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Man schrieb das Jahr 1962. Weitreichende Veränderungen zeichneten sich ab. Nach dem Ende der Kubakrise begannen die beiden Supermächte zaghaft damit, eine Phase der Entspannung einzuleiten. In den USA regierte der jungenhafte John F. Kennedy, in Deutschland war das Ende der Ära Adenauer abzusehen. Die Beatles standen vor dem Durchbruch, der DFB hatte die Gründung der Bundesliga beschlossen. Und auf Jamaica nahm ein Mann seinen Dienst für Königin und Vaterland auf, der nach seinem Siegeszug auf dem Feld der Unterhaltungsliteratur nun auch auf der Leinwand zum Prototypen aller Geheimagenten werden sollte. Sein Name war Bond - James Bond.
Die Produzenten Saltzman und Broccoli, die von Ian Fleming die Filmrechte erworben hatten, hatten sich für den jungen schottischen Schauspieler Sean Connery als James Bond entschieden - wie sich herausstellen sollte, eine exzellente Wahl. Connerys Rolle wurde in der deutschen Filmversion allerdings noch nicht von seinem späteren Stammsprecher G.G. Hoffmann synchronisiert, so dass er sich in "Dr. No" für den heutigen Fan im ersten Moment etwas ungewohnt anhört.
Viele legendäre Bausteine, die später Kultstatus erlangen sollten, finden sich bereits in diesem ersten Film, während andere Elemente noch etwas unfertig und ungehobelt wirken. Gun-Barrel-Sequenz und Eingangstitel sind noch etwas verbesserungswürdig, die Pre-Title-Einleitung fehlt hier noch völlig. An Figuren begegnen uns Bonds Chef M, die Sekretärin Moneypenny, sein CIA-Kollege Felix Leiter und Ursula Andress als erstes Bond Girl, während Waffenmeister Q erst im nächsten Film seinen ersten Auftritt haben sollte.
Bösewicht Dr. No, Vorläufer einer ganzen Reihe von größenwahnsinnigen Psychopathen, die mit kriminellen Mitteln die Weltherrschaft erringen wollen, erreichte zwar noch nicht das Format eines Blofeld oder Goldfinger, gab aber dennoch einen brauchbaren Widerpart zu Bond ab. Dies kann man von seinen Handlangern nicht unbedingt behaupten, von denen z.B. der mörderische Geologe Prof. Dent besonders dadurch in Erinnerung blieb, dass er von Bond kaltblütig umgebracht wird. Ursula Andress (durch ihren ersten Auftritt im Bikini und aus dem Meer auftauchend genial in Szene gesetzt) begegnet Bond erst relativ spät, nämlich auf dem geheimen Inselstützpunkt des Oberschurken, übertrifft aber dafür ihre Vorgängerinnen aus den ersten beiden Dritteln des Films (Bonds Kurzbekanntschaft Sylvia Trench und die verräterische Sekretärin Miss Taro) um Längen.
Technische Spielereien sind Bond noch fremd, so dass selbst die bereits damals mehrere Jahrzehnte alte Walther PPK noch als eine Art Wunderwaffe präsentiert wird. Die Gegenseite hält mit blinden Killern, Zyankalizigaretten, Vogelspinnen und Flammenwerferpanzern dagegen, vor allem aber mit Dr. Nos geheimer Atomanlage zur Störung amerikanischer Raketenstarts. Die Naivität, mit der man damals der Nukleartechnik begegnete, lässt sich z.B. daran ablesen, dass sich Bond und Honey Rider längere Zeit in einem radioaktiv verstrahlten Gebiet aufhalten, ohne sich darüber besondere Sorgen zu machen, und nach einer kurzen Wäsche anscheinend wieder außer Gefahr sind. Der Showdown ist für spätere Bond-Verhältnisse relativ schnell abgehandelt, während das Ende - Bond treibt mit seiner Gespielin in einem Boot auf dem weiten Meer - später noch mehrfach kopiert werden sollte.
Bietet Dr. No schon als Einzelkunstwerk solide und spannende Unterhaltung, so überzeugt er den Bond-Kenner in seiner Funktion als Auftakt einer weltberühmten Erfolgsserie vor allem durch den hohen Wiedererkennungswert.

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