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Da staunt Walt Lipsky (James L. Edwards, Robot Ninja) nicht schlecht. Wie aus heiterem Himmel steht die hübsche Serena Stalin (Ariauna Albright, Polymorph) vor seiner Tür und behauptet, seine Fassade durchschaut zu haben und hinter sein dunkles Geheimnis gekommen zu sein. Sie weiß, sagt sie, daß er, Lipsky, und der gefürchtete Serienkiller Butch Harlow ein und dieselbe Person sind. Und wenn er ihr etwas antun sollte, dann kann er sich gleich auf einen langen Gefängnisaufenthalt einstellen, hat sie ihre Erkenntnisse doch in schriftlicher Form bei einer Freundin hinterlegt, die sie schnurstracks zur Polizei bringt, sollte sich Serena nicht regelmäßig bei ihr melden. Walt braucht ein paar Momente, um das alles erst mal zu verdauen, verzichtet dann aber auf jegliches Leugnen. Allerdings ist er verwirrt und blickt nicht wirklich durch. Was will die aufdringliche Schnalle eigentlich von ihm? "I wanna learn how to kill", sagt sie ihm ins verdutzte Gesicht. "I want to be a serial killer just like you!" Walt hält das erstmal für einen schlechten Scherz, merkt aber bald, daß es die Frau ernst meint. Todernst. Was bleibt ihm da anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen?

Bereits vor Bloodletting versuchte sich Walsh mit I've Killed Before (1995) an dieser Geschichte, ebenfalls mit Edwards und Albright als Killerpärchen. Mit dem etwa dreißigminütigen Ergebnis war dann jedoch niemand glücklich, sodaß man es zwei Jahre später entsprechend besser machen wollte. Dieses Vorhaben ist gelungen. Bloodletting ist ein interessantes, im Ultra-Low-Budget-Bereich angesiedeltes Independent-Movie, das nicht nur aufgrund einiger extremer Gewaltspitzen Eindruck hinterläßt (dazu später mehr). Daß der in Ohio gedrehte Streifen so gut funktioniert, liegt vor allem an den Leistungen von Edwards und Albright, die den Film mühelos tragen und ihre jeweiligen Figuren recht glaubhaft portraitieren. Die Chemie zwischen den Beiden stimmt, und es ist eine Freude, ihrem Zusammenspiel zuzusehen. Sie bringen das starke Skript mitsamt den vielen Tarantinoesquen Dialogen so gut rüber, daß es fast nie aufgesetzt oder gekünstelt wirkt, wodurch das Geschehen einen gewissen Sog entwickelt. Hätte dieser Aspekt nicht funktioniert, wäre der Film grandios gescheitert, weshalb man die Darbietungen der charismatischen Hauptdarsteller gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Da es an alternativen Identifikationsfiguren mangelt und weil Walt und Serena trotz ihrer mörderischen Aktivitäten recht interessant und "cool" gezeichnet sind, bleibt einem als Zuschauer kaum etwas anderes übrig, als mit ihnen zu sympathisieren. Ihre Opfer sind eindimensionale Luschen, perverse Verbrecher, dämliche Kiffer, gewalttätige Ex-Freunde, streitende Rabeneltern oder nervende Säufer. Mitleid hat man mit denen nicht. Obwohl Bloodletting ein immens brutaler Film ist, so überrascht es doch, daß die Morde zwar sehr heftig, aber nicht übermäßig blutig umgesetzt wurden. Man mag sich gar nicht vorstellen, was ein Gorebauer wie Andreas Schnaas aus diesem Stoff gemacht hätte. Aber gerade dieser Verzicht auf selbstzweckhaftes, episches Blutgespritze verleiht diesen Szenen eine rohe, unangenehme Intensität. Das Sterben tut hier weh, keine Frage, die Begleitumstände sind aber oft komisch. Eine makabre Gratwanderung, die überwiegend gelingt. Hinzu kommt, daß sich durch den gesamten Film ein unglaublich pechschwarzer Humor zieht, der bisweilen die Grenze zum Zynismus überschreitet. Da bleibt einem das Lachen, das hin und wieder das Zwerchfell zu kitzeln beginnt, im Halse stecken. Ein schönes Beispiel dafür ist der erste gemeinsame Mord, der nicht ganz so verläuft wie geplant.

Womit wir bei den fiesen Murder-Set-Pieces sind. Diese haben es, wie schon erwähnt, in sich und sorgen durch ihre rohe Kraft für ein klein wenig Unwohlsein, selbst beim hartgesottenen Publikum. Die krasseste und berüchtigtste Szene ist der Tod eines Neugeborenen (Nicholas Wodzisz als "The Amazing Exploding Baby"). Angemerkt sei, daß der als Priester verkleidete Walt das nicht beabsichtigt hat, sondern es ihm einfach passiert ist. Das Baby gibt Laut, ein blöder Reflex, die Schrotflinte geht los... tja, dumm gelaufen. Was aber nichts daran ändert, daß diese Sequenz ein echt kranker (und wohlkalkulierter) "Jawdropper" ist. Die Szene, in der sich die wutentbrannte Serena in wilder Raserei mit ihren Zähnen am besten Stück eines Mannes zu schaffen macht, steht dem aber nur wenig nach. Auch wenn der Effekt nicht unbedingt realistisch ist, die Wirkung ist dennoch beträchtlich. Ebenfalls sehr gelungen ist die schräge Sequenz in der Videothek. Dort killt Walt Dumpfbacke Lori (Tina Krause, Witchouse 3: Demon Fire), Kiffer Boog (Scooter McCrae, Shatter Dead) und Lesbe Patti (Sasha Graham, Addicted to Murder). Letzterer erfüllt Walt immerhin ihre morbide Wunschphantasie.

Matthew Jason Walsh, Jahrgang 1970, stammt aus dem Dunstkreis von J.R. Bookwalter (The Dead Next Door), der bei Bloodletting als ausführender Produzent fungierte, den Schnitt besorgte und diverse weitere kleinere Tätigkeiten übernahm. Walsh inszenierte selbst nur drei Filme (neben den bereits genannten geht noch The Witching (1993) auf seine Kappe), als Drehbuchautor (z. B. The Sandman, The Killer Eye, Final Stab) war und ist er jedoch wesentlich fleißiger. Regisseur Pete Jacelone (Psycho Sisters), Produzent Michael Raso (Screaming Dead) sowie - cleverer Schachzug! - Michael Gingold vom Fangoria-Magazin (da gab es gleich einen ausführlichen Bericht im Heft) sind in belanglosen Kurzauftritten vor der Kamera zu sehen. Bloodletting zählt zu den besseren Filmen, die das junge, wilde amerikanische Undergroundkino der Neunziger hervorgebracht hat. Er ist bei Gott kein Klassiker des Genres und er hat insbesondere im technischen Bereich einige Defizite, aber für das, was er sein will und letztendlich auch ist, ist er verdammt gut. Ob der letzte Twist, der völlig aus dem Nichts kommt und das Geschehen in einem anderen Licht erscheinen läßt, wirklich nötig war, darüber kann man diskutieren. Nachdenken sollte man über diese überraschende Wendung allerdings nicht zu lange, da sie nicht wirklich viel Sinn ergibt.

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