Review

Gesamtbesprechung

Das ist sie also: Die sagenumwobene TV-Serie von David Lynch, die sich partout jedem Einordnungversuch in Genre-Schubladen zu Wiedersetzten scheint.
Lediglich auf ein klebriges Kult-Status-Etikett haben sich Fans und Kritiker unlängst einigen können, trotz relativ kurzer Gesamtlaufzeit.
Wenn man sich die Mühe macht, die zahlreichen Rezensionen und Besprechungen des Werkes zu Durchforsten, trifft man immer mal wieder auf Kommentatoren, die von der besten TV-Serie aller Zeiten sprechen. Hochtrabende Worte. Aber ist da tatsächlich was drann?
'Und ob!' bin ich geneigt zu sagen, auch wenn mir mein Enthusiasmus dabei ein wenig im Hals stecken bleibt. Aber der Reihe nach:

Vom ersten Moment an war ich angetan von der detailverliebten, geduldigen Charakterentwicklung und davon, wie es das unkonventionelle Drehbuch schafft, die vielschichtigen Beziehungen zwischen den handelnden Gestalten des kleinen US-Städtchens Twin Peaks mit genau dem richtigen Taktgefühl und viel Sinn für das emotionale Wirrwarr seiner Figuren zu arrangieren - und das zunächst ohne dabei zur Schmonzette zu verkommen. Die hervorragenden Dialogzeilen leisten ihren Beitrag: Wirken sie doch nur ganz selten deplatziert oder aufgesetzt. Eine Serie die es zu Stande bringt, Seelenschmerz und Freude, tiefe Verzweiflung und Hoffnung so eng und stimmig miteinander zu Verweben hatte ich bislang nicht zu Gesicht bekommen - und da sage noch einer, so etwas sei der Belletristik vorbehalten.


[ACHTUNG: AB JETZT SPOILER!]


Wobei das emotionale Paradestück für mich ohne jeden Zweifel in der vertrackten, von Unwegsamkeit gesäumten Bindung zwischen dem aufopferungsvoll dienstbeflissenen FBI-Agenten Cooper und der frivol-frechen High-School-Schönheit Audrey lag. Die Anziehung zwischen den beiden vermeintlich so grundverschiedenen Charakteren ist in fast jeder ihrer gemeinsamen Szenen nahezu physisch spürbar und hinterlässt beim Zuschauen häufig ein wohliges Gänsehautgefühl.
Statt der Versuchung zu Erliegen, die angebaute Spannung in einem emotionalen Höhepunkt von intimer Begegnung vorschnell zu entladen, konstruieren die Autoren ein gefühlvolles Kammerspiel, das eine verblüffend facettenreiche Emotionalität zulässt und die Intensität der spannungsgeladenen und zugleich stets von einer respektvollen Distanz geprägten Beziehung auf ein neues Level hebt. Dieser Aufbau ist nicht bloß aus dramaturgischen Gründen so reizvoll, sondern er wird erst in dieser Form der komplexen Charaktergestaltung gerecht:
Cooper ist sichtlich bemüht unter voller Ausschöpfung seiner Selbstdisziplin und getrieben von Pflicht- und Schuldbewusstsein, dem Wunsch nach einer intimen Beziehung mit der jungen Audrey zu wiederstehendem - ohne in der Lage zu sein, seine tiefe Zuneigung zu ihr zu verbergen.
Letztere dagegen ist fasziniert von der Integrität und Gutherzigkeit des Agenten, der sie nicht als bloßes Naschwerk sondern als bewundernswerte, charakterstarke Frau wahrnimmt und ihr nicht zuletzt deswegen zu wiederstehen bemüht ist, da er sie nicht in Gefahr bringen will.

