Abgesehen von eingestreuten Referenzen an Allens Vorbilder wie Groucho Marx oder Ingmar Bergman und einigen Anspielungen auf kleine oder große Höhepunkte der Filmgeschichte („House of Wax" (1954) oder „Ladri di biciclette" (1948) werden etwa direkt genannt) bleibt dieser Film Woody Allens, der in seiner langen Karriere von seiner Kunstfigur (mittlerweile auch durch andere Darsteller als ihn selbst verkörpert) mal abgesehen, relativ uneigenständig die Filmsprache großer Vorbilder reproduzierte, am deutlichsten und stärksten ganz konkreten Vorbildern verhaftet.
Pate stehen gleich zwei Klassiker der Filmgeschichte: Preston Sturges Komödie „Sullivan's Travels" (1941), die den inhaltlichen Aufhänger liefert, und Federico Fellinis „Otto e mezzo" (1962), der größte Teile der Struktur und die gesamten formalen Mittel liefert.
„Sullivan's Travels" erzählte die Geschichte eines Regisseurs, der in Zeiten des Weltkriegs und Armut gegen den Willen seiner Produzenten darauf verzichten will, seichte Unterhaltungsfilme zu drehen um stattdessen mit ernsthaften Sozialdramen gesellschaftliche Missstände anzuprangern, schließlich jedoch zu der (fragwürdigen) Erkenntnis kommt, dass launige Komödien den Vertretern unterer Schichten viel mehr geben. In „Stardust Memories" gibt Woody Allen den berühmten Komödien-Regisseur und Komödien-Darsteller Sandy Bates, der geplagt vom Elend in dieser Welt (daran zu verzweifeln zählt geradezu zu den Standard-Gags Allens) keine Komödien mehr drehen mag und sich lieber auf pessimistische Alptraumvisionen verlegen würde, zum Grausen von Produzenten und auch zur Enttäuschung des Publikums, das am liebsten seine „frühen, komischen Filme" schaut - ein unverhüllter Seitenhieb auf bestimmte Allen-Fans, was ihm schnell zum Verhängnis werden sollte: vermeintlich größenwahnsinnig geworden machte sich Allen hier über Anhänger lustig, denen er seinen Ruhm verdankte.
Diese Tendenz (bereits in „Annie Hall" (1976) zu spüren) gipfelt in der Szene, in der Sandy Bates in einem Tagtraum von einem selbsternannten „größten Fan" erschossen wird. Wenige Zeit vor Lennons Ermordung entstanden und damit geradezu prophetisch wirkend, gelingt es Allen hier, eine Hassliebe zwischen Star und Fan festzuhalten: in Maßen sind Fans eine erfreuliche Abwechselung, wird die Beziehung jedoch zu intensiv bis fanatisch, gerät die Begegnung mit Fans zur diffusen, befremdlichen Ruhestörung oder Bedrohung. Allens Sicht auf (s)eine Fangemeinde bzw. die Sicht des Stars auf die Fangemeinde, gespiegelt am Beispiel seines Alter Egos Sandy Bates, ist damit nicht nur eine ehrlich dargestellte Sicht, sondern auch eine, die viele Prominente teilen - was sich hier und da in Interviews entäußert, welche weit weniger Empörung hervorrufen, als es diese Thematik als zentrales Thema in einem autobiographisch orientierten Spielfilm tut.
Anders als Sullivan wandelt Sandy Bates seine Meinung jedoch am Ende des Films nicht wieder um: Sandy Bates liefert seine eigene Vision ab und das Publikum zieht enttäuscht von dannen, nachdem es sich in seiner Hoffnung auf was lustiges getäuscht sehen muss.
In diesem Punkt ist „Stardust Memories" einem „Sullivan's Travels" haushoch überlegen. Die Moral dort war geradezu fatal: Nachdem [Achtung: Spoiler!] Sullivan nämlich nach einer Recherche-Reise durch die Armutsviertel für tot gehalten wird um woanders als gedächtnisloser Fremder zu einer sechsjährigen Strafarbeit verdonnert zu werden, sammelt er dort etliche Erfahrungen in Sachen Ungerechtigkeit und macht an Weihnachten die Erfahrung, dass seine Mithäftlinge im Kino bei einem Pluto-Cartoon erstmals ausgelassen lachen. Danach fasst er den Entschluss, endgültig Komödienregisseur zu werden, um den Ärmsten der Armen somit wenigstens einen Grund zum lachen zu geben.
Soviel Naivität ist freilich ärgerlich: Davon abgesehen, dass die Ärmsten der Armen ohnehin kaum regelmäßig ins Kino gelangen, könnte ihnen ein politisch engagierter Filmregisseur viel eher eine wirkliche Hilfe sein als jemand, der Filme nur dreht um ihnen einen Lacher zu schenken, der helfen soll, das Elend zu ertragen. Zwar weist „Sullivan's Travels" auch düsterere, anklagende Szenen auf, die den Komödienplänen Sullivans nicht entsprechen, dennoch beschäftigen sie sich bloß mit Sullivans Leidensweg und den Zuschauer brauchen Missstände nicht weiter zu stören, als der Held des Films wieder in seinem trauten Heim ankommt... Sturges liefert letztlich ein versöhnliches Filmchen ab, das kein Interesse daran hat, etwas zu ändern, und erklärt diese Einstellung im Film selbst zum Ideal: Einlullen statt Wachrütteln!
