"Hey, bikini-clad glamazons, godawful lounge music, lumpy choreography, and gore. What’s not to love?" (Frank Henenlotter)
Im Jahre 1963 servierten Herschell Gordon Lewis und David Frank Friedman ein Blood Feast der besonderen Art und schrieben damit nicht nur Filmgeschichte, nein, sie brachten auch die (Drive-In-)Kino-Kassen ordentlich zum Klingeln. Rückblickend verwundert es daher ungemein, wieso niemand - abgesehen von Lewis/Friedman selbst, die mit Two Thousand Maniacs! und Color Me Blood Red der Gore-Schiene natürlich treu blieben - die blutige Kuh melken wollte. Doch halt, dem ist mitnichten so, der Wille war durchaus da, allein das Fleisch war schwach. Oder, präziser ausgedrückt, die Vermarktung. Sowohl Love Goddesses of Blood Island als auch der knapp halbstündige Follow That Skirt (aka Thrill Killer) scheiterten in dieser Beziehung kläglich und verschwanden alsbald in der Versenkung, während The Undertaker and His Pals immerhin einen gewissen Erfolg verbuchen konnte.
Love Goddesses of Blood Island liegt mir in einer achtundvierzigminütigen Fassung vor; keine Ahnung, wie viele Minuten die ursprüngliche Laufzeit betrug. Regie führte ein gewisser Richard S. Flink unter dem Pseudonym Gordon H. Heaver, der ansonsten nur als Mitproduzent von William Grefes unglaublichem Sting of Death in Erscheinung getreten ist (im "richtigen" Leben war er Bauunternehmer und Drive-In-Besitzer). Die meisten Beteiligten an dieser Produktion sind gänzlich unbeschriebene Blätter, bis auf vier Ausnahmen, die da heißen: Hauptdarsteller Bill Rogers, Regieassistent Joseph P. Mawra, Drehbuchautor/Produktionsmanager William Kerwin und der für die Spezialeffekte zuständige Harry Kerwin. Bill Rogers spielte die Hauptrolle in zwei Filmen von Herschell Gordon Lewis (A Taste of Blood und The Girl, the Body, and the Pill) und war auch in Brad F. Grinters Flesh Feast mit von der Partie. Joseph P. Mawra drehte im Anschluß die berüchtigten Olga-Filme (White Slaves of Chinatown, Olga's House of Shame, Olga's Girls, Mme. Olga's Massage Parlor, sowie Olga's Dance Hall Girls). William Kerwin, bereits seit 1952 als Schauspieler tätig, ist in diversen Lewis-Filmen wie Bell, Bare and Beautiful, Scum of the Earth, A Taste of Blood, Suburban Roulette sowie natürlich Blood Feast und Two Thousand Maniacs! zu sehen. Und Harry Kerwin, Williams Bruder, trat unter anderem als Regisseur von God's Bloody Acre, Deadbeat sowie als Ko-Regisseur von Barracuda in Erscheinung. Außerdem geht der haarsträubende Mensch-Quallen-Mutant im bereits erwähnten Sting of Death auf seine Kappe.
Nun aber zurück zu den Liebesgöttinnen der Blutinsel, einem unvergeßlichen Erlebnis der irrwitzig-speziellen Art. Um euch, geneigte Leser, diesen hanebüchenen Irrsinn zu veranschaulichen, ist es leider unumgänglich, diverse Ereignisse zu spoilern (so fern man bei Filmen wie diesem überhaupt von Spoiler sprechen kann). Erzählt wird die Geschichte des Astronauten Fred Rogers (Bill Rogers), der während des Krieges als Pilot eines Kampfflugzeuges tätig ist und damit ins Meer crasht. Mit letzter Kraft rettet er sich mit seinem Rettungsschlauchboot auf eine kleine, tropische Insel und stolpert vom Regen in die Traufe. Denn die Insel, Blood Island genannt, ist nicht unbewohnt, und kaum schlurft er erschöpft über den Strand, macht er auch schon die Bekanntschaft von sechs heißen Amazonen: Aphrodite (Launa Hodges), Rebecca (Carol Wintress), Desiree (Dawn Meredith), Pandora (Liz Burton), Eris (Laura Wood), und Valkarie (Ingrid Albert). Wie er schnell feststellen muß, resultiert der Frauenüberschuß daher, daß die sich auf die Insel verirrenden Männer tagsüber schweißtreibende Sklavenarbeit verrichten und des nachts die sexuell ausgehungerten Grazien beglücken müssen, was selbst der beste Hengst nicht lange durchhält. Und sobald Mann schlapp macht, heißt es Rübe ab, der nächste bitte. Immerhin mangelt es nicht an leckerer Nahrung, wie das sich immerzu drehende Spanferkel symbolisiert. Nach einer Woche ist Fred am Ende seiner Kräfte und kriecht am Zahnfleisch; da erhält er unverhofft Hilfe von der blonden, aus einem japanischen Konzentrationslager entfleuchten Desiree, die mit ihm abhauen will, bevor es ihm ergeht wie dem Nazi (Joe Capriano), den Rebecca bei lebendigem Leib entweidete und ihm zum krönenden Abschluß mit bloßen Händen (!) den Kopf abriß. Als sich die Liebesgöttinnen wieder einmal in Trance getanzt haben (Tanzen zählt zu ihren absoluten Lieblingsbeschäftigungen, wie jeder bestätigen wird, der den Film gesehen hat), bietet sich die ersehnte Gelegenheit, und Fred und Desiree ergreifen die Flucht.