Die aufwühlende Beziehungskonstellation hatte mich an Lois und Clark in der 90iger Superman TV-Serie erinnert, wo die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten bis spät im Serienverlauf als tragendes Leitmotiv und institutionalisierter Spannungsbogen herhielt, ohne romantisch-intime Ausmaße anzunehmen, weswegen ich seinerzeit der ansonsten eher mau inszenierten und allzu sehr auf breite Zuschauerverträglichkeit getrimmten Klamotte bis zur Ausstrahlung der letzten Folge treu geblieben war.
Aber zurück zur Audrey-Cooper Beziehung. Die ja schon zu Genüge gelobten Autoren entwickeln ganz genau bis zur 19. Episode der Serie ein absolut faszinierendes Verhältnis zwischen zwei deliziös ausgearbeiteten Charakteren.
Emotionale Höhepunkte mangelt es dabei nicht: Die Szene, in der die gefangene Audrey eines Nachts mit gefalteten Händen in rührseeliger Verzweiflung den nicht anwesenden Cooper anfleht ihr zu helfen, als würde sie ihn anbeten, gehört in jedem Fall dazu.
Und wie verwertet das Drehbuch diese Vorarbeit?
Ganz einfach: Es lässt das kleine Meisterwerk an knisternder, elektrisierter zwischenmenschlicher Anziehung ab der 20. Episode wie eine heiße Kartoffel schlichtweg fallen. Ab sofort geschieht einfach gar nichts mehr: Keine Gefühle, kein Blickkontakt, fast keine gemeinsamen Szenen. Wenn man sich ausschließlich die letzten 10 Episoden anschauen würde, müsste man folgern, dass das einzige, was zwischen den beiden jemals herrschte völlige Gleichgültigkeit und Desinteresse war. Als Ersatzbefriedigung wird der irritierte Zuschauer stattdessen mit zwei aus dem Hut gezauberten Figuren überrumpelt, die das Herz von Cooper und Audrey ohne Umschweif im Sturm erobern und - als müsste man das bis zum Serienfinale unbedingt noch über die Bühne bringen - auch sofort mit ihnen in die Kiste hüpfen (also getrennt voneinander).

Spätestens jetzt machte ich mir ernsthafte Sorgen, ob Lynch in seiner Experementierlaune nicht ein wenig übers Ziel geschossen war, und das Skript für das letzte Drittel der Serie den fleißigen GZSZ-Autoren überließ. Die Ähnlichkeiten mit unserer deutschen Vorzeigeserie sind jedenfalls im letzten Teil der Serie mehr als frappierend, wo Beziehungskisten plötzlich nur noch auf Groschenroman-Niveau abgehandelt werden.
Da wäre zunächst John Justice Wheeler - fleischgewordener Traum aller Schwiegermütter. Der schmalzige Cowboy kommt mal eben im eigenen Jet in Twin Peaks vorbeigerauscht und wirkt dabei mit großem Abstand eindimensionaler als jeder andere Charakter der Serie.
Unsere vormals so wählerische und kluge Audrey, eben noch hartnäckig bemüht, Cooper für sich zu gewinnen ("mein Herz gebrochen und mein Leben gerettet"), wirft nun plötzlich alle Gefühle und Ambitionen über Board und sich selbst dem aalglatten Dauergrinser eilig an den Hals - und bettelt sogleich um rasche Entjungferung. Dabei hätte der aufmerksame Zuschauer eigentlich erwarten müssen, dass Audrey diesem charakterschwachen Langweiler bloß müde lächelnd die kalte Schulter zuwendet - aber weit gefehlt.

Zu guter Letzt betritt auch noch die über Jahre hinter Klostermauern verschollene Annie das Pakett. Kaum hat sie sich ihrer Ordenskutte entledigt, angelt sich das ach so schüchterne Mädchen den erstbesten Agenten und paddelt mit ihm in einem an Kitsch und Klischee kaum zu überbietenden Szene vergnügt im Ruderboot über den See. (Zugegeben: Überboten wird das Ganze dann letztlich doch noch, als unser herzensbrechender Möchtegern-John Wayne Wheeler der dahin schmelzenden Audrey bei einem Picknick im Sonnenunterganz ein Liebeslied trällert.)
Cooper ist sofort hin und weg und kann den ganzen Tag nur noch an sein süßes Klostermädchen denken. Von seiner bis vor kurzem gehegten Zögerlichkeit wenn es um intime Beziehungen zu Frauen geht ist nichts mehr zu spüren. Ganz zu Schweigen von seiner Zuneigung zu Audrey, über die er noch kürzlich in sein kleines schwarzes Tonbandgerät flüsterte, er müsse ständig an ihr Lächeln denken wenn er sich eigentlich um Spuren und Beweise den Kopf zerbrechen wollte.
Dabei wäre Annie für sich genommen bestimmt eine interessante Ergänzung der Figurenkonstellation geworden - und als personifizierte Unschuld ein gefundenes Fressen für das unsagbar Böse, das im Wald nur darauf wartet, das wehrlose Fräulein mit Haut und Haaren zu verschlingen - nun, wo ihr die Klostermauern keinen Schutz mehr bieten können. Stattdessen wird sie für eine anspruchslose Rolle als Geliebte des Agenten verpulvert, die binnen weniger Tage jede Form von Zurückhaltung, Schüchternheit oder Erz-katholischer Werte über Bord wirft und es gar nicht abwarten kann für ihren neuen Liebhaber die Beine zu spreizen.

