Review

[Kritiker] dachten, die Hauptfigur sei ich! Keine fiktive Figur, sondern ich selbst, und ich drückte Feindseligkeit gegenüber meinem Publikum aus. ... [D]as war keineswegs der Sinn des Films. Es ging um eine Figur, die offensichtlich eine Art Nervenzusammenbruch erleidet und trotz ihres Erfolgs an einem Punkt in ihrem Leben angelangt ist, an dem es ihr schlecht geht.

~ Woody Allen

Dramödie von Woody Allen, für die er für den Writers Guild of America Award als beste direkt für die Leinwand geschriebene Komödie nominiert wurde, aber welche auch in fatalerweise das Leben vorwegnahm, wo die Realität die Fiktion einholte und das Sein den Schein; der Mordanschlag von Mark David Chapman auf John Lennon nur wenige Wochen nach dem Kinostart hier, keine direkte Inspiration, aber ein Spiegelbild mit, welches den Blick auf den Film damals im Nachhinein mit veränderte, ansonsten der Anfang eines glorreichen Schaffens in den Achtzigern, mindestens eine Wiederholung der Glanztaten aus den Siebzigern, eine hohe Leitlinie gesetzt und sie beachtet und gewürdigt. Veröffentlichungsdatum 26. September 1980, auch mit dem Arbeitstitel "Woody Allens Herbstprojekt" besetzt:

Sandy Bates [ Woody Allen ] ist Regisseur von Komödien. Sein neuester Film endet mit einer surrealen Szene, die den Produzenten nicht gefällt und woran sie herumdoktorn wollen. Zudem wird er von seinem Manager daran erinnert, dass er an einer Wochenend-Retrospektive seiner Filme im Stardust Hotel an der Küste von New Jersey teilnehmen soll, was er eher widerwillig annimmt, zumal er das ganze Wochenende über von Erinnerungen an Dorrie [ Charlotte Rampling ], eine ehemalige Geliebte mit psychischen Problemen heimgesucht wird, was er mit Flirtereien der eigentlich einen Freund habenden Daisy [ Jessica Harper ] überspielt. Am nächsten Tag trifft Sandys derzeitige Geliebte Isobel [ Marie-Christine Barrault ], eine verheiratete Mutter zweier Kinder, im Hotel ein.

"Zu viel Realität ist nicht das, was das Publikum will."

United Artists hier noch A Transamerica Company, Rollins und Joffe am Produzieren, die Darsteller nach ihrer Wichtigkeit, nicht nach alphabetischer Reihenfolge aufgezählt, Allen zuerst in der Liste, vor Rampling, vor Harper, vor Barrault und Roberts, das die ersten und einzigen Leute, die in den Credits erwähnt werden, der Jazz auf Tonspur ist bekannt, Gordon Willis als Kamera ist schon die zweite Miete, das Pfund zum Wuchern, damals eine stete Kombination, der Director und der Director of Photography in einem Atemzug. In s/w auch gehalten, glorreich die Bilder, ein Abteil erst zeigend, mehrere Menschen vereint, Fremde und Unbekannte auf engsten Raume, die Uhr klickert und klackert, der Zug steht, er fährt nicht, es wird sich umgeblickt, mal misstrauisch, mal argwöhnisch. Lärm kommt auf, nicht von den Passagieren, nicht von den Mitreisenden, auch nicht den gegenüber auf dem Gleis Fahrenden, sondern durch die Maschine selber, ausgestoßener Dampf, eine Frage im Stillen, im Stummen, es wird sich bewegt, in unterschiedliche Richtungen, voneinander weg, vorher ein junges Mädchen entdeckt. Anhalten will man den Zug hier, das Leben. Das funktioniert so nicht, eine Frage des Trägheitsmomentes, ein Blick woandershin, der Blickt entrückt, nicht verzückt. Nah ist man bei den Darstellern, ein Film ist das, es wurde den Produzenten und Kritikern zugleich vorgespielt, ein Auszug aus einem Film, ein Film im Film, "Eine Komödie soll das sein?", und "Das Schrecklichste, was ich je gesehen habe." lauten die eindeutigen Kommentare, die Zuschauer entgeistert, aufgeregt und aufgerüttelt hin und her geisternd. Silhouetten vor der weißen Leinwand, "Er ist überhaupt nicht mehr komisch.", wegnehmen will man dem Regisseur den Film, private Wehwehchen als prätentiöse Kunst verkauft, schon so oft gesehen, dem Publikum ein Überdruss.

