Review

Katz und Maus mit Stil

Reggie Lampert (Audrey Hepburn) ist gefangen in einer lieblosen Ehe. Sie sieht ihren Mann Charles Lampert kaum und weiss so gut wie nichts über ihn. Eine Scheidung steht an. Doch der Tod kommt ihr zuvor. Charles stirbt. Er wird ermordet und von einem fahrenden Zug gestossen. Nun sucht die französische Polizei nicht nur nach seinem Mörder, sondern vor allem nach 250’000 US-Dollar, die Charles angeblich ergaunert hat. Der Verdacht fällt auf Reggie. Hat sie das Geld irgendwo versteckt? Sie bestreitet es vehement. Die Polizei glaubt ihr nicht. Auf Charles’ Beerdigung erscheinen drei zwielichtige Gestalten, die ebenfalls an das Geld kommen wollen. Und die Drei greifen zu härteren Mitteln. Verzweifelt wendet sich Reggie an Peter Joshua (Cary Grant), den sie zufällig in den Skiferien kennen gelernt hat. Aber auch Joshua scheint ein düsteres Geheimnis zu verbergen. Es scheint, als könne Reggie in diesem abgekarteten Spiel nur sich selbst vertrauen …

Stanley Donens Charade (1963) ist ein Hochgenuss; ein Unterhaltungsfilm der Extraklasse, bei dem schlichtweg alles stimmt. Das Skript strotzt nur so vor Pointen, wobei es einen eleganten Drahtseilakt zwischen Krimi, Thriller und Romanze meistert. Die Geschichte lebt von ihren doppelten Böden. Bis zuletzt ist nicht klar, wo das Geld ist – und wer es versteckt. Auch die Motive der Figuren bleiben ominös bis zum Schluss, was das Publikum zum Rätselraten einlädt. Dabei sind die Wendungen mehr als nur Taschenspielertricks. Sie haben echtes emotionales Gewicht. Und Donen spielt dieses Gewicht virtuos aus. Dann etwa, wenn sich herausstellt, dass Peter Joshua (scheinbar?) mit den Bösen paktiert. Da möchte man als Zuschauer Hepburn zurufen: »Vertrau ihm nicht!« Solche impulsive Reaktionen kitzelt der Regisseur mehrmals aus seinem Publikum. Eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle.

Charles Lamperts Beerdigung, die die drei Ganoven einführt, ist ein Meisterstück des schwarzen Humors. Grandios gefilmt. Donens Regie braucht einen Vergleich zu seinem Vorbild – Alfred Hitchcock – keinesfalls zu scheuen. Virtuos baut er Spannung auf, legt falsche Fährten und überrascht immer wieder aufs Neue. Wer die zahlreichen Wendungen bereits kennt, darf sich an den edlen Bildern von Paris erfreuen. Die Chemie zwischen Hepburn und Grant stimmt, das Drehbuch legt ihnen aber auch bezaubernde Wortwechsel ins Mund. (»I’m afraid you're blocking my view.« – »Sorry. Which view would you like?« – »The one you're blocking.«) Nur einige Slapstick-Einlagen wirken verstaubt (Grant in der Dusche und auf einer Party), die restlichen Gags lassen sich auch heute noch sehen. Angenehm ist, dass Donen seine Geschichte nicht allzu ernst nimmt und sich immer mal wieder ein Augenzwinkern erlaubt. Das zeugt von einer humoristischen Reife, die man heute in Hollywood zu selten sieht.

Auch mit Schauwerten kann Charade punkten. Der Kampf zwischen Joshua und dem einarmigen Halunken Scobie (George Kennedy) ist zwar in der Choreografie ungelenk, aber so expressiv gefilmt, dass man gebannt die Luft anhält. Auch das Finale schöpft stilistisch aus den Vollen. Reggie flüchtet in einen leeren, üppigen Opernsaal und versteckt sich vor einem Verfolger. Hier arbeitet Donen gekonnt mit visuellen und auditiven Hinweisen, die die Spannung fast überkochen lassen. Im Fach »Thriller« muss man Charade die Höchstnote geben, aber auch in Sachen Romantik kann der Film glänzen. Das Spiel mit unterschiedlichen Identitäten hat ein grosses erotisches Potential, das Donen neckisch ausschöpft.

Tja, was will man mehr über Charade sagen? Es bringt nichts, sich die Finger wund zu schreiben über dieses US-amerikanische Filmjuwel. Mein Rat: Einfach anschauen und geniessen wie einen fruchtigen Wein. Manchmal ist Kino genau dafür da. Und Donens Hitchcock-Hommage ist ein grosser Klassiker des Genusskinos. Derart abwechslungs- und geistreiche Unterhaltung ist rar. Ein perfekter Film – von den bunten Opening Credits bis hin zur verspielten Schlusspointe.

10/10

Details
Ähnliche Filme