Review

Da hatte man sich anno 1999 schon gemütlich zurückgelehnt und George Lucas kampflos das Feld überlassen, als der mit der „Dunklen Bedrohung“ in die Lichtspielhäuser zu walzen gedachte, als plötzlich ein Film herauskam, der sich mit einer unverschämten Lässigkeit jeder erdenklichen Zielgruppe an den Hals warf und der altgedienten Sternensaga prompt einen neuen Kult vor die Nase setzte.

Zugegeben, Lucas´ nur bedingt rockende Fortsetzung machte es allen Kritikern auch recht leicht, den Blick abzuwenden und etwas Frisches zu suchen. Dennoch, trotz dieser günstigen Voraussetzung, der Verdienst liegt beim Film selbst. Er war neu, er war frisch, und ja, er war einfach cool. Er sprach das Publikum auf eine neue Art und Weise an, obwohl seine Inhalte nicht einmal besonders innovativ waren. Wie gelang ihm das?

Sie, lieber Leser, haben nun die Wahl:
Entweder schlucken Sie die blaue Kapsel, beenden sofort die Lektüre dieses Textschwalls und widmen sich mit einem guten Gefühl dem nächstbesten Albert-Pyun-Film, ODER Sie wählen die rote Kapsel und erforschen mit mir noch ein wenig die Tiefen des filmischen Kaninchenbaus namens MATRIX.

Rot, hm? Na, dann wollen wir mal sehen, was wir alles finden, um den Erfolg dieses Filmes erklären zu können. Das ist eine ganze Menge. Der Film ist eine einzige große Wundertüte, ein unerschöpflicher Quell an Zitaten, Deutungsmöglichkeiten und Denkanstößen.
Wie der Filmkritiker Georg Seeßlen in seinem empfehlenswerten Buch „Die Matrix entschlüsselt“ anmerkt, kann man die Sonderstellung von MATRIX im Bereich der Blockbuster an einem konkreten Bild festmachen: Dem Inhalt eines Zimmers.
Steven Spielberg und George Lucas haben es mit ihren Filmen geschafft, den Inhalt eines Kinderzimmers zu verfilmen, Lucas´ STAR WARS im Besonderen.
Was findet sich in so einem Kinderzimmer? Spielzeug. Plüschtiere. Comics. Und Bücher, viele davon von Märchen handelnd. Autos und Raumschiffe bei den Jungs, Puppen bei den Mädchen. Ein ganzes Reich an überbordender Fantasie. All dies nimmt Lucas, formt daraus sein Märchen mit Lichtschwert-Rittern, zu errettenden Prinzessinnen, Raumschiffen und bizarren Kreaturen, die aber nie ihre Nähe zu den Plüschtieren der Kinder leugnen. Sogar die Roboter sind niedlich.
Und nun kommen die Wachowskis daher und verfilmen rotzfrech den Inhalt eines Jugendlichen-Zimmers. Spielzeug gibt es immer noch, allerdings in Form von Computern und Spielekonsolen, DVD-Player, Surroundanlage. Comics flattern umher, natürlich keine Kindercomics, nein, jetzt wird Underground gelesen und ein paar hippe Mangas.
Bücher stapeln sich in den Regalen, ihr Besitzer ist noch auf der Suche, deshalb reihen sich hier Science-Fiction-Anthologien an erste philosophische Werke, man möchte ja mal reinschauen, gebildet tun. Ein großes Chaos, und dazu dröhnt permanent Musik aus den Boxen, die laut zu sein hat. Wer in so einem Zimmer wohnt, der ist reif für den Plug-In.
Nun kann man sagen, dass auch andere Filme dieses Zimmer schon einmal in Angriff genommen haben, aber so offen eingeladen wie bei MATRIX wurden wir noch nie. Come in and find out (nebenbei darf man sich auch gerne mal fragen, welcher Film denn am adäquatesten das Wohnzimmer eines Erwachsenen verfilmt hat, so es dieses denn als Prototyp gibt, oder steht dieser Film noch aus - da geht es schon los mit den Gedankenspielen).
Ein großes Gewusel präsentiert sich hier, und man könnte von Beliebigkeit sprechen, wenn der Film seine Ideen nicht so gekonnt bündeln würde, doch dazu später mehr. Halten wir doch mal fürs Erste fest, was MATRIX alles in seinem Inneren vereint, warum er für den Durchschnittsfilmfan genauso attraktiv ist wie für den Universitätsdozenten.

