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Leonard (Tommy Biondo) ist ein sadistischer Serienkiller. Er liebt es seine Opfer vor deren Ermordung ihre Gefühle und Ängste in einem Scrapbook aufschreiben zu lassen. Auch sein neuestes Opfer Clara (Emily Haack) möchte er dazu bringen, sich in seinem Buch zu verewigen. Um ihre Phantasie etwas anzuregen foltert und vergewaltigt er die junge Frau. Diese erträgt alle Qualen und wartet auf den richtigen Zeitpunkt, um sich an ihrem Peiniger zu rächen...

Dieser Film polarisiert : entweder man lässt sich komplett auf den Film ein und sieht ihn als eindringliche, tabubrechende Charakterstudie oder das Geschehen lässt einen mehr oder weniger kalt, weil man in dem Film einen sinnlosen, handlungslosen Sicko sieht. Im ersten Fall wird der Film den Zuschauer deprimiert oder sogar am Boden zerstört zurücklassen. Ich persönlich dagegen tendiere eher zur zweiten Meinung und muss sagen, dass ich mit dem Film nichts anfangen kann. Wie soll man diesen Film beschreiben? Er wirkt für mich wie ein Experimentalfilm : es gibt kaum schnelle Kamerafahrten und die Aufnahmen sind teilweise ziemlich verwackelt als ob sie mit einer Handkamera aufgenommen worden wären. Das ist natürlich beabsichtigt um dem Film dokumentarischen Charakter zu verleihen. Dazu passt auch das Bild der "Raptor" - DVD : es ist (beabsichtigt?) ziemlich verrauscht und die Farben wirken stark ausgewaschen. Der "Soundtrack" ist ebenso ziemlich minimalistisch gehalten, aber die schrägen Töne nerven eher, als dass sie zur Erzeugung von unheimlicher Atmosphäre beitragen würden.

Inhaltlich hat der Film nicht viel neues zu bieten : es geht darum, dass Leonard seine Geisel Clara dazu bringen möchte die letzten Seiten in seinem Scrapbook zu füllen. Er erzählt ihr Geschichten (wie er seinen ersten Mord beging, wie er Sex mit einer Prostituierten hatte usw.), denen sie geduldig zuhören muss. Obwohl der Film vorgibt eine Charakterstudie eines kranken Menschen zu sein (so interpretiere ich es zumindest), ist das Motiv des Massenmörders Leonard eher klischeehaft : es ist in seiner Kindheit zu suchen, wo Leonard von seiner grossen Schwester zum Inzest verführt und schliesslich von seinem grossen Bruder vergewaltigt wurde. Dazu kommt eine gewisse Geltungssucht, die man in einer Sequenz heraushört, wo Leonard davon spricht, dass er nicht länger ein Niemand sein möchte. Übrigens: die Sequenz, in der Leonard von seiner Schwester zum Inzest verführt wird, interpretiere ich als Hommage an die Anfangssequenz aus "Halloween", in welcher der junge Michael Myers seine grosse Schwester tötet. In mehreren Punkten ähneln sich die beiden Sequenzen: beiden Szenen wurden an einem Stück gedreht und kommen minutenlang ohne einen einzigen Schnitt aus, in beiden Szenen spielen der kleine Bruder und und die grosse Schwester die Hauptrollen und in beiden Szenen sieht man das Geschehen ausschliesslich aus der Sicht des kleinen Jungen. Der grosse Unterschied der beiden Szenen liegt in dem Täter : in "Halloween" ist es Michael , der seine grosse Schwester mit einem Messer ersticht, während es in "Scrapbook" die grosse Schwester ist, die die sexuelle Unerfahrenheit ihres Bruders ausnutzt. Damit aber tut sie ihrem Bruder schreckliches an, denn diese Erfahrung ist einer der Gründe, weshalb Leonard später zum Massenmörder wird.

Was die Schauspieler angeht, so muss zunächst gesagt werden, dass Leonard äusserlich dem Prototypen eines Serienmörders entspricht : auf den ersten Blick eher schüchtern-zurückhaltend, kaputte Zähne und gelbe Finger vom Zigarettenrauchen. Tommy Biondo spielt den psychopathischen Leonard sehr aufopferungsvoll, er übertreibt es nur manchmal etwas hinsichtlich Gestik und Mimik. Emily Haack als Clara macht ihre Sache ausgezeichnet, ihr nimmt man die Rolle als geschändete Geisel jederzeit ab. Erstaunlich ist, dass die beiden Hauptdarsteller all das mitmachen, was ihnen das Drehbuch abverlangt. So muss Clara Leonard´s Penis in den Mund nehmen, ihn mit der Hand befriedigen, sich von Leonard auf den Körper urinieren lassen und einiges mehr. Ich mag mich täuschen, aber für mich scheinen diese Szenen nur zum Selbstzweck in den Film integriert zu sein, um Tabus zu brechen und so einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erreichen - vielleicht tue ich Regisseur Eric Stanze mit dieser provokanten Einschätzung aber auch Unrecht. Neben den beschriebenen Perversionen sind in dem Film noch eine handvoll Splatterszenen enthalten, die dem Film einen sleazigen Charakter verleihen. Angesichts der Dinge, die man hier zu sehen bekommt, verwundert es nicht, dass der Film (laut des Booklets der "Raptor" - DVD) in England für eine 18er Freigabe 20 Minuten hätte geschnitten werden müssen.

Fazit: nur um nicht falsch verstanden zu werden : eigentlich mag ich Filme abseits des Mainstream und vorallem abseits der aalglatten Hollywoodunterhaltung sehr gerne. Dieser Film aber ist mir einfach zu extrem und vorallem werde ich das Gefühl nicht los, dass der Film einfach nur ein Sicko sein möchte. Dieser Streifen hat nichts mehr mit Unterhaltung im ursprünglichen Sinn zu tun, und daher kann ich ihm nichts abgewinnen. Paradoxerweise kann ich aber auch die Leute verstehen, die den Film mögen - wie so oft im Leben ist alles eine Frage der Sicht ! Daher kann ich nur jedem Volljährigen, der sich den Film zutraut, empfehlen: DVD besorgen, Film anschauen, selber Meinung bilden.

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