm in verschiedenen Visionen ein mörderisches Unheil ankündigt, das mit einem schwarzgekleideten Mann in Verbindung steht. Dieser Mann tritt bald darauf tatsächlich in Marks Leben ein, als er mit seiner Schwester, die ein heruntergekommenes Hotel geerbt hat, eine Affäre eingeht. Das Kind, das aus dieser Affäre hervorgeht, hält Mark für die Ausgeburt des Satans.
Der Film ist in vielen Belangen ein Ereignis. Das beginnt bei der hervorragenden, eingängigen und immer passenden Filmmusik von Pino Donaggio und reicht von der sehr charismatischen Schauspielerriege bis zu einer einfallsreichen und teilweise in Staunen versetzenden Kameraarbeit. Marks Visionen sind meistens durch Überbelichtungseffekte gekennzeichnet, die den Figuren, welche ihm erscheinen, eine passend unwirkliche Aura verleihen. Auch sollte man auf die zahlreichen Spiegelungen, Verfremdungen durch Glasscheiben und ähnliche optische Kunstgriffe achten, mit denen durchgängig gespielt wird. Der Höhepunkt ist für mich eine Aufnahme, in der in einem Spiegelbild vier Gesichter zu sehen sind, von denen aber zwei zu derselben Person (Mark) gehören, die in diesem Bild bereits einmal gespiegelt erscheint.
Auch die Umgebung, das für Bilder morbider Schönheit immer wieder sehr fruchtbare Venedig, ist mit seinen Kanälen und verfallenden Häusern sehr gut eingearbeitet. Für Schockeffekte ist reichlich gesorgt: Würmer quellen aus Wasserhähnen und Puppenleibern, fette Ratten klettern aus Brunnendeckeln, Spazierstöcke werden in zarte Wangen gebohrt. Die hygienische Qualität des vermeintlich magischen Wassers, das sich der ahnungslose Mark auf die Augen träufelt, ist auch als sehr fraglich einzuschätzen. Und die abstrakten Skulpturen eines jungen Objektkünstlers, aus denen metallene Stacheln drohend hervorragen, erfahren erwartungsgemäß eine konkrete und sehr wirkungsvolle Zweckentfremdung. Aber diese punktuellen Effekte sind weitaus weniger von Belang als die dichte und magische Atmosphäre, die sich wie ein Dunstschleier über die Szenarien des Films legt. Eine Differenzierung von Wirklichkeit und Einbildung - und in diesem Punkt kann man den Film durchaus mit "Rosemary's Baby" vergleichen - wird mit fortschreitendem Verlauf zunehmend unmöglich.
Bei der Auswahl der Darsteller hat man sich im Falle von Mark und Christine an unschuldig wirkende, junge Gesichter gehalten, die im Laufe der Filmhandlung sehr ins Zwielicht geraten. Die kühle norddeutsche Schönheit Rena Niehaus, deren Figur als engelsgleiches Scheusal und nebenbei recht freizügig angelegt ist, kann als ebenso gute Besetzung gelten wie ihr Filmbruder Renato Cestiè, der die Hilflosigkeit des blinden Mark glaubwürdig vermittelt. Fabio Gamma als Künstler und José Quaglio als Priester können mit ihren kantigen Profilen ebenso überzeugen wie Yorgo Voyagis als aalglatter Eindringling.
Sehr eindrucksvoller italienischer Horrorfilm, der zudem hierzulande ungekürzt auf DVD veröffentlicht wurde.