Wir hätten da Elemente von Science-Fiction, Eastern, Religion, Philosophie, und, last but not least, Style. Teilweise erscheinen diese Elemente unvereinbar, um ein gemeinsames Publikum zu finden, denn wer gerne in Modezeitschriften blättert, goutiert möglicherweise ungern Kung-Fu-Filme, und als Philosoph von Welt lässt man sich wohl kaum beim Lesen von „Dragon Ball“ erwischen. Aber der Reihe nach.

SCIENCE-FICTION – „Wir werden gezüchtet“
Das offensichtlichste Element, die Genreschublade, in der man MATRIX unterzubringen pflegt. Wenn man jemandem erklärt, worum es sich bei Matrix dreht, kommt man zwangsläufig auf künstliche Intelligenzen, Scheinwelten und Hacker zu sprechen. Man könnte MATRIX aber auch ganz schlicht als Actionfilm bezeichnen, oder als klassisches Coming-of-age-Drama, das wäre genauso zutreffend. Aber vordergründig sieht man all diese tentakeligen Roboter, die uns arme Geschöpfe auf Plantagen züchten, da kommt man um Science-Fiction halt nicht herum.
MATRIX greift dann auch vordergründig viele bekannte Plotten auf: Der Aufstand der Maschinen aus der klassischen Science-Fiction, die rebellischen Hacker aus dem Bereich Cyberpunk, das Infragestellen der Realität im Geiste Philip K. Dicks.
Doch wo diese Elemente in Literatur und Film hübsch nebeneinander existieren, vermischen die Wachowskis sie, und diese Mischung macht den Unterschied. Rebellierende Roboter gibt es bei I, ROBOT und TERMINATOR, in den Büchern von William Gibson proben die Hacker den Aufstand gegen totalitäre Systeme, wie auch in der Gibson-Verfilmung VERNETZT - JOHNNY MNEMONIC, in welcher Keanu Reeves schon mal fühlen durfte, wie das so ist als Cyberheld (und in der das Publikum mal fühlen durfte, wie das so ist ohne Drehbuch), und Dicks Ideen fanden auch schon ihren Weg auf die Leinwand, in Form von Filmen wie BLADE RUNNER und TOTAL RECALL. Nun aber wurde all dies vermengt, und damit hatte man die Aufmerksamkeit sämtlicher Science-Fiction-Fans schon mal sicher.
Nichts ist hier neu, und doch sehen wir es so zum ersten Mal. Es fällt nur nicht störend auf, da es sich stets der Geschichte unterordnet. Ein Best-Of-Schaulaufen des Genres. Und der ganze technische Schnickschnack, den das mit sich bringt, wird zum reinsten Vergnügen.
Kung-Fu lernen auf Knopfdruck? Boah, ich auch.

