Review

Uns Uwe dreht also einen Vietnamfilm, improvisiert die Dialoge am Set und bezeichnet das Ganze im Vorfeld noch als Antikriegsfilm – das versprach spannend zu werden.
Mit Protestmusik geht es auch los, wenn der Einflug neuer Soldaten nach Vietnam mit „In the year 2525“ von Zager & Evans untermalt wird. Frischfleisch Marke „Platoon“ oder „Platoon Leader“ an die Front, wo sie von Sergeant Vic Hollowborn (Michael Paré) in Empfang genommen werden. Es folgt das kurze Eingewöhnen mit sporadischer Einführung der Charaktere, was leider arg kurz kommt – genau einer der Schwachpunkte von „Tunnel Rats“, denn mit den grob umrissenen Scherenschnittfiguren kann man einfach nicht genug mitfühlen, um wirklich gepackt zu werden.
Tunnelratten sind jene Kämpfer, welche die Tunnel der Vietcong benutzen. Also die Vietcong selber, später auch die Amerikaner, die sie jagen. Genau so ein Tunnelsystem sollen die Soldaten untersuchen, was jedoch bald zu einem erbitterten Überlebenskampf führt...

In der Filmographie von Rip-Off Künstler Uwe Boll ist „Tunnel Rats“ tatsächlich ein interessanter Schritt, da er nicht wie bei anderen Werken einfach offensichtliche Vorbilder beklauen kann (wenngleich er das bei „Dungeon Siege“ immerhin auf recht unterhaltsame Weise tat). Hier muss Boll also tatsächlich eigene Inszenierungsstrategien finden, denn das Krauchen durch Tunnel wurde in den meisten Vietnamfilmen nur kurz visualisiert. Tatsächlich finden sich unter Tage auch die beiden stärksten Szenen des Films. Zuerst die Szene, in der sich ein US-Soldat an der Leiche eines Vietnamesen im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Messer vorbeiarbeiten muss – ohne Schnitt, zwei oder drei Minuten lang und durchaus realistisch. *SPOILER* Die zweite beeindruckende Szene ist der Schluss, wenn der G.I. und die Vietnamesin gemeinsam in der unterirdischen Wohnung verschüttet werden und die beiden Feinde gemeinsam langsam den Erstickungstod sterben. *SPOILER ENDE*
Leider ist Bolls Film nicht so ganz klar in der Frage, in welche ideologische Richtung er denn nun tendiert: „Apocalypse Now“ oder doch eher „Jäger der Apokalypse“? So finden sich vor allem am Anfang immer wieder Antikriegsmomente, gerade das Aufknüpfen eines Gefangenen durch Hollowborn, welches Proteste der Soldaten einbringt, bemüht sich darum Schattensein von Vietnam aufzuzeigen. Leider arbeitet „Tunnel Rats“ solche Momente kaum aus, auf die Exekution folgt eine plumpe Prügelei zum Ausagieren der Differenzen. Einzig und allein die erwähnte Endszene bleibt mit ihrer Symbolik haften, so einfach sie auch sein mag.
Im Dienste der Exploitation-Schiene dienen dann die Kampfszenen des Films, in denen Boll dann wiederum genüsslich auf zerschossene Leiber draufhält und das keinesfalls abschreckend inszeniert. Gerade die Ballerei im letzten Drittel sorgt noch mal für ordentliche Action, die sich auch inszenatorisch sehen lassen kann. Sicher lassen sich Antikriegsmessage und Unterhaltung, teilweise auch bildgewaltige Schauwerte, unter einen Hut bringen, doch genau das schafft „Tunnel Rats“ leider nicht.

Neben dieser stilistischen Uneinigkeit hat „Tunnel Rats“ vor allem aber ein Hauptproblem: Der Spannungspegel erreicht bei weitem keine rekordverdächtigen Höhen. Die Verwirrung der G.I.s in den Tunneln wird kaum vernünftig ausgespielt, stattdessen lieber Krauchen, Schleichen und Kämpfen miteinander abgewechselt. Dazwischen gibt es immer wieder einprägsame Einzelszenen, auch die Konsequenz des Endes (*SPOILER* Es erwischt quasi die komplette Einheit *SPOILER ENDE*) ist bemerkenswert, doch ohne die richtige Spannungskurve und interessante Charaktere laufen solche Ansätze leider ins Leere.
Zudem hat Boll nicht unbedingt die ausdrucksstärksten Jungmimen für seinen Film engagiert, was in Verbindung mit improvisierten Dialogen nicht gerade förderlich bei der Charakterentwicklung ist. Allenfalls Michael Paré bringt die nötige Routine mit und macht einen soliden Job, hat aber mit seiner wenigen Screentime nicht allzu viel zu vermelden.

Man sollte „Tunnel Rats“ nicht direkt aufgrund seines Regisseurs verdammen, denn passagenweise ist Bolls Film durchaus gelungen, handwerklich kann an Boll hier auch kaum rummäkeln. Dafür am Script, das Spannung und Charaktere vernachlässigt, weshalb „Tunnel Rats“ nur ganz solide, aber mehr auch nicht ist.

Details
Ähnliche Filme