Review

Manchmal hat man einfach mehr Freude daran, einen Film einfach nur zu sehen, ihn zu erfahren, als hinterher auch noch darüber zu schreiben. Analyse macht eine Menge unterhaltsamer Aspekte kaputt oder verwandelt sie in etwas Formelles oder Faktisches, was eigentlich eine Frage der Emotionen ist.
Ryan Johnsons „The Brothers Bloom“ ist im Wesentlichen die Erfahrung wert, die man mit ihm machen kann, weil das Sujet heutzutage selten verwendet wird, die Personenkonstellationen untypisch und der Humor schwer faßbar sind. Weg von der Zielgruppe schreit das zweite Werk des Regisseurs von „Brick“, der das „Schwarze Serie“-Detektivkonstrukt auf ein High School-Scenario anpaßte und das mit großem Vergnügen und dennoch unendlicher Ruhe.

Ähnlich uneinheitlich wirkt auch (wenn man sich denn den einzelnen Teilen der Summe widmet) „The Brothers Bloom“, eine Trickbetrügergeschichte zwei begnadeter Männer, von der der Eine die Pläne entwirft und der andere zum tragischen Helden berufen ist, indem er die konstruierten Pläne dann in die Tat umsetzt.
Was als scheinbar spritzig-abstruse Komödie mit reichlich Augenzwinkern beginnt, verwandelt sich auf Irrwegen in ein tragisches Beziehungsdrama, mit unterschiedlichem Tempo und wechselnder charakterlicher Gewichtung.

Aber hinter der Unterhaltung steckt auch ein Drama über das immerwährende Jonglieren mit der eigenen Identität, denn Bloom (Adrien Brody) weiß eigentlich schon gar nicht mehr, wer er selbst eigentlich unter all den Rollen ist und sein Bruder Stephen, der im Genie des ewigwährenden Pläneschmiedens ruht oder unter stetem Dampf köchelt, hat diesen Punkt generell schon aus den Augen verloren und lebt eigentlich nur noch für die kompliziert konstruierten Projekte, die nicht selten mit doppelten und dreifachen Absicherungen immer neue Wendungen gebären.

Johnson widmet sich der Grundkonstellation mit einem beiläufigen, aber abgründigen oder abseitigen Humor, der pausenlos nebenbei geliefert wird, wofür schon das fast stumm agierende asiatische Helferlein Bang-Bang sorgt, eine Sprengstoffspezialistin mit vielen Talenten.
Als Abschiedsvorstellung konstruiert Stephen nun einen letzten Coup und nimmt die schön schräge Erbin Penelope aufs Korn und von diesem Moment an fällt das Sicherheitsseil für den Zuschauer: soll dies nun ein echter Coup werden oder macht der Pläneschmieder seinem verzweifelten Bruder eigentlich nur ein Geschenk, in das er sich verlieben soll.
Anfänglich vertreibt der Witz noch die Bedenken: Rachel Weisz spielt die spleenige Erbin so neben der Spur, daß man meint, Monty Python wäre auf Johnny Depps Charakter aus „Benny und Joon“ getroffen. Von diesem Kuriosum von Figur wird sowohl Brody als auch das Publikum beispiellos mitgerissen, sofern es die Abstrusitäten nicht vollkommen ablehnt.

In der Folge jedoch verfolgt der Regisseur und Autor in Personalunion wohl andere emotionale Beweggründe, denn je länger der Betrüger-Plot dauert, je mehr Stationen man anreist, um so normaler erscheint Penelope, um so lebendiger und gefühlvoller wird die Beziehung zu den Figuren, ehe sich Johnson in ein nicht mehr entwirrbares Konglomerat aus Täuschungen und Doppelbödigkeiten ergibt und den Zuschauer endlos an der langen Leine hält, leider so lange, daß man hofft, die stete Verwirrung würde dann doch bitte endlich mal enden.
Schlußendlich wirkt der finale Clou dann doch etwas dramaturgisch forciert, Justus Jonas würde es einen „spezialgelagerten Sonderfall“ nennen, aus dem die Figuren leichter rausgekommen wären, wenn sie es gewollt hätten, doch damit bleibt für Johnson eigentlich alles im konstruierten Rahmen: Brody endet im Überdramatischen und Ruffalo gelingt der ganz große Theatercoup, den man nur einmal spielen kann, wenn es denn überhaupt ein Spiel ist.

Bis dahin muß man dann also genügend Lust an der Spiellaune bewahren, so wie die Darsteller es schaffen, das Skript es aber strapaziert, sonst gibt es Murren über Tempi- oder Stimmungswechsel, wobei wohl nur an der Kombination zu mäkeln ist, wenn man sich schon längst am Haihappen der Zielgruppenvorfertigung verschluckt hat.

So bedient „The Brothers Bloom“ die ganze Palette ansprechbarer Gefühle durch das Kino, reicht von tieftraurig bis brüllend komisch und bindet auf seiner Reise um die Welt den Zuschauer auf den magischen-verzwickten Trip mit ein, ohne ihn zu grundiert ernst zu nehmen.
Mag das alles noch nicht hundertpro ausbalanciert sein, so wäre es Ryan Johnson zu gönnen, daß genügend Leute gerade diese Form reichhaltiger und doch zugänglicher Unkonventionalität zu schätzen weiß.
Zum Mitreißen und Mitreisen! (8/10)

Details
Ähnliche Filme