EASTERN – „Ich kann Kung Fu“
Die Zeiten, als man in Hackerfilmen nur starr auf Monitore blickende Gestalten sah, sind dank MATRIX vorbei. Endlich spielt das Kino seinen größten Trumpf aus, das Visuelle, und dies auf eine ganz andere Weise als die ersten unbeholfenen Gehversuche wie TRON und LAWNMOWER MAN. Grundvoraussetzung ist das Prinzip des Avatar, im Film „digitales Restbild“ genannt. Man muss nicht krampfhaft eine Gitterlandschaft erzeugen, um uns das System anschaulich zu machen, nein, es genügt völlig, wenn gewisse Dinge einfach anders sind als im „wirklichen“ Leben. Vor allen Dingen der Mensch selbst. In der Matrix hat man´s drauf, dort kann man derjenige sein, der man gerne wäre. Das ist schon eine bestechende Idee: Ausgerechnet der Ort, der uns als unmenschliches und zu bekämpfendes System präsentiert wird, erfüllt uns unsere geheimsten Wünsche. Hier kann man sich also auch durchaus heimisch fühlen. Wenn man, obwohl völlig unsportlich, Kampfsport beherrscht. Der Schwerkraft trotzt. Und hier setzt eines der prägnantesten Elemente des Films an, und das meistkopierteste.
Anders als die meisten Actionfilme setzten die Wachowskis nämlich nicht auf schnelle Schnitte und wüste Feuergefechte, wenn es actiontechnisch ans Eingemachte geht, sondern auf die Eleganz und Ruhe des chinesischen wuxia-Kinos. Schwerelose Körper, die mit ihren eleganten Kampfbewegungen das Außerweltliche, Jenseitige betonen, das ist die ideale Entsprechung der Filmhandlung. Hier wurde zweierlei geschaffen, zum einen eine cool stilisierte Mischung aus amerikanischen und chinesischen Silmitteln, zum anderen die ultimative Visualisierung der Geisteshaltung. Die Erwachten, die Erleuchteten haben ihr Zentrum gefunden, Körper und Geist sind eins, und wir sehen ihnen beim Springen über Häuserschluchten zu. Eines der traditionellsten Elemente des Films, chinesische Zirkusartistik, wird zum futuristisch anmutenden Augenschmaus. Andere Regisseure dürften vor Neid geplatzt sein.

RELIGION – „Du bist mein Erlöser“
Die von-allem-etwas-Ausrichtung zeigt sich vielleicht am deutlichsten im Umgang des Films mit Religionen. Munter wird alles in einen Topf geworfen, und mitunter erstaunt es, wie gut dieses religiöse „sampling“ zusammenpasst. Tag der offenen Tür, hereinspaziert. Am stärksten herausgearbeitet ist sicherlich das Christentum, da ist der Film nicht zimperlich. Gleich zu Beginn darf der Freund von Neo verkünden, dass Neo sein „Erlöser“ sei, Morpheus lässt unseren Helden die rote Pille schlucken, die im Grunde nur ein Update des Apfels vom Baum der Erkenntnis ist (Huch! Vertreibung aus dem Paradies!), Trinity umschreibt offensichtlich die heilige Dreifaltigkeit, Zion steht als Teil Jerusalems für das Gelobte Land und Neo selbst darf vom Tode auferstehen (nach drei Minuten, was für uns die drei Tage zwischen Jesu Tod und Auferstehung rafft) und zum Finale die Himmelfahrt antreten.
Dann hätten wir da noch die Kehrseite des Christentums, den gnostischen Glauben, der diese unsere stoffliche Welt als zu überwindendes Gefängnis sieht. Man muss die Wahrheit erkennen, nämlich die Tatsache, dass wir in einer Hölle festsitzen, die vom Demiurgen, einem grausamen Gott, erschaffen wurde. Er gab den Menschen ihr Äußeres, das nur ein trauriges Zerrbild ihrer wahren Gestalt ist. Wer dieser Demiurg ist, weiß jeder, der MATRIX RELOADED gesehen hat. Zudem überschneidet sich die gnostische Sichtweise auch wieder mit den Werken Philip K. Dicks. Ein großes Kartenhaus. So funktioniert der Film.
Vom Buddhismus entliehen (und in Gestalt des kleinen Jungen im Vorzimmer des Orakels verdeutlicht) ist das Prinzip der ewigen Wiederholung, des Lebenskreislaufs (das wird in „Reloaded“ noch verstärkt vom Architekten aufgegriffen werden), der durchbrochen werden muss, will man erwachen und die Illusion des Lebens abstreifen. Der Junge demonstriert Neo dies mit einem Löffel. Nicht der Wille, den Löffel zu verbiegen, bringt das Resultat, sondern die Erkenntnis um die Nichtexistenz des Löffels. Diese Erkenntnis birgt den Schlüssel zu Neos Fähigkeiten, die in den Fortsetzungen die Barriere zwischen Matrix und „Realität“ aufheben und die Filme rational denkenden Zuschauern gegenüber in arge Erklärungsnot bringen. Er ist halt „das Neue“. Der Kreis wird durchbrochen.
Und sogar das Taoistische bringt der Film noch mit hinein (so wie er wohl noch einiges mehr mitbringt, aber irgendwo muss ich ja mal aufhören), und den dort beschriebenen elementaren Kreislauf von „Holz zu Feuer zu Erde zu Metall zu Wasser zu Holz“. Die Welt erschafft sich innerhalb dieses Kreislaufs immer wieder neu. Wie ist es da mit der Matrix? Es gibt diverse Theorien darüber, welche Phasen des taoistischen Kreislaufs die Filme darstellen sollen (z.B. MATRIX ist Metall zu Wasser, RELOADED ist Wasser zu Holz, REVOLUTIONS ist Holz zu Feuer), und sie transportieren in dieser Hinsicht über ihre Bildsprache auch diverse Hinweise für unterschiedlichste Deutungsmöglichkeiten.
Ich kann an dieser Stelle auch nicht mehr tun, als darauf hinzuweisen und manchem vielleicht noch einmal den Anreiz zu geben, die Filme auf eine andere Weise zu sehen. Denn Fakt ist doch: MATRIX war auf der ganzen Welt durch alle Bevölkerungsschichten sehr erfolgreich, er hat halt bei jedem an einer anderen Stelle „geklickt“.

