Robert Downey jr. spielt einen jungen Arzt im London des 17. Jahrhunderts. Er wird er vom König, gespielt von Sam Neill, beauftragt dessen Hund zu retten, was ihm schließlich auch gelingt. Nun wird er vom König für mehrere Jahre als Arzt verpflichtet und steigt in dessen Gunst immer höher, bis er den Auftrag bekommt, die königliche Kurtisane zum Schein zu heiraten und mit ihr aufs Land zu ziehen. Dort soll er sie zwar unterhalten, darf sie aber nicht berühren, als er sich jedoch in diese verliebt, wird er schließlich verbannt und landet in einem Krankenhaus für Geisteskrankheiten, wo er sich in eine Patientin, gespielt von Meg Ryan, verliebt.
Eigentlich konnte mich noch kein Kostümfilm wirklich überzeugen und "Zeit der Sinnlichkeit" ist definitiv der erste, der dies wirklich konnte. Aber nicht nur dies war für mich überraschend, sondern auch das Regisseur Michael Hoffman, der zuvor lediglich die Seifenoper-Parodie "Lieblingsfeinde" gedreht hatte, eine dermaßen virtuose Arbeit auf die Leinwand bekommen würde und, dass er in Anbetracht des Budgets von nicht einmal 20 Millionen Dollar einen dermaßen bekannten und ausgezeichneten Cast zusammenbekommen würde.
Wie bei den meisten Filmen des Genres ist die Ausstattung opulent und ahnsehnlich, die Kulisse mit hohem Schauwert stark in Szene gesetzt und die Musik getragen, stilvoll und melancholisch. Handwerklich betrachtet sind also die wesentlichen Vorzüge des Genres allesamt vorhanden und ein hoher Schauwert gegeben. Die Atmosphäre der stilvollen Nostalgie liegt die ganze Zeit über in der Luft und Fans Genres werden so auf jeden Fall auf ihre Kosten kommen. Aber im Gegensatz zu anderen Regisseuren verliert sich Michael Hoffman nicht in seiner Optik und auf überflüssigen Nebenschauplätzen, sondern bringt die Handlung immer dem roten Faden folgend gekonnt voran. Das Tempo ist genau richtig, er lässt jeder Nebenhandlung genug Raum in seinem Film und erreicht so einen hohen Tiefgang, hält das Tempo aber immer so hoch, dass der Film zu jedem Zeitpunkt unterhalten kann. Mit Hilfe seines überragenden Casts baut er so zunehmend Dramatik auf, die er zum Ende hin immer weiter steigern und somit wirklich fesseln kann.
Anfangs werden die Charaktere, allen voran die Hauptfigur, überzeugend vorgestellt und direkt vielschichtig konstruiert. Anschließend kommt der Film ein bisschen langsam in Gang, Hoffman nutzt aber die Zeit, um ein zeitgenössisches Sittengemälde und eine vielschichtige Milieustudie einzubauen und dabei deutlich Kritik am gesellschaftlichen London des 17. Jahrhunderts zu äußern. Im Mittelteil zeigt Hoffman dann, dass der Film seinen Titel "Zeit der Sinnlichkeit" definitiv nicht umsonst bekommen hat und setzt die Momente, in denen deutlich wird, dass Downey jr. den Reizen der königlichen Kurtisanen erliegt mit viel Leidenschaft, Ruhe und Ausdruckskraft, wie man sie wirklich nur selten zu Gesicht bekommt in Szene. Dann baut er die 180°-Wende der Handlung geschickt ein und kann so überraschen, vergisst aber nicht auch die Veränderung seiner Hauptfigur überzeugend darzustellen und die Sympathie des Zuschauers für die Figur zu erwecken, die sich vom ausschweifend lebenden Arzt immer mehr zum edlen Helfer entwickelt.
