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Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich Hollywood dem Leben und tragischen Tod von Harvey Milk annehmen würde. Steht es doch einerseits für den unaufhaltsamen Aufstieg eines Menschen und dient somit wunderbar als Sinnbild (Underdog-Story) des „American Dream“. Andererseits sorgten sein gewaltsamer Tod und das darauf folgende skandalöse Gerichtsurteil zwingend für eine Auseinandersetzung mit der schwelenden Homophobie im Land. Somit ließe sich ein Spagat zwischen Gesellschaftskritik und glamouröser  Heldengeschichte leicht herstellen. Und über die gesamten 128 Minuten ist „Milk“ auch kaum etwas anderes, als ein auf breiten Konsens angelegter Kompromiss zwischen dem Mainstream, mit immer wieder überdeutlich eingestreuten Schlenkern in Arthousegefilde, und einer versuchten politischen bzw. moralischen Belehrung mit heftigst schwingendem Zeigefinger.

„Milk“
ist von Beginn an die Bewunderung seines Regisseurs bezüglich seiner Hauptfigur anzumerken. Das sind sicherlich nicht die schlechtesten Voraussetzungen um ein filmischen Denkmal in Form eines Biopics zu inszenieren, sorgt aber leider auch – zumindest bei Gus van Sant - für eine den Raum sprengende Überhöhung und damit für einen nur wenig emotionalen Zugang. Van Sant schraubt und werkelt die gesamte Lauflänge an dem Podest den er für Harvey Milk errichtet hat und vergisst dabei leider den Menschen dahinter in adäquater Form mit einzubeziehen.
Sollte man davor die sehr aufschlussreiche und gelungene Dokumentation „The Times of Harvey Milk“ (1984) gesehen haben, schwindet darüber hinaus auch der Unterhaltungswert, den die ebenfalls dokumentarisch in „Milk“ verpackten Informationen bergen. Der langsame Aufstieg vom orientierungslosen und zaghaften Menschen zum wortgewaltigen sowie idealistischen Politiker bleibt weitgehend erklärungslos und unklar. Auch Harvey Milk’s durchhaus ambivalente und streitbare Haltung zum Coming Out wird von Van Sant nur unzureichend für eine eigentlich hochinteressante Psychologisierung seines Charakters genutzt. Was besonders hier sehr Schade ist. Harvey Milk, der bis zu seinem 40. Lebensjahr seine Sexualität vor der Gesellschaft und seiner Familie verheimlichte, ruft mit fast aggressiver Haltung zum kollektiven Outing auf. Hier wäre es geradezu zwingend gewesen, den auch heuchelnden und berechenbaren Politiker hinter dem bewundernswerten Menschen(-rechtler) zu zeigen, und somit eine vielschichtigere und auch interessantere Charakterisierung zuzulassen. Obwohl dieses Thema zwar nicht unangesprochen bleibt, ist es als maximal nebensächliche Fußnote zu verzeichnen, mit der sich der Film auch nicht weiter beschäftigt.

Auch rein inszenatorisch hebt sich „Milk“ kaum von gängigen Biopic Interpretationen ab. Im Nachhinein muss man dem leider ebenfalls eher gescheiterten „I,m not There“ (Todd Haynes) für seinen Mut neue Pfade im Genre beschritten zu haben danken. Gerade wenn man im direkten Vergleich die geradezu altbackene Inszenierung von „Milk“ vor Augen hat.
Die historischen Fakten werden entweder kalt und nüchtern aufgetischt, oder mit dickem Pathos und überheroisierend, dem Kitsch nahe, überzogen. Gerade auch die politischen Lehrjahre für Milk verströmen eher das Gefühl eines queeren Happenings als das einer zehrenden Arbeit, die schließlich auch das Beziehungsende zwischen Harvey und seinem Partner Scott (James Franco) herbeiführen sollte.

Bei all den inszenatorischen Schwächen und dem verweigertem Mut zur ambivalenten Charakterisierung seitens Van Sant, muss man den Film für seine außergewöhnlich gute Besetzung gratulieren. Besonders Josh Brolin als Dan White und natürlich Sean Penn schaffen es durch ihr kraftvoll nuanciertes Spiel und wider die inszenatorischen Mängel, den Film auf ein höheres Niveau zu stemmen und lassen dadurch tatsächlich die Menschen hinter den historischen Figuren zumindest ansatzweise erkennbar werden. Auch James Franco sorgt mit seiner subtilen und eher bodenständigen Darstellung für einen angenehmen Kontrapunkt gegenüber dem einnehmenden und wild gestikulierenden Spiel von Sean Penn.

Leider aber durchkreuzt die komplexe Darstellung der Figuren, seitens der Schauspieler, der gegen Ende immer pathetischer werdende Ton des Films. Vor allem der plötzlich auftauchende Bezug zu Puccinis Oper "Tosca" wirkt aus dem Kontext gerissen und sorgt letztlich nur für einen sentimental überdosierten Todeskitsch. Dieser bedeutungsschwangere Ton will sich einem nur schwer erschließen, wenn man zuvor kaum über dessen Bedeutung erfährt. Eher durchfährt einen das Gefühl, dass Gus van Sant einen theatralisch und „kultiviert“ in Szene gesetzten Tod, dem abscheulichen und brutalen Verbrechen vorgezogen hat. Der Held des Filmes solle nicht vom entwürdigenden Gewaltakt überrascht werden, sondern wie bei Van Sant, faktisch seinen Tod bzw. die tödliche Kugel in weiser Voraussicht erwarten. So blickt er kurz davor noch einmal mit gelassener, ja fast friedlicher Miene aus dem Fenster auf ein Tosca Plakat, das an der gegenüberliegenden Oper aushängt. Dieser Kitsch - anders kann man es nicht sagen – torpediert den zuvor noch so versucht dokumentarischen Stil und führt fast zu einer Trivialisierung des Verbrechens.

Viel zu zerfahren, zwischen kühlen Fakten servieren (deren inhaltlicher Nährwert nach „The Times of Harvey Milk“ arg limitiert ist), einer pathetischen Überhöhung eines zweifellos wichtigen Menschen und einer (unausgereiften) Charakterstudie, schaukelt „Milk“ hin und her ohne je Stringenz oder filmische Harmonie zu finden. Alleine die wirklich fantastische Leistung der Schauspieler sorgt dafür, dass sich dieser oft in abgrundtiefem Kitsch befindende Film, nicht zum gänzlich mystifizierten, romantisierten und gekünstelten Rührstück wird.
Harvey Milk hätte trotzdem einen besseren Film bzw. mutigeren Regisseur verdient gehabt.

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