PHILOSOPHIE – „Ein Gefängnis für deinen Verstand“
Die Gebrüder Wachowski haben offen zugegeben, dass eine Hauptinspiration für ihre Geschichte Platos Höhlengleichnis ist. Grob zusammengefasst: Wenn wir von Beginn unseres Lebens an in einer Höhle eingesperrt wären, in der ein Feuer die einzige Lichtquelle ist, und tanzende Schatten an den Höhlenwänden das Einzige sind, was wir wahrnehmen, dann bilden diese Schatten unsere Wahrnehmung von Realität. Wenn sich nun ein Mensch befreien und die Höhle verlassen könnte, würde er die Sonne sehen. Was dann? Würde er die Wahrheit erkennen? Könnte er andere befreien, überzeugen? Würde man ihm Glauben schenken? Oder könnte ihn die Sonne selbst nicht in seiner Weltsicht erschüttern? Würde er womöglich in seine Höhle zurückwollen? Es sind diese Fragen, um die sich die Welt der Matrix dreht.
In welcher sich Descartes und Kant mit ihren Überlegungen zum denkenden Ich sehr wohl gefühlt hätten. Allein die Konstruktion des „Restselbstbildes“ oder die Frage, ab wann der Mensch an der Matrix zu zweifeln beginnt (genauer gesagt, wann dieser oder jener, und aus welchen Gründen - wann bricht für mich die Realität zusammen, darf man sich fragen), all das schreit förmlich nach Doktorarbeiten. Als Immanuel Kant fragte: „Sind die Dinge so, wie sie mir erscheinen?“, hätte er sich bestimmt nicht, ha, träumen lassen, dass ein Blockbuster-Vehikel diese Frage mal publikumswirksam verzuckern würde, ohne sie zu verdrehen. Der Philosophie-Schulunterricht ist gerettet. Und das verdanken wir natürlich hauptsächlich dem nächsten Punkt, der da lautet…