Auch Kulisse und Ausstattung ändern sich im zweiten Teil des Films, während der erste Teil noch bunt und farbenfroh war, wird der Film immer düsterer und steuert langsam aber sicher auf die Leiden der Pest zu, die übriges auch stark dargestellt werden und auf den großen Londoner Brand. Dabei liefert die Handlung einige Überraschungen und bleibt weiterhin weit jenseits des Altbekannten und Kalkulierbaren und auch wenn Hoffman es sicherlich ein bisschen mit der Dramatik übertreibt, bleibt der Film doch fesselnd, da man als Zuschauer schon voll dabei ist. Beim Finale gibt es dann Wendungen im Sekundentakt und der Film ruft im Zuschauer in nur fünf Minuten von Angst, über Mitleid, bis hin zu Hoffnung so ziemlich alle möglichen Gefühlsregungen hervor und so wird "Zeit der Sinnlichkeit" jedem, der ihn gesehen hat, wohl lang im Gedächtnis bleiben. Die Wandlung der Hauptfigur wird am Ende auch vollendet und abgeschlossen und auch die Entwicklung der Nebenfiguren bleibt detailliert und vielschichtig. Bis auf ein paar kleinere langatmige Momente im Mittelteil und einer leicht übertriebenen, teilweise künstlich wirkenden Dramatisierung zum Ende hin kann man dem Film eigentlich nichts vorwerfen, schade, dass Hoffmann später kaum noch in Erscheinung treten konnte.
Robert Downey jr. ist meiner Meinung nach einer der mit Abstand besten Darsteller unserer Zeit und könnte mit seiner hohen Leinwandpräsenz und seiner ungeheuren Vielseitigkeit locker zum Erben von Jack Nicholson werden, wenn er denn ein bisschen mehr Motivation hätte und nicht durch diverse Drogendelikte aufgefallen wäre. Und auch in "Zeit der Sinnlichkeit" gibt es mal wieder eine Kostprobe des begnadeten Darstellers, der von der ersten bis zur letzten Minute die Sympathie des Zuschauers geschickt auf sich ziehen kann und so zu der fesselnden Wirkung des Films beitragen kann. Er stellt alle anderen Darsteller mit seiner hohen Leinwandpräsenz in den Schatten und vor allem am Ende, wenn Regisseur Hoffman ein bisschen zu sehr auf künstliche Dramatik und überproportionierte Gefühle setzt, ist es Downey jr., der diese Gefühle dermaßen authentisch auf die Leinwand bringt, dass der kurze Seelenkitsch kaum stört. Nach der Rolle des Reporters in der Kult-Satire "Natural Born Killers", seinem starken Auftritt in der äußerst anspruchsvollen Rolle des Charlie Chaplin und seiner unglücklichen Nebenrolle in "Julius Cesar Superstar" meldet er sich hervorragend in dieser perfekt gespielten Hauptrolle fulminant zurück. Der restliche Cast ist ebenfalls sehr stark, Sam Neill ist als König überzeugend, auch wenn er mehr kann, als er hier zeigt, Meg Ryan ist wie immer sehr liebenswert und bestens gelaunt, Ian McKellen wie immer britisch und liebenswert und auch Hugh Grant verkauft sich gut. Lediglich Polly Walker ist als die königliche Kurtisane fehlbesetzt, da sie weder so anmutig aussieht, wie ihr Part aussehen sollte, noch so gut spielt, wie der überzeugende Film es verdient gehabt hätte.
Fazit:
Neben der überzeugenden Optik mit opulenter Ausstattung und der sehenswerten Kulisse und den hervorragenden darstellerischen Darbietungen, allen voran natürlich Robert Downey jr., der mal wieder sein enormes Talent unter Beweis stellen kann, bietet "Zeit der Sinnlichkeit" eine unvorhersehbare und vielschichtige Handlung, ein starkes Sittengemälde und eine leidenschaftliche Inszenierung von Michael Hoffmann, der die Dramatik bis zum Finale konstant steigern kann und so den besten Kostümfilm liefert, den ich bisher habe sehen dürfen.
84%