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Im Jahre 1962 erblickte der wohl beliebteste Filmheld der Geschichte das Licht der Leinwand, James Bond, Geheimagent 007 mit der Lizenz zum Töten

In diesem Film gibt es bereits (fast) alle Zutaten, die uns heute so lieb und vertraut sind, allerdings vieles davon noch in der Sparversion. Es gibt Action, exotische Schauplätze, einen größenwahnsinnigen Oberschurken und viele schöne Frauen. Insbesondere die Action – Sequenzen sind hier noch nicht so spektakulär wie man es von späteren Bond – Filmen gewohnt ist, trotzdem gibt es schon die obligatorischen Schusswechsel, Verfolgungsjagden und den finalen Kampf mit dem Bösewicht. Seine rasante Wirkung verdankt der Film nicht zuletzt auch dem Cutter Peter Hunt, der für „Dr. No“ die Schnittechnik revolutionierte. Bis dahin war es nämlich ein ungeschriebenes Gesetz niemals einen Schnitt zu setzen, solange sich noch Menschen auf der Leinwand bewegten. Dieses Gesetz wurde hier jedoch bewusst in den Actionszenen gebrochen mit dem Ergebnis, dass diese intensiver wirkten als alles zuvor dagewesene. „Dr. No“ prägte somit das Filmwesen entscheidend. Ich möchte sogar so weit gehen ihn als ersten modernen Actionfilm zu bezeichnen. Denn Filme, die einen so actionorientierten und rasanten Handlungsverlauf haben und trotzdem nicht (direkt) dem phantastischen Bereich zugehören, gab es zuvor noch nicht (oder ähnliches konnte sich vielleicht zuvor nicht profilieren weil eine vernünftige Geschichte und kompetente Macher fehlten).

Kein Zweifel, James Bond ist ein Superheld, doch keiner in der Art wie Superman und Konsorten, er ist ein Held der Teil unserer Realität ist. Die politische Situation des kalten Krieges wird nicht verschwiegen. Doch wird diese Realität romantisiert bzw. dramatisiert, so dass sie viel bunter und interessanter im Film wirkt als sie es tatsächlich war, denn die Handlung dieses Films spielt sich auch auf einer Ebene ab, die für den Normalbürger ebenso unzugänglich ist wie fremde Planeten.
Der westliche Agent James Bond bewegt sich in den nobelsten Kreisen trägt maßgeschneiderte Anzüge und die (damals) neueste Waffe. Gleichzeitig verfügt er sowohl im kämpferischen als auch im erotischen Bereich über scheinbar unbegrenzte Fähigkeiten, denn die Bösen bringt er alle zur Strecke und die Frauen erobert er mit ähnlicher Sicherheit.
Hierbei lag im Jahre 1962 natürlich auch Zündstoff für heftige Kontroversen, denn man brachte hier eine neue Dimension von Sex und Gewalt auf die Leinwand. Die Beiläufigkeit und Menge der Gewalt kannte man zuvor nur aus dem Bereich des phantastischen Films, wo sie noch toleriert werden konnte. Die realistischen, mitunter brutalen Methoden mit denen in „Dr. No“ viele Menschen zu Tode kamen stießen seinerzeit jedoch vielen Menschen sauer auf. Man bedenke, der Film beginnt mit gleich zwei kaltblütigen Morden und wie 007 Professor Dent erledigt wirkt auch heute noch etwas hart (er erschießt mit lässigem Gesichtsausdruck den offenkundig wehrlosen Dent und jagt dem am Boden liegenden noch eine Kugel in den Rücken).
In Sachen Sex blieb es bei „Dr. No“ noch bei bloßen Andeutungen, ebenso wie bei anderen Produktionen dieser Zeit, obwohl diese hier doch oft eindeutiger ausfielen als bei anderen zeitgenössischen Produktionen. Und immerhin gibt es hier auch den berühmten Bikini – Auftritt von Ursula Andress zu bewundern, der zwar eigentlich harmlos ist, aber damals insb. in Amerika sicher einige Gemüter zum Kochen brachte. Was zu jener Zeit aber wirklich skandalös war, war wieder die Beiläufigkeit, die Beiläufigkeit mit der James Bond die Frauen vernaschte und danach im Handumdrehen die nächste anpeilte.

Doch die Zeiten haben sich ja glücklicherweise geändert, jedoch ohne dass „Dr. No“ viel von seinem Unterhaltungswert eingebüßt hätte. Die Leichtigkeit und die flüssige Erzählstruktur lassen auch heute keine Langeweile aufkommen. Und einige spektakulärere Knall – Effekte, wie z. B. die finale Explosion, hat man auch hier schon einbauen können.

Für einen besonderen Charme sorgen die fantasievollen technischen Kulissen in Dr. Nos Zentrale, die ein wenig an die Sience Fiction – Filme der 50er Jahre erinnern. Diese wurden von dem deutschstämmigen Produktionsdesigner Ken Adam entworfen, der inzwischen aufgrund seiner Arbeit an diesem und späteren James Bond – Streifen selbst recht populär geworden ist. Seine Arbeit sollte die Optik der 007 – Filme in den folgenden Jahren entscheidend prägen.

Der junge Sean Connery ist ein hervorragender James Bond. Schon mit 32 Jahren verfügt er über erstaunliches Charisma und dürfte sowohl weibliche als auch männliche Zuschauer ansprechen. Die weiblichen aufgrund seiner offenkundigen Attraktivität, die männlichen aufgrund seiner markanten Ausstrahlung. Dieser James Bond ist zwar ein Ladykiller, vor allem aber auch ein Killer. Denn mit seinen filmischen Gegnern ließ man Connery / Bond nicht zimperlich umgehen (die Hinrichtung von Professor Dent wurde ja bereits erwähnt). Doch das ist das entscheidende Merkmal, weswegen Sean Connery bis heute als der beste Bond gilt, er wirkt nicht nur sexy, er wirkt auch gefährlich.
Es ist nur schade, dass in der deutschen Fassung hier noch die bekannte Synchronstimme von Gert Günther Hoffmann fehlt, so dass die Wirkung einiger schwarzhumoriger Sprüche verlorengeht.

Ebenso wirkt auch sein Gegenspieler, Dr. No der überaus gekonnt von dem amerikanischen Bühnendarsteller Joseph Wiseman verkörpert wird. Dieser hat als Erzschurke überraschend wenig Screentime, nutzt diese aber hervorragend um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Die kühle Arroganz und berechnende Ruhe mit der er Dr. No darstellt verleihen der Figur eine Bedrohlichkeit, wie sie im Folgenden unter den Bond – Bösewichten nur noch selten zu finden war. Hierbei sind aber auch seine beiden spinnenähnlichen Handprothesen durchaus behilflich. Ein groteskes Element, das in späteren Filmen meist auf die Kleinbösewichte überging.

Ursula Andress als das erste (filmüberdauernde) Bond – Girl gilt unter Fans der Serie heute ebenfalls als unerreicht, obwohl sie eigentlich nicht viel mehr tut als gut aussehen. Trotzdem ist ihre Darstellung als selbstbewusste Naturfrau noch interessanter als so manches Blondchen, das später den Weg von 007 kreuzte.

„James Bond 007 jagt Dr. No“ hat die Jahre wirklich gut überdauert, Unterhaltungswert und Charme sind ungebrochen, deshalb sind Wiederholungen immer wieder gern willkommen (aber bitte nicht schneiden).

8 / 10

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