STYLE – „Derjenige, der seinen Trieb verleugnet…“
Es mag das substanzloseste Element des Films sein, und dennoch ist es das unbestritten wichtigste Puzzleteil, der Schlüssel zum Erfolg des Films. Denn die Tatsache, dass er unter der Last aus Zitaten, Hinweisen und Gleichnissen nicht zusammenbricht, verdankt MATRIX seinem unendlich lässigen Habitus. Ob die Helden nun ballernd durch die Gegend turnen, ein Helikopter in ein Gebäude kracht oder aber Morpheus nur in einem Sessel sitzt, alles geschieht nur unter einer Maxime: Bitte mit Stil. Wenn ich mir schon die Welt und mein Dasein erklären lasse, dann bitte mit Wumms und schwarzem Leder. Bei Schiessereien regnet es dekorativ Slow-Motion-Patronenhülsen, der Hubschrauber „taucht“ förmlich in das Gebäude ein und in Morpheus´ Brillengläsern spiegeln sich „unmögliche“ Ansichten. Der Film vermittelt uns sein Thema über seine Bilder und bedient sich dabei in der Filmgeschichte genauso reichlich wie bei den unterschiedlichsten Vertretern der Comic-Kunst. Das Bild ist hauptsächlich Aussage, nicht nur Abbildung. Und so ergibt sich eine wunderbare Symbiose zwischen Form und Inhalt, der Film kommt daher wie aus einem Guss und ermöglicht es dem Zuschauer, sich fallen zu lassen. Man muss sich nicht zwangsläufig einen Kopf um die Handlung machen, wenn man solche Bilder vor Augen hat. Geniessen wir einfach die Bullet-Time, diese Gleichzeitigkeit von schnellster Bewegung und absolutem Stillstand. Sie ist der ultimative Ausdruck der Bildsprache des Films, das Einfrieren einer Szene im Stile eines Comic-Panels und die ästhetische Neudefinition eines Shoot-Outs. Und wenn dann der Ledermantel noch lässig im Wind flattert, ist auch der Modefan begeistert. Wie gesagt, bitte mit Stil.
So gleitet der Film dahin, alles ist im Flow (keine Sorge, ich gebe mir für solche Anglizismen ganz Hauselfen-mäßig selbst eins auf die Rübe, aber manchmal passt es halt so schön…).
Umso besser, wenn die Darsteller sich nahtlos einfügen, und das ist hier auch der Fall.
Keanu Reeves darf seine ureigene Mischung aus staunendem Youngster und knallhartem Actionheld anrühren, und wirkt dennoch fast zerbrechlich. Dafür hat er als Gegengewicht Carrie-Anne Moss an seiner Seite, deren Trinity man gerne ein paar gefrustete Extrarunden auf dem Hometrainer abnimmt. Ein androgynes Pärchen, könnte man sagen, er der Softie, sie die Lederamazone. Da passt es ja umso besser, dass sie es ist, die ihn am Ende mit einem Kuss erweckt. Was wohl Schneewittchen dazu sagen würde?
Laurence Fishburne ist unfassbar cool (genießt es, Leute, das wird sich in den Fortsetzungen ändern) und gibt uns eine sonnenbebrillte Version von Johannes dem Täufer, die eine faszinierende Filmgestalt ergibt. Wenn einer Neo aus dem virtuellen Paradies reißen kann, dann er. Und Hugo Weaving ist sogar so gut als schnarrender, misanthroper Schlipsträger, dass er für den Rest seiner Karriere wohl „Agent Smith“ genannt werden wird (es sei denn, man versteift sich darauf, ihn als „Elrond“ zu sehen). Hier wurden definitiv die richtigen Leute gecastet. Sie fügen sich in den Film ein, keiner von ihnen ist Megastar genug, um von der Geschichte abzulenken. Die Matrix bleibt nicht zuletzt durch sie konstant glaubwürdig.

