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Die Zukunft als Kammerspiel, als Dystopie innerhalb vier Wände, in denen ein extrem heruntergekommener Wohnblock den kommenden Strafvollzug verkörpert, die Sonne nicht mehr scheint und sich auch die Jahreszeiten wie aus Abneigung gegen das Fortbestehen nicht mehr ändern. 2046 gibt es nur noch Dunkel, eine ewig steinerne Nacht, in der man die Hand kaum vor den Augen sieht und die fahle Beleuchtung nur durch wenige Flammenmeere am Horizont hervorgerufen werden. Die Bevölkerung besteht zu 50% aus Gefängnisinsassen, abgeschottet von Autonomie zu Anarchie in walled cities, eine Brutstätte an Schmutz, Krankheiten, seelischen und physischen Zerfall, in der die einzige noch handelbare Ware der Einsatz des eigenen Körpers zum käuflichen Sex oder zur frei handelbaren Bluttransfusion ist.

In Chaos ist die Welt am Abgrund sinnraubender Verzweiflung, durch unerledigte und unerledigbare infektiöse Rückstände dem Untergang geweiht, ein Canyon voll Ödnis, Enttäuschung und Gefahr als soziale Massenerscheinung, in der die in ihm befindlichen Menschen auf diese Weise in ihren Anfang der Evolution zurückgegangen sind. Ein Gedankengebäude mit ganz spezieller Anschauungsentwicklung voll immerwährenden Terrorismus, in dem in grausamer Selektionstheorie nur Derjenige das Sagen hat, der seine Ideen und Bedürfnisse mit größtmöglicher Brutalität in entsprechender Skrupellosigkeit durchziehen kann. Wie es zu dieser höchst fruchtbaren Quelle an Schandtaten gekommen und was die letzten Jahre passiert ist, verschweigt die knappe Einleitung ebenso geflissentlich wie das Geschehen keinen Blick auf die außerhalb der Bastille existierende, unter dem Überwachungsstaat herrschaftlicher Obrigkeit lebenden Gesellschaft geworfen und so zugunsten der formellen Aufführungspraxis möglichst wenig intellektuelle Basis geboten wird:

Eine Seuche ist ausgebrochen, die binnen kürzester Zeit den Tod bringen kann. Während sich das Virus schlagartig verbreitet, versucht der sich auf einer Überführung in das Security Council befindende Kriminelle Mickey [ Gordon Lam ] einen Fluchtversuch, der ihn zusammen mit dem durch Handschellen verbundenen Agent Cheung Tai - hoi [ Andrew Lin ] nach einem Autounfall in die autark geführte Arrestanstalt 19th Prison Disctrict bringt. Da der hiesige Bandenführer Crow [ Alexander Chan ] aufgrund fehlender Identitätspapiere nicht weiß, wer von den beiden unfreiwilligen Neuankömmlingen nun der Gesetzeshüter und wer der Verbrecher ist, und seine Hauptmätresse Ling [ Crystal Tin ] absichtlich Mickey, ihren Exfreund und Vater ihres Kindes verleugnet, wird dieser zum Tode verurteilt. Ling, die in dem Cop Rettung für sich oder zumindest für ihre Tochter Yan [ Charmaine Fong ] sieht, verlangt für diese Lüge eine Befreiung aus dem zwar nicht mit Mauern abgesperrten, aber durch implantierte Sprengsätze reglementierten Bunker. Helfen kann da nur Mr. Kim [ Wong Shu-Tong ], der nun in die Kanalisation verbannte ehemalige Erfinder der elektronisch gekoppelten Zündvorrichtung.

Produziert von Fortune Star Entertainment (HK) Limited allgemein und dem durchaus namhaften und sonst mit eigentlich weitaus größeren Werken vertrauten Teddy Chen speziell, gesteht Regisseur Herman Yau diesmal erneut ein doch eher recht eingeschränktes Budget, allerdings wiederum verbunden mit weniger Risiko und mehr Freiheiten vor allem in der Ausgestaltung der alles umgreifenden Immoralität, Morbilität und Mortalität zu.

In einer Zirkulardramaturgie mit weitgehend konsistenter Bildfläche in Desintegration wird das Geschehen für 24 Stunden anhand einiger weniger Personen mit eher mangelnder Durchbildung der Charaktere und dafür Raum für Ausspielen subversiven Verhaltens beobachtet. An dem Wendepunkt einer alles verändernden Krise, die selbst den jetzigen Zustand voll Wahnsinn, Delirium oder permanenter Angst in willkürlicher Zerstörung jeder einzelnen Erscheinung noch einen oder gar mehrere Schritte weiter an den alles zersetzenden Tod bringen kann. Der unaufhörlich ablaufende und sich fortwährend sogar noch beschleunigende Countdown setzt die drängende Frist. Ein Sühneakt in sich ausweitenden Kreisen, der für alle Beteiligten, sowohl aktiv als auch passiv gültig ist. Logisch deduzierte Konsequenz: Der späte Einfall eines behördlich überregionalen Rollkommandos aus der ansonsten unsichtbaren äußeren Wirklichkeit, dass komplett vermummt eine unerbittliche Ausräucherungsaktion ohne moralische Sensibilität auch an Frauen und Kindern der zweiten Wirklichkeit vornimmt.

Die Dynamik der sichtlich preisbewussten und in monochromen Tönen von Blauschwarz mit Violeteinflüssen umgesetzten Arbeit ergibt sich vor dieser finalen Aufräumarbeit aus dem Zusammenhang zwischen Geschichte und Zeitgeist sowie dem Ausspielen des Ultimatums von politischer und patriarchaler Autorität. Die mitschaffende Phantasie des Zuschauers sowie die spürbaren Anklänge, wenn auch nicht ausführlichen Veranschlagungen an Escape from New York, Escape from the Bronx oder auch Equilibrium erschaffen ein Spektrum sich gegenseitig erhellender Perspektiven: Dem konträren Zukunftsentwurf, der Rezeption und Destination dessen, was bis dahin geschehen ist und dem Prozess der Assimilation an ein sich wandelndes Vergangenheitsbild, in dem die geistigen und ethischen Tatsachen dem Niveau der materiellen entsprechen; was die Welt entkleidet und zu Abstraktionen auflöst.

Dennoch, der theoretisch angespannte Zeitimpuls und das schockierend desillusionierende Bild eines bestialischen Kampfes um Macht und Freiheit als die natürlichen Triebfedern können nicht verhindern, dass die eh schon eingeschränkte Handlung gerade noch zu Beginn vorübergehend in eine kritische Bewegungslosigkeit mit wenig stimulierender Kraft erstarrt. Grundsätzlich vermittelt man keine ungewöhnlichen oder umwälzenden Einsichten und besteht zuweilen aus Informationsmüll, aus Assoziationen, Halbfragen und Wiederholungen. Statt die Bedrohlichkeit zu evozieren oder den momentanen Stillstand innerhalb des sozialen Schuldturms für gesellschaftskritische Seitenhiebe zu nutzen, wird sich lieber und dies leider auch ein wenig zu ausführlich und banal gleichzeitig auf eine emotionale Rekonstruktion einer so niemals bestehenden oder Bestand habenden Familie mit konventionalisierendem Beiwerk konzentriert. Mickey, der niemals Vater war und Tai - hoi, der niemals einer sein wird, aber in der Pflicht um der Pflicht willen agiert, übernehmen einzeln und abwechselnd die Ersatzrolle der Vormundschaft über die von Geburt an zu Unrecht der Welt vorenthaltenen Yan.

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