Allen schlägt da ganz andere Wege ein: Künstlerische Differenzen zwischen Künstler und einem Massenpublikum erweisen sich besonders in den Augen Finanz-orientierten Produzenten als unvereinbar. Solange finanzielle Interessen im Mittelpunkt stehen und der Film einem breiten Publikum gefallen will/soll, sind aufklärerische Tendenzen und künstlerische Ambitionen erheblich eingeschränkt.
Zudem stellt er überhaupt die Frage, inwieweit der Filmkünstler mit seinen Werken etwas bewegen kann... da erweist sich der Film als etwas hilflos, denn Sandy Bates liefert wie Woody Allen selten mehr als platte Lebensweisheiten ab und suhlt sich in grüblerisch-melancholischer Pose (was freilich äußerst gescheit wirken soll) in pseudophilosophischen Standard-Fragen, die zudem allenfalls oberflächlich geschrammt werden. Die Antwort müsste also lauten: generell kann Kino etwas verändern, ein Bates/Allen ist jedoch der falsche Mann dafür, woraus Allen auch keinen großen Hehl macht, wenn er Sandy Bates überfordert ihn bedrängenden Menschen entflieht und einräumt, er könne weder den Krebskranken, noch Leukämiekranken oder bloß seinen Angehörigen helfen. Dennoch gelingen ihm ein paar beeindruckende Bilder, die das Dilemma zwischen Kunstwerk und Realität sehr intensiv spiegeln: etwa Sandys Räumlichkeiten, in denen eine Zimmerwand Groucho Marx zeigt, während auf der gegenüberliegenden Wand die Erschießung eines Vietcong festgehalten wird.
Dadurch dass Sandy Bates kein politisch engagierter Essayfilmer werden will, sondern ein Normalsterblicher, der viel sagen möchte ohne wirklich was zu sagen zu haben, der zudem nichtmal sein Privatleben geregelt bekommt, ist „Stardust Memories" in erster Linie das Drama eines Einzelnen, der in einer Schaffens- und Sinnkrise steckt. Nicht nur dieser Punkt ähnelt Fellinis Meisterwerk „Otto e mezzo", in dem der Regisseur Guido Anselmi in einem Kurort Erholung sucht, ein neues Projekt vorbereitet, das ihm mehr und mehr entgleitet, und zudem von Produzenten, Kritikern, Reportern und nahestehenden Menschen bedrängt wird.
So muss Sandy Bates in einem Kurort einer Retroperspektive seiner Werke beiwohnen, während er plant, tiefsinnige Filme zu liefern und wird dabei ebenso bedrängt. Formal bleibt Allen dabei durchgängig dicht am Vorbild: er übernimmt die extrem kontrastreichen s/w-Bilder, montiert ebenfalls verschiedene Erzählebenen miteinander zu einem episodenhaft verschachtelten Ganzen und verwendet ebenfalls viele point-of-view shots, die bisweilen gebrochen werden, wenn der Protagonist, aus dessen Augen man zunächst zu sehen scheint, plötzlich selbst ins Bild tritt. Hinzu kommt der Beginn, der den Anfang von Fellinis Klassiker nur leicht variiert und mit der Tonspur von Bergmans „Tystnaden" (1963) ergänzt.
Alles in allem bleibt er dem Vorbild formal und in vielen inhaltlichen Punkten so derartig verhaftet, dass er ungemein von dessen Vorzügen profitiert, die beinahe ungefiltert auch hier auftauchen, gleichzeitig verliert das Werk dadurch aber auch ungemein an Originalität. Negativ kommt dabei hinzu, dass Allens Anleihen beim europäischen Autorenkino dieses (bewusst oder unbewusst) auf vereinzelte Motive reduzieren und ein sehr eindimensionales Bild eines künstlerisch ambitionierten Kinos liefern, das geradezu wie eine Parodie wirkt, welche die vernichtenden Worte einer Kritikerin innerhalb des Films letztlich zu bestätigen scheinen.
Positiv anzumerken sind ein paar grandiose Gags, die - auch wenn sie manchmal durch einigen Leerlauf unterbrochen werden - stellenweise zu Allens besten zählen können, und ein hohes Maß an Selbstironie - etwa dann, wenn Allen seine eigene Ikonographie untergräbt und seine Brille (ein Markenzeichen Allens) mitunter gegen eine anonymisierende 70er Jahre Sonnenbrille eintauscht.
Neben „Annie Hall" (nach dem Francois Truffaut vorausahnte, dass Allen bald schon auch ernste Dramen inszenieren würde - eine Entwicklung, die sich in „Stardust Memories" in gebündelter, intensivierter Form gespiegelt findet), „Manhattan" (1979) und „Zelig" (1983) sicherlich Allens bester Film; wenn auch nicht sein lustigster - das dürften wohl eher „Love and Death" (1975) oder „Sleeper" (1973) sein: eben die „frühen, komischen" Filme.
8,5/10