Review

Gus Van Sant erzählt die wahre Geschichte des ersten offen bekennenden Homosexuellen, der in Amerika je in ein politisches Amt gewählt wurde: Harvey Milk. Der Stadtrat von San Francisco war ein Vorreiter der homosexuellen Toleranzbewegung und wurde 1978 von einem psychisch gestörten Politkollegen erschossen. Ohne Milks großes Engagement für die Menschenrechte wäre speziell Amerika wohl noch lange in einer restriktiven, menschenverachtenden Denkweise verharrt - das macht sowohl die oscar-prämierte Dokumentation "The times of Harvey Milk" deutlich als auch dieser mit Sean Penn in der Hauptrolle genial
besetzte Spielfilm.

Penn zeigt einmal mehr sein ganzes schauspielerisches Können und mimt die Rolle des schwulen Bürgerrechtlers so intensiv und bis in die kleinsten Gesten natürlich und überzeugend, dass man keine Sekunde daran zweifelt, den echten Harvey Milk vor sich zu sehen: seine lebensbejahende Fröhlichkeit, hinter der sich ein beinahe grenzenloser Wille zur Aufbrechung verstockter Ansichten verbirgt, reißt ebenso mit sich wie die Momente intimster Emotionalität - wenn ihn etwa sein Geliebter verlässt oder er scheinbar vergeblich versucht, am Telefon einen Jungen vom Selbstmord abzuhalten.

Neben dem grandiosen Sean Penn, der für seine Rolle völlig zu Recht den Oscar erhielt, glänzen aber auch alle anderen Darsteller bis in die kleinsten Nebenrollen. Zusammen mit dem überzeugenden Setting, der detailverliebten 70er-Jahre-Ausstattung und immer wieder eingestreuten Originalaufnahmen, unter anderem auch aus "The times of Harvey Milk", erzeugt der Film so ein äußerst authentisches Feeling der US-Gesellschaft jener Jahre - bis hin zu Politikern, die in der Öffentlichkeit pseudowissenschaftliche Begründungen für die Abartigkeit Homosexueller äußern und dafür bejubelt werden.

Dass "Milk" die mitreißende Intensität und Emotionalität entwickelt, die den Zuschauer trotz des schon zu Beginn feststehenden Ausgangs mitfiebern und am Ende die Tragik und Ungerechtigkeit der Geschichte sehr stark mitfühlen lässt, liegt möglicherweise daran, dass Gus Van Sant es versteht, die politisch komplexen und oft unruhigen Vorgänge jener Zeit mit einer entspannten Kameraführung in klare, stets überschaubare Bilder zu fassen. So zeichnet er nicht nur Milks Karriere Schritt für Schritt nach, sondern zeigt auch seine intimsten Momente und persönlichsten Zweifel und Ängste. Die Vermischung von historischen Fakten und dramaturgischer Fiktion ist selten so gut gelungen wie in diesem Film.

"Milk" ist die Huldigung eines Kämpfers für Gerechtigkeit, Gleichheit und Menschenwürde und zugleich ein Plädoyer gegen Engstirnigkeit, Vorurteile und Menschenverachtung, die sich allzu oft hinter christlichen Moralvorstellungen verbirgt. Zwar wird Milk hier ein wenig zur Ikone verklärt - auch wenn seine Schwächen und Ängste nicht verschwiegen werden, ist er doch stets die leuchtende Leitfigur des Films und der Figuren darin - aber angesichts einer Welt, die selbst 35 Jahre nach dem feigen Mord an diesem mutigen Mann immer noch nicht begriffen hat, was menschliche Gleichheit bedeutet, ist ein wenig Pathos wohl durchaus erlaubt. Insgesamt ist "Milk" ein mitreißender, aufwühlender Film über den Wunsch nach Freiheit und Gleichberechtigung, der mit einem genialen Hauptdarsteller, starken Dialogen und der Erkenntnis aufwartet, dass Dummheit und Boshaftigkeit nur durch einen beständig andauernden Kampf eingedämmt werden können. Harvey Milk ist tot - seine Botschaft besteht fort, und dieser Film verbreitet sie.

Details
Ähnliche Filme