Allen telefoniert im dröhnenden Straßenverkehr, der Analytiker ist fest eingeplant im Terminkalender, viel Hektik hier, viel in Bewegung, das Leben modern, die Kunst veraltet, ein von Zwang und Neurosen geplagter Mensch, von der Umwelt überrannt, von den vielen Terminen und dem Druck der Anderen. Kopfschmerzen bekommt der Mann hier, die Sachen leger, Jeans und T-Shirt, das Valium in der Hand haltend, dringend nötig für das weitere Dasein, plötzlich ist es ruhig im Studio, im Loft, hinten ein großes Bild aus Historie, der Kopfschuss, mit dem der südvietnamesische Polizeikommandanten Nguyễn Ngọc Loan in Saigon den festgenommenen Vietkong-Guerillakämpfer Nguyễn Văn Lém auf offener Straße ermordet, ein grausiges Geschehen, eine Befragung. Über die Schrecklichkeit der Existenz wird geredet, Rampling plötzlich im Bild, geschickt von der Kamera eingefädelt, sie vorher einfach nicht in den Kader genommen, nun im Zentrum, im Mittelpunkt. Von anderen Medikamenten spricht man hier auch, von Lithium oder Meskalin bspw., das abgesetzt und wieder angesetzt wird, Upper und Downer, frei auf Rezept, ein Spezialeffekt gibt es auch. Eine Handlung ist da noch nicht ersichtlich, ist nicht so wichtig, es geht um einen Mann, einen Menschen, einen Filmemacher, dem ein Wochenende bevorsteht, Orson Welles wird erwähnt, einer der Marx Brothers, Fahrraddiebe, wieder wird es stumm um den Menschen herum, die Nerven nur noch "kleine Stümmelchen", eine Retrospektive am Zeigen, das Lebenswerk auf der Leinwand, hier gefeiert, vorher verabscheut, je nach Gelegenheit und je nach Werk. "Was wollten Sie aussagen mit ihrem Film?", es gibt etwas Wortwitz, die Trauer wird angereichert mit Pointen, das Publikum lacht, es feiert das Genie der Komödie, ein steter Andrang, eine Wohltätigkeit.

Viele Antworten werden erwartet, viele Menschen im Bild, mehr Allen als Rampling, Rampling hervorstechender in der Kameraführung, nicht so umeilt, nicht so bedrängt, nicht so eifrig umschwenkt, mehr in Ruhepositionen eingefangen, in traurigen, in einsamen Posen. Typische Redensarten werden hier geboten, werden gezeigt und feilgehalten, es wird die Vergangenheit und Theorien erwähnt, es wird sich mit der nachwachsenden Generation unterhalten, den jungen Menschen, die ihn vergöttern, die das Neue Hollywood feiern und begehren, die die Nahaufnahmen wollen, die in die Kamera blicken und Worte und Sätze von sich geben, die sich aufdrängen und mitspielen wollen, die keine Nähe und keine Distanz kennen. Beobachtungen werden hier gemacht, die Tendenz zum Schönen bewundert, die Menschen, die man sprechen will, sind eher fliehend, die, die man nicht sprechen will, drängen sich einen auf; das Schicksal des Lebens, das Karma, Glück und Küsse im Film, im filmischen Regen, dazu Aufnahmen, die gestellt sind oder nicht, die improvisiert sind oder nicht, wer weiß das hier schon, so wichtig ist es auch nicht. Rampling behauptet sich neben Allen, trotz mit oder ohne Lithium, sie drückt mehr Sexualität aus als die anderen Darsteller sonst, sie läuft auch freizügiger herum, ein zweiter Spezialeffekt vor einem dritten.

