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John Andersen führt ein Doppelleben: Auf der einen Seite ein Softwareentwickler, der mit seinem Leben zufrieden scheint, auf der anderen Seite ein Computerhacker in einer Sinnkrise, der nachdem er die Bekanntschaft des charismatischen Morpheus macht, die Wahrheit über sein Dasein erfährt. Die Welt am Ende des 20. Jahrhunderts, in der John lebt, ist eine komplex simulierte Fassade: Die Matrix. Tatsächlich dienen Menschen in einer postapokalyptischen Welt etwa 200 Jahre später als Energielieferanten für Maschinen. Maschinen mit einer hohen künstlichen Intelligenz, die sie befähigte, ihre Schöpfer, die Menschen, zu unterjochen und zu instrumentalisieren. John gilt als Auserwählter, der die verschwindend geringe Anzahl autonom lebender Menschen im Kampf gegen die Hegemonie der Maschinen anführen soll.ostentativ misanthropische

Die Matrix als von Maschinen simulierte Welt transsubstantiiert für die Menschheit zur bewusst erfahrbaren Wirklichkeit. Der Film stellt die Frage, was perfekt ist und was perfekt scheint. So wurde versucht, der Menschheit eine "perfekte" Matrix zu geben, in der eine gesellschaftliche Disparität zwischen den Menschen ausgeschlossen wurde. Als diese scheiterte, wurde eine Matrix konstruiert, in der es gesellschaftliche Unterschiede gab. Das macht deutlich, dass das, was vollkommen scheint, nicht unbedingt perfekt ist.
MATRIX evoziert aber auch den Gedanken, der den Rebellen Cypher beflügelte, seine Ideale zu verraten und Morpheus’ Ziel gefährdet. Wenn ich nicht weiß und niemals wissen werde, dass ich betrogen werde und dass meine Wirklichkeit nicht die Wirklichkeit ist, wurde ich dann überhaupt betrogen?

Die einmalige Grundidee und die für den Film charakteristische grünstichige Hochglanzoptik sowie die zugegebenermaßen genialen Effekte können aber nicht über die Defizite des versatzstückhaften und fragmentierten Plot hinwegtäuschen, bei dem die narrativen Schwächen die Transparenz der Handlung gefährden. Ein Film, auch wenn er als Auftakt einer Trilogie konzipiert wurde, muss auch per se funktionieren. Es reicht nicht, wenn essenzielle Informationen einfach nachgereicht werden. Diese Insuffizienz kann man mit Wohlwollen als Kalkül der Macher bewerten, um den Zuschauer für die enthüllenden Sequels zu begeistern.
Weiterhin fällt negativ ins Gewicht, dass man sich dem Eindruck nicht entziehen kann, als würden einige Kampfszenen nur einen Selbstzweck erfüllen und jeglicher sinnvoller Grundlage entbehren. Als Rechtfertigung wird kurzerhand ein Alibikonflikt geschustert, der auch anders hätte gelöst werden können. Eine unangenehme Reminiszenz an drittklassige Actionfilme, die aber darauf angewiesen sind, weil ihnen die Handlung fehlt.

In MATRIX werden Bezüge zu bedeutenden philosophischen Problemen deutlich. Auf die ewigen Fragen der Metaphysik des Seins und der Transzendenz, also dem vom Bewusstsein nicht mehr Erfahrbaren, wird hier eine schockierende Antwort angeboten, so ist der Schöpfer der Welt keine höhere Macht in Form einer Gottesfigur, sondern einfach Maschinen, also des Menschen Schöpfung.
Der sozialkritische Ansatz des Filmes, der die Möglichkeit einer perfekten Welt ohne Leid und Ungerechtigkeit negiert, nimmt Bezug auf Immanuel Kants kategorischen Imperativ und Jean-Jacques Rousseaus Gesellschaftsvertrag, nach dem eine Gesellschaft nur ideal funktionieren kann, wenn sich eigene Interessen zu den Interessen der Allgemeinheit kongruent verhalten. In MATRIX wird dem Menschen aber die Fähigkeit abgesprochen, im Sinne der Allgemeinheit zu handeln.

MATRIX ist ein Film, bei dem die Akzentuation auf der philosophischen Grundidee liegt und der die Paranoia provoziert: Gibt es über dieser noch die Wirklichkeit? Gleichzeitig spricht er aber auch die Freunde des Actionkinos und die Anhänger stilvoller Ästhetik an. Die Darsteller, allen voran Keanu Reeves und Laurence Fishburn, aber auch Carrie-Anne Moss und Joe Pantoliano, die im Folgejahr in Christopher Nolans Meisterwerk MEMENTO mitspielten, unterstützen den guten Gesamteindruck des Films, bei dem die cineastische Wirklichkeit nur minimal hinter seinem hohen Anspruch zurücksteht.

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