Sean Penn spielt den Homosexuellen Harvey Milk, der zusammen mit seinem Lebensgefährten, gespielt von James Franco, einen kleinen Fotoladen in San Francisco eröffnet. Als der Fotoladen schließlich zum Treffpunkt für Schwule und Lesben wird, beginnt sich Milk immer mehr für die Interessen der Schwulen einzusetzen, führt Proteste an, organisiert feste Treffen. Schließlich fasst er den Entschluss als Stadtrat zu kandidieren und wird nach mehreren Anläufen tatsächlich als erster Schwuler in ein öffentliches Amt in den USA gewählt, schafft sich mit dem konservativen Dan White, gespielt von Josh Brolin, aber schon den ersten Gegner.
Mit "Brokeback Mountain" startete Ang Lee bereits einen ambitionierten Versuch dem Thema Homosexualität im prüden Amerika überaus offen und vorurteilsfrei gegenüberzutreten und dabei für Toleranz gegenüber seinen beiden schwulen Hauptfiguren zu werben. Und nun nimmt sich mit Gus van Sant, der schon mit "Good Will Hunting" ein hervorragendes Drama abgeliefert hatte der Thematik an und zwar mit einem Biopic von Harvey Milk, dem ersten bekennenden Homosexuellen, der in Amerika in ein öffentliches Amt gewählt wurde.
Und Van Sant nimmt sich der Thematik mit dem nötigen Ernst an. Übertriebenen Pathos gibt es zu keinem Zeitpunkt, auf heroische Musik wird verzichtet, genauso, wie auf eine Dramatisierung der Ereignisse und damit bleibt der Film von Anfang bis Ende auf einem realistischen, authentischen, beinahe dokumentarischen Niveau. Dem Thema Homosexualität tritt Van Sant dabei weitestgehend aufgeschlossen und vorurteilsfrei gegenüber. Die Charakterkonstruktion von Harvey Milk fällt gut aus, seine Motivation wird deutlich, genauso, wie seine Beziehungen zu seinem ehemaligen und zu seinem aktuellen Lebensgefährten. Zum Vorwurf machen kann man dem Film dabei allerhöchstens, dass die Kindheit und Jugend des Politikers nicht behandelt, nur aus dem Zusammenhang gerissen immer mal wieder angedeutet werden. Als Plädoyer für ehrliches Toleranz ist der Film also durchaus gelungen.
Auch als Zeitportrait ist "Milk" durchaus sehenswert. Das prüde Amerika von damals, dass an Toleranz noch weniger aufbieten konnte, als es heute der Fall ist, wird authentisch dargestellt und die Grundeinstellungen vor allem in der Figur des Dan White verdeutlicht. Die Demonstrationen und Proteste der Homosexuellen, die in den 70ern schließlich immer stärker wurden, werden genauso interessant und anschaulich dargestellt, wie die zunehmenden konservativen Ströme, in deren Zusammenhang Anti-Schwulengesetzte in einigen Staaten der USA gefordert, teilweise sogar durchgesetzt wurden.
Erzählerisch steht bei Gus Van Sant die Authentizität des Biopics im Vordergrund und dies ist wohl auch der Grund für die zahlreichen Oscar-Nominierungen, die der Film einstreichen konnte, allerdings entstehen dann doch einige Längen im Mittelteil, in denen einfach zu wenig passiert. Verschiedene Kampagnen die Milk startet, manche Verhandlungen, die Dialoge und Streitgespräche mit Dan White werden hier teilweise zu breit getreten, womit der Film nach seinem starken Start und vor seinem bewegenden Finale immer mal wieder temporär an Fahrt verliert. Darüber hinaus wird der Liebesbeziehung von Milk zu Jack Lira etwas zu viel Zeit eingestanden. Unterhaltsam ist "Milk" alles in allem, aber es wäre definitiv mehr drin gewesen.
Sean Penn hat seine Vielseitigkeit bereits enorm oft unter Beweis stellen können, so war er als zum Tode verurteilter Straftäter in "Dead Man Walking", als Mafioso in "Mystic River", als Soldat in "Der schmale Grat", als Musiker in "Sweet and Lowdown", sowie als todkranker Professor in "21 Gramm" absolut überzeugend. Und auch als homosexueller Politiker könnte er kaum besser sein, so hat er sich seinen Oscar redlich verdient. Auch wenn er stellenweise etwas tuntig spielt und das eine oder andere Schwulenklischee bewusst auf die Leinwand bringt, ist er als Harvey Milk sehr sympathisch und überzeugt gänzlich mit einer bewegenden Darstellung, wobei er erneut zeigt, wie tief er sich in seine Charaktere hineindenkt. Auch Josh Brolin macht seine Sache gut. Er spielt die Figur des Dan White zwar eher zurückhaltend und mimikarm, aber immer dann, wenn der Hass auf Harvey Milk bei seiner Figur ansteigt, spürt man förmlich, wie es in ihm brodelt, bis zum Mord an Milk, bei dem Brolin die beste Leistung seiner bisherigen Karriere abrundet. Der übrige Cast ist ebenfalls stark besetzt, so überzeugen vor allem James Franco und Emile Hirsch in ihren Nebenrollen.
Fazit:
Gus Van Sant liefert ohne künstliche Dramaturgie oder übertriebenes Pathos ein beinahe dokumentarisches Biopic von Harvey Milk ab, das auch als Zeitportrait gelingt und vor allem durch seinen starken Cast, hier wären vor allem Penn und Brolin zu nennen, gut unterhält. Im Mittelteil schleichen sich dann aber doch ein paar Längen ein und da die ersten vierzig Jahre von Milks Leben nur tangiert werden bleibt zudem der Eindruck, dass dann doch etwas fehlt. Dennoch ein gutes, authentisches und empfehlenswertes Biopic.
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