Review

Dokus über den FC St. Pauli gibt es natürlich mehrere, Joachim Bornemanns abendfüllender Dokumentarfilm „Sankt Pauli! Rausgehen – warmmachen – weghauen“ aus dem Jahre 2008 aber war immerhin eine Kinoproduktion. Bornemann begleitete die 1. Herrenfußballabteilung des Vereins während der Regionalliga-Saison 2006/2007 (der damaligen dritten Liga) sowie darüber hinaus und lässt diverse Protagonisten ausführlich zu Wort kommen.

Bestimmende Themen sind der (damals gelungene) Aufstieg in die zweite Liga und der Stadionumbau, der endlich in Angriff genommen wurde. Ausgehend von einer Teambesprechung des Trainers Holger Stanislawski mit seiner Mannschaft am 25. Mai 2007 springt Bornemann munter achronologisch durch die Zeit, was eine klassische Dramaturgie untergräbt, aber die Gelegenheit bietet, unterschiedliche Aspekte davon losgelöst näher zu beleuchten. Neben Stanislawski, der auch außerhalb der Kabine seine Gedanken zum FC St. Pauli mit dem Filmteam teilt, wird der damalige Vereinspräsident Corny Littmann, ein offen homosexuell lebender Geschäftsmann aus dem Theaterkulturbetrieb, porträtiert und in seinem Vorhaben begleitet, den Stadionumbau zu ermöglichen.

Weitere Köpfe sind der ehemalige Fanbeauftragte Sven Brux, mittlerweile Veranstaltungsorganisator des Vereins, der ganz privat beim Angeln begleitet wird, Zeugwart Claus-Peter „Bubu“ Bubke, der schon seit 1986 dabei ist, Fanclub-Sprecher und Straßensozialarbeiter Roger Hasenbein, der die Perspektive weg vom Verein, dafür hin zu den Kiezstraßen ums Stadion herum lenkt, Merchandiser Hendrik Lüttmer und Inga Waßmuß, die Leiterin der Frauenfußballabteilung des FC St. Pauli – die zugleich im Fanshop mitarbeitet.

Wir sehen den Abriss der Südtribüne, Kabinenansprachen, Bilder aus dem Clubheim, vom Hafen und aus dem Viertel, wohnen einem Stadtteilrundgang mit launigen Kommentaren zur Boxkneipe „Ritze“ bei und erhalten Einblicke ins Training. Hasenbein spricht über Jugendliche auf der Straße und weitere soziale Probleme – und etwas despektierlich über den Gaußplatz, einen Bauwagenplatz im angrenzen Altona. Littmann plaudert über seine Präsidentschaft sowie seine Leidenschaft fürs Theater und unterhält mit seiner unkonventionellen Art. Vereinsinterne Querelen bleiben nicht ausgespart, Verhältnisse wie einst bei Eintracht Frankfurt werden aber nicht erreicht. Lokalkolorit und Szene trifft auf Kiezfolklore, soziale Verantwortung, Vereinsinterna und Finanzielles – einmal alles drin und dran, wenn auch meist nur kurz angerissen.

Die Bilder des entscheidenden Aufstiegsspiels werden dann im Zuge einer gewagten Montage von Radio- und Fernsehaufnahmen unterbrochen, die das faschistoide Vorgehen der Polizei gegen Kritiker und Gegner des damaligen G8-Gipfels in Heiligendamm thematisieren. Entsprechend kommentiert Brux die allgemeine Taktik der Hamburger Polizei. Es wirkt ein bisschen, als würde der politische Anspruch des FC St. Pauli hier mit dem Holzhammer in den Film eingearbeitet; faktisch fanden viele dieser Vorfälle aber unweit des Stadions statt und existierte eine nicht unbeträchtliche Schnittmenge zwischen Anhängerinnen und Anhängern des Vereins und politischen Aktivistinnen und Aktivisten.

Mein persönlicher Höhepunkt des Films sind die Szenen aus dem Aufstiegsspiel, in denen die Kamera am Spielfeldrand ganz nah am vollends unter Anspannung stehenden und sich im Dialog mit seinen Spielern befindenden Stanislawski ist und damit nicht ganz alltägliche Bilder des Trainerjobs liefert. Das „Mittendrin statt nur dabei“-Gefühl im Stadion noch vor dem großen Umbau vermittelt zudem ein ganz spezielles Gefühl von Fußball- und Stadtteil-Nostalgie. Mit dem erreichten Aufstieg endet der Film indes nicht; vielmehr präsentiert er noch im die Stadionentwicklung im Zeitraffer, erste Zweitligaspiele der neuen Saison und schließlich die neue Südtribüne im Mai 2008.

Einerseits ist „Sankt Pauli! Rausgehen – warmmachen – weghauen“ ein schönes Teilporträt der damaligen Ära um Littmann und Stani, um Regionalliga, Aufstieg und das Mammutprojekt Stadionum- bzw. -neubau, zu dem übliche Verdächtige wie Kettcar oder Bela B. die musikalische Untermalung liefern. Andererseits fällt Bornemann sein Konzept, auf jeglichen Kommentar durch einen Sprecher zu verzichten, ein Stück weit auf die Füße, wenn auch jemand, der das damals alles mehr oder weniger mitbekommen hatte, eine einordnende, ins Gedächtnis rufende oder kontextualisierende Erzählinstanz vermisst. Ist halt doch schon bischn her, alles!

Damit richtet sich der Film in erster Linie an Fans des Vereins oder ein fachkundiges Publikum mit entsprechenden Vorkenntnissen und ist damit voraussetzungsreicher, als ich es mir gewünscht hätte – zumal er mit eingangs erwähntem Verzicht auf eine klare Chronologie nicht immer selbsterklärend ist. Für spannende Einblicke in den damaligen Zustand des Vereins, die Themen, die ihn und seine Fans bewegten und die Köpfe, die ihn damals lenkten, Verantwortung übernahmen und Entscheidungen trafen, taugt Bornemanns Film aber allemal!

Details