Was ist das Schrecklichste an einem Verbrechen, an einem Mord? Der Verlust eines geliebten Menschen? Die Lücke, die entsteht, und die nicht gefüllt werden kann? Nicht zu wissen was passierte? Nicht zu wissen wer der Täter war und das Warum nicht zu kennen? Oder ist es nicht vielleicht ungleich entsetzlicher, zu wissen was passierte? Den Täter zu sehen und zu erkennen, dass dieser möglicherweise ein armer Hund ist, der nicht nur unsere Abscheu, sondern auch unser Mitleid verdient?
Zwei Männer. Der eine ist Peter Grabowski, Direktor einer Firma, glücklich verheiratet, Vater einer erwachsenen Tochter. Die vor 6 Jahren, im Jahr 1986, ermordet wurde. Der Täter wurde nie gefunden. Der andere Mann ist Ulrich Lenz, ein einfacher Mann, Führer einer U-Bahn, verlobt, verurteilter Sexualstraftäter, der seine Schuld abgesessen hat. Und der Peters Tochter getötet hat. Vor 6 Jahren. Was aber niemand weiß. Als im Laufe der 90er-Jahre die DNA-Analyse immer mehr verfeinert wird, und mit der Jahrtausendwende dann eine europäische Datenbank aller Sexualstraftäter aufgebaut wird, da zieht sich die Schlinge um Ulrich ganz allmählich zusammen. Obwohl im Grunde eigentlich gar niemand mehr möchte, dass Ulrich gefasst wird. Auch Peter nicht, der nach vielen Jahren der verzweifelten Suche irgendwann einmal seinen Frieden gefunden hatte. Bis jetzt …
Regisseur Nikolaus Leytner befasst sich hier mit dem Zusammenhang zwischen Wissen und Schuld. Da ist Peter, der über lange Jahre hinweg unbedingt in Erfahrung bringen wollte, wer seine Tochter umgebracht hat. Um jeden Preis wollte er das wissen, aber irgendwann, nach 15 Jahren, hat auch Peter einmal vermeintlich mit der Sache abgeschlossen. Konnte er sich mit der Leere und dem Nicht-Wissen in seinem Leben arrangieren. Doch plötzlich kommt durch die verbesserten Untersuchungsmethoden der Kriminalpolizei nach einem halben Leben alles wieder hoch, und dann ist da wieder diese Unruhe. Dieses Bohren und Nagen. Diese Angst. War der Zustand des Nicht-Wissens nicht vielleicht besser? Angenehmer?
Und dann Ulrich, der seit einem halben Leben mit der Schuld lebt, und mit der Angst, irgendwann gefasst zu werden. Seine Verlobte hat er verloren, als er sein Geheimnis mit ihr teilte. Sein Wissen mit ihr teilte. Irgendwann, viele Jahre später, lebt er in einer neuen Beziehung, in der er aber sein Wissen von vornherein für sich behält. Allein schon, um sein kleines Kind zu schützen und zu behalten. Das Nicht-Wissen gibt der Hauptfigur hier ein klein wenig Sicherheit, doch andere Menschen wissen: Der Film beginnt damit, dass die Frau, die Ulrich 1981 vergewaltigt hat, ihn in der U-Bahn erkennt. Und er erkennt sie. Dieses Wissen wird direkt umgemünzt in Angst, und wie Ulrich mit dieser Angst umgeht, dass da draußen jemand ist der ihn erkennen könnte, der jederzeit losschreien könnte was damals passiert ist, diese Angst liegt auf Ulrichs Seele wie Blei. Genauso wie die Angst vor einer Verhaftung wegen des Totschlags.
