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"Ich weiß, ich bin anders als sie erwartet haben, aber ich habe meine Stöckelschuhe nur zu Haus gelassen."

1972 ziehen der homosexuelle Versicherungsangestellte Harvey Milk (Sean Penn) und sein Lebensgefährte Scott Smith (James Franco) nach San Francisco. In der Absicht ein freies und gleichberechtigtes Leben zu führen, eröffnen sie einen kleinen Fotoladen. Die umliegenden Geschäftsinhaber begegnen den beiden allerdings mit Vorurteilen. Da die Diskriminierung Homosexueller vor allem durch konservative Kräfte im Parlament verankert ist, organisiert Milk schwule Straßenfeste und protestiert offen vor dem Stadtrat. Immer mehr Sympathisanten zieht er damit an, bis schließlich das gesamte Viertel von Homosexuellen durchwachsen ist. Durch diese Bewegung angetrieben, stellt sich Milk zum Wahlkampf um den Stadtrat auf, kritisch von Mitbewerbern wie Dan White (Josh Brolin) betrachtet.

In den wenigen Jahren seines politischen Handelns setzte Harvey Milk, die Ikone der Schwulenbewegung in den USA, regelrecht eine Lawine in Gang, die nach und nach zu einem gesellschaftlichen Umdenken führte. Bis in die 70er Jahre konnte man noch in den Gesetzestexten einiger amerikanischer Bundesstaaten lesen, dass Homosexualität illegal ist und unter Strafe steht. Für die Konservativen waren Homosexuelle das moralisch Verwerfliche, welches die ureigensten amerikanischen Werte untergräbt. Für die Evangelikalen beinahe so etwas wie der Teufel höchstpersönlich.

Gus Van Sant ("Elephant", "Good Will Hunting") erzählt den Lebensweg des politischen Aktivisten in klassischer Hollywood-Manier. Durch die Midlife-Crisis zerrüttet nimmt Milk den Kampf gegen die amerikanische Prüderie und Homophobie der 60er Jahre auf. Dabei will er erreichen, dass Homosexuelle die gleichen Rechte, Privilegien und Pflichten wie alle anderen Bürger auch haben sollten und frei, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung, nach ihrer Facon leben dürften. Ganz so, wie es eigentlich die Verfassung der USA garantiert. Mehrere Anläufe benötigt Milk bis er tatsächlich in den Stadtrat gewählt wird, von Todesdrohungen und Hetzkampagnen verfolgt. Sein Privatleben bleibt dabei auf der Strecke.

Van Sant verknüpft zeitgeschichtliches Archivmaterial mit fiktionalem Drama um "Milk" so authentisch wie nur eben möglich auszurichten. Dies gelingt ihm, unter anderem durch die großartige Leistung von Kostüm- und Maskenabteilung. Ähnlich dem radikalen "Der Baader Meinhof Komplex" wurde außerordentlicher Wert auf die Ähnlichkeit zu den echten Personen gelegt. Der Abspann hält Fotos dieser bereit, wo sich jeder den Vergleich zum entsprechenden Darsteller noch einmal vor Augen halten kann.

Allein das Thema macht es dem Film schwer eine entsprechende Masse anzuziehen. Absolut heterosexuell ausgerichtete Zuschauer werden bei zahlreichen Männerküssen ihre Schwierigkeiten haben, ohne dass Toleranz eine Rolle spielt. Dies ist aber nicht das eigentliche Problem des zu sehr auf politischen und Beziehungsproblemen orientierten Dramas.
"Milk" enthält, vom Schluss abgesehen, keinerlei dramaturgische Höhen. Die Handlung an sich ist leider nicht so mitreißend wie man es von konkurrierenden Gesellschaftsdramen gewohnt ist. Die Story gewinnt zwar gegen Ende an Tempo, weist aber insgesamt deutlich spürbare Längen auf, die durch eine eindimensionale Aufzählung von Fakten verursacht wird.
Obwohl das Thema an sich viele Möglichkeiten zu drastischer und emotionaler Darstellung zulässt, bleibt "Milk" sehr zahm und unkritisch. Diskriminierung und Hass gegenüber den Homosexuellen, sowie die Ausschließung von Hilfe seitens der Polizei, wird nur am Rande angesprochen. Dies führt zur Irreführung, da die Bedrohung immerwährend ist.

Für die überzeugende Glaubwürdigkeit und Authentizität der Figur des Harvey Milk im Film zeichnet sich Sean Penn ("Attentat auf Richard Nixon", "Mystic River") verantwortlich. Gleichzeitig ist er es der den Film sehenswert macht, denn einmal mehr beweist Penn, dass er zu der Top-Garde der Charakterdarsteller Hollywoods zählt. Seine Performance ist charismatisch, zu Herzen gehend und in jedem Moment wahrhaftig. Als brillanter Redner und energetisches Kraftbündel, das die Menschen mitreißt, genauso wie in den stillen, einsamen Momenten. Da geht der über seine Verhältnisse gut spielende James Franco ("Spiderman"-Reihe, "An American Crime") neben ihm gnadenlos unter.

Trotz herausragender Darsteller und authentischem Feeling ist "Milk" ein ausgesprochen unzugängliches Drama, welches seine anspruchsvolle Thematik durch schlichte Erzählweise ohne Höhen nicht an den Mann bringen kann. Einzig Freunde von Biografien mit hoher politischer und gesellschaftlicher Relevanz sehen über diese Mängel hinweg. Personen die mit politischen Hintergründen nichts anfangen können, sind mit dem besser ausgestatteten und erinerungswürdigen "Attentat auf Richard Nixon" besser bedient.

3 / 10

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