Review

Sie mögen es wieder und wieder versuchen, aber laßt es euch gesagt sein, die 80er sind endgültig vorbei, mit all ihren billigen Horrorstories voller Latexmonster, den abstrusen B-Action-Krachern ohne rechten Verstand und menschliche Regungen und den schön geschmacklosen Polizeistories, gekleidet in erdferne Modesünden.
Aber manchmal, nur ganz selten, da lodert dann doch noch ein Flämmchen in der Asche und zwisch all den verzweifelten Kopierversuchen kriegt es einer doch hin, genau den richtigen Ton zu treffen, down and dirty, für wenig Geld und ohne verzweifeltes Schielen auf eine Franchise und erfüllt sogar die Voraussetzungen einer Vorlage. Hier ist das Endprodukt.

Die Verfilmungen der "Punisher"-Comics hatten bisher immer zwischen den Polen von (Comic-) Kunst und Kommerzdenken zu leiden, der Erstversuch geriet zwar ausgesprochen 80er-like, hängte sich das Vorbild aber mehr oder minder als Deckmäntelchen für einen unpassenden Star (Lundgren) um. Der zweite Versuch setzte auf Starpower, verwässerte aber die Vorlage zu ungunsten von Massenkompatibilität und komischen Witzchen, die die grimmige, porentiefschwarze Vorlage nie besaß.
Jetzt also Versuch Nr.3: übersichtliches Budget, keine großen Namen, neuer Style. Und mal was Anderes auf dem Regiestuhl: mit Lexi Alexander nahm dieses Mal eine Frau Platz.

Und was nach "Hooligans" (ihrem letzten Film) wohl kaum einer geglaubt hätte: dieser menschenverachtende Anzug aus viehischer Brutalität sitzt dennoch wie angegossen.
Selten war wohl in letzter Zeit in einem comic-basierenden Film so graphisch Gewalt zu sehen und das gleich in so hohem Maße, denn mehr als 80 Leute gehen allein auf den Zettel des Titelhelden, der hier nun wirklich keine Verwandten mehr kennt und selbst seine Freunde eher abgrenzend umgeht.
Hier werden Köpfe eingeschlagen, Menschen explodieren, Köpfe platzen und zur Sicherheit gibts gleich noch drei bis fünf Schuß extra, damit es zur Sicherheit auch spritzt - und das alles ist so dezent umgesetzt worden, daß man es nicht sofort als Fun-Splatter verstehen muß, um es ggf. später als überzogen-leicht zu kategorisieren. Zwar wird hier auf den äußeren Effekt gesetzt und das roh und deutlich, aber Alexander schafft es, das Abstruse nie zu überdrehen - und damit den eher überschaubaren und abgedroschenen Old-School-Plot permanent am Laufen zu halten.

Substanziell ist natürlich nicht so viel zu holen, wir steigen an einem Punkt ein, an dem der Punisher alias Frank Castle schon fast alle Verbrecherfamilien gemeuchelt hat und die letzte muß zum Einstieg praktisch dran glauben. Dabei erschafft er selbst durch eine Racheaktion seinen Über-Gegner, einen halb wahnsinnigen Gangster mit vollkommen zerschnittenem Gesicht, der sich dann auch passend Jigsaw schimpft und wiederum seinen komplett irren Bruder ins Boot für den Rachefeldzug ruft.
Damit Castle aber beschäftigt wird, hängt man ihm noch den tragischen Abschuß eines Undercoveragenten an den eh schon traurigen Rock und fährt mit Witwe und Tochter eine neue zu beschützende Familie auf, als Ersatz für die ermordete eigene.
Nebenbei suchen dann noch ein FBI-Agent und ein Polizist nach einer Möglichkeit, Castles Rachefeldzug endlich zu stoppen und fertig sind alle nötigen Plot-Elemente, um gut 90 Minuten zu füllen, ohne Löcher zu lassen.

Die Backstory rund um die Motivation Castles ist diesmal (und dafür sind wir sehr dankbar) nur als Rückblende erhältlich und vermeidet langwierige Entwicklungsprozesse. Kein Weichspüler aufgrund falsch verstandener Sympathie, hier geht ein geschlagener Mann seinen Weg und sieht das Ende kommen.
Dafür wählte man mit Ray Stevenson genau den richtigen Mann, der schon in der Mini-Serie "Rome" einen eher tumben Hünen mit einfachem Moralverständnis zum genauen Leben erweckte. Kein lebloser Terminator, kein wutschäumender Irrwisch, eher einen Mann mit brachialer Konsequenz und der nötigen Müdigkeit und dem immerwährenden Schmerz des Verlustes, doch nie ohne menschliche Gefühle.
Da kommen Dominic West und Doug Hutchison als Gegner natürlich in Sachen Tiefe niemals mit, also chargieren beide wie zu besten "Scarface"-Zeiten, grimassieren und drehen bisweilen komplett durch, wobei man Hutchison offenbar überhaupt keine Grenzen gesetzt hat und er den befreiten Massenmordsoziopathen bis zur Variete-ähnlichen Überhöhung runterreißt.
Julie Benz und die Polizisten haben da wenig mehr zu tun als Standards zu spielen, aber das genügt auch vollends, denn der Star ist natürlich der ausgeprägte Gewaltanteil, mit dem der Dreck von der Straße gespült wird, für moralische Diskussionen bleibt kein Platz, ideologisch fliegt auch von Anfang alles aus dem Fenster.
Hier soll nicht auf extra-schön und besonders wertvoll gemacht werden, mit Massenappeal - der "Punisher" ist nun mal nicht weltweit familienkompatibel, sondern eine bildgewordene Rachephantasie, in der das Blut bis zur Decke spritzt.

So opfert man hier offen alles dem Selbstzweck und es bleibt natürlich dem Publikum überlassen, ob er den Film als abartigen Schund verdammt oder sich über die moralische Simplizität zu Tode amüsiert - generell ist das aber natürlich ein Film für den DVD-Verkauf.
Aber es überkommt den Filmfan ein nostalgisches Gefühl, wenn man den Film betrachtet, so einfach, so verachtenswert, so verschlankt, so klare Linien: in Form und Wirkung wie ein Torpedo! Ölig, dunkel, schnell und voll auf die Zwölf, so schnell, daß man das Augenzwinkern kaum bemerkt. Wenn doch modernes Kino öfters so ein Geschick beweisen würde. (8/10)

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