Entsprechend ist Ulrich erleichtert als diese ewig herbeigefürchtete Verhaftung vorbei ist, denn jetzt ist auch der Druck fort. Aber Peter ist bei der Verhaftung dabei gewesen und hat erfahren, dass Ulrich eine 8-jährige Tochter hat. Wissen, dass sich wiederum auf Peters Seele niederschlägt, als er herausfindet, dass diese Tochter in einem Heim gelandet ist. Seine verzweifelte Suche nach der Wahrheit mündet somit in der Ge-Wissheit, welche ihn nur bedrückt, ihn aber nicht freier macht. Die Frage nach dem Grund des Todes seiner eigenen Tochter, die wird sowieso nicht beantwortet. Weder von Ulrich, noch von irgendjemandem anders. Dieses Wissen wird Peter nie erlangen, aber irgendwann wird ihm auch klar, dass er das eigentlich gar nicht wissen muss.
Bert Rebhandl von der österreichischen Zeitung Der Standard stellt die Frage, wem damit gedient ist, wenn ein Mörder identifiziert wird.* Und wie ein fataler Moment ein ganzes langes Leben durchwirken kann. In einem grauen Wien, in dem es anscheinend permanent regnet oder schneit, sind graue Menschen in einer grauen Welt unterwegs, und versuchen ihre Schuld und ihr fortwährendes Grau-en zu bewältigen. Wir begleiten Peter auf seinem Weg durch Wut und Trauer, der ihn fast von seiner Frau entfremdet und nur allmählich, über viele Jahre hinweg dem Leben wieder annähert. Und wir begleiten parallel dazu Ulrich auf einem Weg, der von Angst und Schuld überschattet ist. Gefühle, die ihn immer zu einem Wandler jenseits der Gesellschaft machen werden und seine Seele ständig belasten. Niemandem kann er sich anvertrauen, nicht einmal seiner geliebten kleinen Tochter, und wenn er es doch tut, so wird er zurückgestoßen in die Einsamkeit seiner düsteren Welt. Der Zuschauer begleitet diese beiden Menschen auf dem Weg durch ihre ganz persönliche Hölle, und er ist dabei sehr nah bei ihnen. EIN HALBES LEBEN ist weniger ein Thriller im landläufigen Sinne, wie es etwa Baran Bo Odars grandioser DAS LETZTE SCHWEIGEN ist, sondern vielmehr eine Studie über Menschen, die sich in Schuld und Sühne verstricken. Die in ihrer Sprachlosigkeit am Leben verzweifeln. Und mit dem Wissen über ihre Schuld oder ihre Wut ihre Seele und ihr Leben genauso belasten wie dem Nicht-Wissen. Was ist schlimmer? Zu wissen was passiert ist? Oder es nicht zu wissen?
EIN HALBES LEBEN berührt tief, gerade weil wir so nah bei den Charakteren sind und sie in ihrer Reise begleiten. Und gerade weil wir, auch wenn wir (hoffentlich) niemals Teil eines Gewaltverbrechens waren, ihre Einsamkeit und ihre Verzweiflung spüren können. Ein intensiver Film und eine spannende Erfahrung.
* Gerade zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes wird in der deutschen Presse über die Aufklärung eines Mordfalles berichtet, der vor 31 Jahren stattfand. Durch DNA-Spuren konnte der Mörder, ein mittlerweile 81-jähriger Mann, ermittelt werden. „Der Vater des Opfer zeigte sich erleichtert. Die Festnahme sei eine gute Nachricht, sagte er und lobte die Polizeiarbeit. Der inzwischen 86-jährige Vater der Getöteten hofft, dass er bald dieses Kapitel in seinem Leben beenden und die Last ablegen kann.“ (Quelle) Eine in diesem Zusammenhang spannende Frage, die Sache mit der Last: Konnte der Vater seine Tochter nie wirklich beerdigen, nur weil er den Mörder nicht kannte? Und was hat er jetzt davon? Wird die Tochter wieder lebendig? Hat seine Sprachlosigkeit nun ein Ende? Das Wieso wird hier in keinster Weise beleuchtet, sondern einfach nur in den Raum gestellt. Das ist jetzt so, der Vater ist erleichtert. Punkt. Es würde mich wirklich interessieren, was ein Psychologe dazu sagen würde …