Und selbst wenn man den Film nicht streng unter einem bestimmten Aspekt betrachten möchte, sondern einfach auf Entdeckungsreise gehen will, um all seine kleinen Hinweise und Botschaften zu finden, dürfte man ziemlich lange beschäftigt sein. Als Beispiel sei hier nur der Name unseres Helden Thomas Anderson/Neo genannt, der es schon dermaßen in sich hat, dass man nur staunen kann. Thomas Anderson vereint in sich nicht nur den biblischen, ungläubigen (!) Thomas, laut urchristlicher Lehre der Zwillingsbruder von Jesus (!!), sondern mit seinem Nachnamen auch gleich die neuzeitliche Schreibweise von „Menschensohn“ (andras = Mensch, Mann). Darüber hinaus klingt Thomas Anderson ebenso unauffällig-durchschnittlich wie der Name seines Gegners Smith, was uns auf den allgemeingültigen Charakter der Geschichte hinweist. Diese Durchschnittlichkeit wird er im Laufe des Films ablegen, als er sich zu seinem wahren Namen „Neo“ bekennt. Und mit diesem Namen geht es erst richtig los: Der Neue, schon klar, ein bisschen umgedreht „One“, der Auserwählte oder die Eins, wir reden ja von Codes. Weiterdrehen; dann haben wir da „Eon“, die Ewigkeit, das Wiederkehrende, „Eno“ können wir auch noch anbieten, ein Zen-Buddhist (wie das alles passt), und schlussendlich ist auch noch „Noe“ möglich, bei uns eher als Noah bekannt, der rettende Archenbauer (Wer sämtliche Anspielungen mitbekommen will, muss sich den Film natürlich im O-Ton angucken, da wurde in der deutschen Fassung einiges verschlampt).
11 Jahre lang haben die Gebrüder Wachowski ihre Matrix konzipiert, wenn man sich solche Details vor Augen führt, merkt man schon, dass sich die zwei ein wenig mehr Gedanken als der Durchschnitts-Regisseur gemacht haben. Und vielleicht ist es gerade dieses fast schon beängstigende Maß an Perfektion, die den Film bei aller Hingabe recht kühl wirken lässt. Man kann den Film mögen, aber man kann ihn schwerlich lieben. Dafür fehlen ihm ein paar sympathische Macken. Das ist Gelaber, ich weiß, aber wer meinen Text bis hierher durchgehalten hat, möge mir verzeihen. Ich kann es halt nicht anders erklären, warum ich diesem Film die Höchstnote verwehre. Zudem sperrt sich die Sampling-Technik des Films auch gegen jede Art von greifbarer Diskussion; wenn der Film alles auf einmal sein will, ist er gleichzeitig auch nichts von allem. Das war die Hauptangriffsfläche seiner Kritiker, die ihm einen hippen Zitatbrei ohne tiefergehende Absicht unterstellten. Dabei sollten sie froh sein, dass dieser Film überhaupt Denkprozesse beim Zuschauer in Gang setzt, höchst individuelle noch dazu. Das ist mehr, als uns viele andere Filme liefern, und im Action-Genre ist es sogar höchst ungewöhnlich.

Trotz allem: It´s just a movie, wer nur einen spannenden Abend haben möchte, bekommt ihn, und muss sich nicht von gedanklichen Konstrukten belästigt fühlen. Das ist vielleicht der größte Verdienst von MATRIX, der Schlüssel zu seiner Einzigartigkeit und der Grund, warum seine Fortsetzungen ihm nicht das Wasser reichen konnten, da diese einmalige Balance nicht mehr erreicht wurde. Jetzt, wo das Gerede um die Effekte verblasst und die Fortsetzungen öffentlich abgehakt sind, kann man sich ja noch einmal in den Kaninchenbau wagen. Das Zimmer durchwühlen. Möglicherweise fördert man Erstaunliches zutage. Denn dieser Film gibt einem exakt soviel, wie man bereit ist, ihm zu geben. Und das kann sehr viel sein.

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