Kurzum: Ein Bruch im Drehbuch ist noch bei keiner Serie so plump, so holprig, dem Zuschauer so vor den Kopf stoßend von statten gegangen wie bei dieser.
Konnte man anfangs noch von einem der besten Skripte in der bewegten Geschichte der TV-Serie sprechen, wird im letzten Drittel vieles von dem über den Haufen geworfen, was einst mit Geschick, Geduld und viel Liebe zum Detail erarbeitet wurden war. Die gemächlich gereifte Beziehung zwischen den Protagonisten endet im größtmöglich denkbaren Desaster: Nicht der Trennung durch Tod, sondern einem teilnahmslosen Vakuum, das den Eindruck erweckt, es hätte sie niemals gegeben.
Der verstört zurückgelassene Zuschauer wird mit eilig zusammengeschusterten Lovestory-Versatzstücken vertröstet, die sich anfühlen, als wären sie frisch aus einer Daily Soap im Nachmittagsprogramm von RTL entsprungen.
Die teils hanebüchenen Handlungsverläufe die sich daraus ergeben lassen sich noch nicht mal mit zugedrückten Hühneraugen an den in sich stimmigen Ablauf anknüpfen, so wie wir ihn bis zur 19. Folge kannten - seinerzeit noch basierend auf einer sehr überzeugenden Charakterstudie. Da hilft es auch nicht gerade, dass manch Nebenhandlung langsam aber sicher in latente Albernheit abdriftet:
Wenn sich Nadine Hurley in Folge eines missglückten Selbstmordversuches plötzlich wieder als Teenager fühlt und, mit übermenschlichen Kräften ausgestattet, Blitzkarrieren als Semiprofi-Ringerin und Cheerleaderin absolviert, um schlussendlich von einem herrunterstürzenden Sack am Kopf getroffen wieder zur verschrobenen Psycho-Tante mit Faible für geräuschlose Vorhangsschienen zurück zu mutieren, mag das zwar als kecke Anspielung auf Asterix - Operation Hinkelstein durchgehen, wirkt sich aber nicht unbedingt postitiv auf die Authentität des Gesamtwerkes aus.
Obwohl: Eigentlich steht man ja als geneigter Lynch-Freund derartigen Kunstgriffen in die Trickkiste des Charakterdesigns recht aufgeschlossen gegenüber. Aber in diesem Fall lässt einen das Gefühl nicht los, dass sich der Meister zum fraglichen Zeitpunkt der Serienproduktion bereits mehr und mehr aus der Verantwortung gestohlen hatte: Seine stilistische und schöpferische Handschrift sind nur noch mit viel Wohlwollen erkennbar, einmal abgesehen von der letzten Episode, für die er dann doch noch einmal selbst das Zepter in die Hand nimmt.
Nach meinem Dafürhalten zu spät: Die Staffel 2.2 war bereits zu sehr zur Mogelpackung verkommen, auf der mehr Lynch draufstand, als am Ende drin war - und das Skript zum Poesiealbum, in das jeder seinen Senf kritzeln durfte, der es in die Finger bekam.
Die Folge ist eine erschreckend unbeholfene Entgleisung eines Teils der Charakterentwicklung, die letztendlich auch den Rest des doch eigentlich exzellent konzipierten, inszenierten und dargestellten Geschehens so sehr in Mitleidenschaft zieht, das es weh tut.

Was bleibt ist eine einmalig faszinierende Serie, die ich sofort ins Herz geschlossen habe, auch wenn sie mich am Ende bitter enttäuschte.
Was solls, beim nächsten Mal anschauen werd ich einfach so tun, als wäre die 19. Folge die Letzte.

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