Manche der Frauen haben ein Oberteil mit Allens Porträt an, das sind so die Ausnahmesituationen, viel passiert hier, man fühlt sich müde und nicht in Stimmung, dann wird das Programm unterbrochen, es gibt grundsätzlich verschiedene Szenen hier, "Ihre Filme sind immer psychologisch, nicht politisch.", Narzissmus wird einem vorgeworfen, dann wieder Wortwitz, wieder Pointen, eine Komödie in einem Drama, eine Dramödie, keine Beichte, eher ein Rausch, zu viel Upper und zu wenig Downer, zu viel konsumiert und zu wenig ausgeruht, viel fabuliert, viel ausgedacht, viel angelacht, "Wir haben alle ihre Filme gesehen." - "Alle Scheiße." mitten im Szenario, wildfremde Menschen sprechen einen an, manche wollen etwas loswerden, manche wollen ein Autogramm vom "Meister der Verzweiflung", grundverschiedenes in Text und in der Optik, ein Versuch der Klarwerdung, der Beruhigung, des Sinnierens, mal gibt es Streit, mal gibt es Lobpreisung, die Facetten des Lebens, die Vielfalt der Gestaltung.

Über sich selber und das Wesen an sich wird hier referiert, wird pointiert, wird kommentiert, wird dirigiert und paraphrasiert, ein konstantes Durcheinander, eine durcheinander konsumierte Konstante, mal lustig, meist traurig, oft verwirrt und verwirrend und dennoch geradlinig, mit einem Plot für den Bierdeckel: die Erlebnisse eines Kunstschaffenden kurz vor oder während oder nach einer Krise. Eine Satire, eine Groteske, eine Ozymandias Melancholia, eine Sentimentalität, eine Verhohnepipelung, ein Surrealismus, eine Humoreske, eine Tragödie, ein Liebesfilm, eine "philosophische Schmonzette", zwischendurch wird der eigene Kopf geschüttelt über die Szenen und Sätze, über "das Gerippe mit Brille", über die Liebe, die plötzlich angesprochen wird aus reiner Laune, vorher geht es nur um den Film. Szenen mal kurz und mal lang, die Figuren kaum vorgestellt, eine Schwester gibt es hier, eine Mutter, eine Geliebte, mal der Blick nach hinten, mal nach vorn. Es gibt einen Chauffeur auch, der zwischendurch verhaftet wird, mitten auf dem Highway, ein Film über einen Polizisten auch angeregt von den Beamten, den Film würde man auch anschauen, es wird kein Aktionfilm sicherlich, soviel kann man schon sagen, es wird (trotz rasender Streifenwagen) alles mögliche, aber kein 'normales Werk', es wird am Film herumgepfuscht, an dessen Ende auch noch. In den Jazzhimmel kommt man (dort) zwischendurch auch, "heute beten sie, morgen töten sie", eine grausige Wahrheit, zwischendurch entsteht Grausamkeit aus Wahrheit und Schönheit, von jetzt auf gleich, man bekommt Angst davor, mitten in den Szenen, mitten in den schönen Bildern. Ein Hotel heißt hier Stardust, am Strand gelegen, am Meer, welches man selten in Ruhe beobachten darf – gedreht wurde meist in New Jersey, in der Küstenstadt Asbury Park, in Bradley Beach, und Ocean Grove – , leise Musik zum Ausklingen, gut besucht am Abend, zum ruhigen Tanze; das Hotel spielt keine Rolle im (ruhelosen) Film, es stellt einmal den Hintergrund für ein Gespräch dar, für eine Reflexion, ein leichter Zug von Verlorenheit, die Nerven längst durchgedreht, wie eingangs der in Flammen stehende Backofen, der Spezialeffekt #1 längst niedergebrannt.








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