Und jetzt wird's völlig irre. Aphrodite kommt aus dem Busch geschossen, ist über den Fluchtversuch definitiv not amused, und liefert sich mit Desiree einen wilden Catfight (unterlegt mit haarsträubenden Kampfschreien, die mich an besoffene Indianer erinnerten, die gerade eine Postkutsche überfallen), bis die Blondine einen Stein packt und damit die Fresse ihrer Gegnerin poliert. Und das kann man durchaus wörtlich nehmen, denn beim "Stein" handelt es sich in Wirklichkeit um einen bemalten Schwamm, der sich bei jeder Berührung lustig verformt. Desiree tötet Aphrodite, die mit rotbemaltem Gesicht liegen bleibt und versucht, eine Leiche darzustellen. Es bleibt beim Versuch, denn das deutlich sichtbare Atmen steht der Illusion etwas im Wege. Zeit zu verschnaufen gibt es nicht. Plötzlich prescht Rebecca zwischen den Büschen hervor, bewaffnet mit einer Machete. Fred, der dem Catfight ohne einzugreifen geduldig zugesehen hatte, wirft spontan den Speer, den er schon einige Zeit mit sich herumschleppt, und trifft die Amazone - die das Unheil zwar auf sich zukommen sieht, aber nicht daran denkt, auszuweichen - in den Bauch. Schwer verwundet, schreiend, und Blut spuckend, zieht sich Rebecca das Teil inklusive einigen Fleischstückchen raus, verliert danach jedoch das Gleichgewicht und plumpst mit Wucht auf ihre Machete, die sie fatalerweise immer noch in ihrer Hand hält, wodurch sie sich die lange Klinge durchs Auge in den Schädel rammt! Un-faß-bar!
Während Rebecca ihr Leben aushaucht, erreichen Fred und Desiree den Strand, springen auf das Schlauchboot, und paddeln hinfort. Die restlichen Amazonen bewerfen die Fliehenden wütend mit Steinen, die die seltsame Angewohnheit haben, auf der Meeresoberfläche munter vor sich hin zu treiben! Jawohl, richtig vermutet, die Schwämme sind wieder im Einsatz! Wäre der Film hier nicht schon quasi zu Ende, ich hätte abbrechen müssen, da ich den Kampf gegen den Lachanfall - der schon seit Minuten wie ein Vulkan in mir brodelte - endgültig verlor und mir die Sicht aufgrund der tränenden Augen verschwamm. Ich möchte zu gerne wissen, was in den Köpfen der Beteiligten vor sich ging, als sie dieses irrwitzige Trash-Wunder gedreht haben. Da wurden wohl einige Flaschen Wahnsinn auf ex gekippt und dazu die eine oder andere Zigarre der Marke Kokolores geraucht! Daß man diesen einzigartigen Kracher dann mit einem solch kümmerlichen Titel wie Six She's and a He abstrafte, grenzt an schwere, mutwillige Körperverletzung. Love Goddesses of Blood Island floppte, verschwand für viele Jahre von der Bildfläche und galt als verschollen. Was für eine Schande... nicht auszudenken, was H. G. Lewis mit seinem Marketing-Know-how daraus gemacht hätte.
Love Goddesses of Blood Island ist nicht so tabubrechend grausam wie Blood Feast, dafür ist der Streifen jedoch ein gutes Stück schräger und unterhaltsamer. Tatsächlich hat das in Florida gedrehte Machwerk so dermaßen surreale Camp-Qualitäten, daß ich gar nicht anders kann, als ihm die Fun-Splatter-Krone aufzusetzen. Und ich vermute sogar, daß die Macher dies auch so beabsichtigt haben, darauf deuten zumindest der im Abspann auftauchende, offensichtlich gut gelaunte Regisseur, die völlig überdrehte Geräuschkulisse beim Catfight, sowie die allerletzte Einstellung mit Bill Rogers hin. Technisch betrachtet ist der Streifen recht ansehnlich. Die Kamera fängt das Geschehen liebevoll und übersichtlich ein, während die satten Farben (laut Presseheft "In Voluptuous Color") die unwirkliche Stimmung verstärken. Über die schauspielerischen Leistungen hüllen wir besser den Mantel des Schweigens; als Kompensation punktet dafür Al Jacobs' Score (insbesondere der von Neil Patrick dargebotene Titelsong "Love Goddess"), der absolute Ohrwurmqualitäten hat und munter und beschwingt vor sich hin dudelt. Das "Drehbuch" hatte bestimmt keine zehn Seiten, doch die trockenen, mit unschuldiger Miene vorgetragenen Sprüche sind ganz vorzüglich ("He's got to last at least six nights"; "They are love goddesses - they enjoy watching as much as participating", u. ä.). Die Goreeffekte sind von variabler Qualität und reichen von überzeugend (die Entweidung, der "Unfall" mit der Machete) bis lächerlich (die abgetrennten Köpfe, die Schwämme). Love Goddesses of Blood Island muß man natürlich im Kontext der Entstehungszeit betrachten. Nicht vergessen, der Gorefilm war gerade erst geboren und noch kein Jahr alt, und mit einer naiven, unschuldigen Neugier tastete man sich unbekümmert voran, wie ein kleines Kind, das fasziniert mit einem Stock im aufgeplatzten Kadaver eines Igels herumstochert. Da ahnte noch niemand im entferntesten, welche gewaltigen Auswüchse der Splatterfilm noch annehmen würde. Love Goddesses of Blood Island versprüht so verdammt viel irren Charme, daß ich es nicht übers Herz bringe, diese Ausgrabung von Something Weird Video in Kategorien wie "gut" oder "schlecht" zu bewerten. Love Goddesses of Blood Island ist nicht nur jenseits von gut oder schlecht, der ist sogar jenseits von gut und böse. Ein ganz, ganz köstlicher Film, der unbedingt in eine Zeitkapsel gehört. Künftige Generationen werden Bauklötze staunen.