10 Sekunden lang starrt Markus (Wolfram Koch) auf die zwei Punkte, die sich auf seinem Bildschirm nähern, ohne dass er eingreift. Ob er als Fluglotse wirklich an dem Zusammenstoss etwas hätte ändern können, bleibt ungewiss, aber die sich daraus ergebenden Fakten sind klar - 83 Tote und eine noch größere Anzahl an Menschen, deren Lebenslauf eine unerwartete Wendung nimmt.
Da ist zum einen Erik (Filip Peeters), der freudig auf seine Frau und Tochter am Flughafen wartete, dann ein Taxi nahm, dass ihn zur Unglücksstelle fuhr, wo er auf Harald (Sebastian Blomberg) traf, der als erster Polizist vor Ort war und den fassungslosen Mann in seine Arme nahm. Oder zum anderen Franziska Hofer (Marie Bäumer), die Frau des Fluglotsen, die ihren Job aufgibt, um sich um ihren Mann zu kümmern, der nicht mehr arbeiten kann.
"10 Sekunden" beginnt ein knappes Jahr nach dem Flugzeugabsturz und schildert in unterschiedlichen Zeitschienen die vorangegangenen Ereignisse und die Auswirkungen auf die einzelnen Betroffenen mit Erik, Harald und Franziska im Mittelpunkt. Deren Linien bewegen sich unweigerlich aufeinander zu und lassen die ein Jahr lang unterdrückten Emotionen zum Ausbruch kommen...
Dem Film ist der Satz vorangestellt, dass es sich um keine Dokumentation handelt, denn der Bezug zum Flugzeugzusammenstoss am Bodensee, bei dem vor einigen Jahren eine Vielzahl russischer Kinder ums Leben kamen und an dem auch das Versagen eines Fluglotsen zumindest mitschuldig war, ist offensichtlich. Regisseur und Drehbuchautor Rohde verlegte das Geschehen nach Leipzig, ließ weitere äußerliche Details zum Absturz weg und konzentrierte sich ausschließlich auf die Psyche der Beteiligten.
Auch für Außenstehende ist es leicht nachvollziehbar, dass ein Erlebnis dieser Größenordnung kaum zu verkraften ist und erhebliche Auswirkungen hat. Doch anstatt sich dieser Voraussetzung bewusst zu sein und darüber hinauszugehen, indem man sich auf die wirklichen Empfindungen konzentriert, verbleibt Rohde nur im Außenraum und schildert über die gesamte Laufzeit des Films in ungebrochener Ernsthaftigkeit, dass es den Menschen danach ganz furchtbar schlecht geht. Dabei geben die Schauspieler ihr bestes, aber das Drehbuch erfordert nur eingefrorene Gesichtszüge, die in Nahaufnahmen gezeigt werden, apathische Bewegungen, knappe und emotionslos gesprochene Sätze und verzweifelte Durchhalteparolen wie „Wir schaffen das!“.
Scheinbar können sich die Macher keine anderen Reaktionen vorstellen als eine innere Einkehr, die sich durch die Unfähigkeit auszeichnet, über das Geschehene reden zu können. Zwar hat Franziska einen Geliebten, aber der Betrachter erfährt nicht, ob dieser schon vor dem Unglück an ihrer Seite war oder ob es sich um eine verzweifelte Reaktion auf die Hilflosigkeit handelt, ihrem Mann nicht helfen zu können. Stattdessen gefällt sich der Film darin, im Stil cooler Kriminalfälle die Handlung zeitlich versetzt puzzleartig zusammenzusetzen, um damit eine gewisse äußere Spannung zu erzeugen. Genau diese Oberflächlichkeit wird dem Film zum Verhängnis, der letztlich nicht über klischeehafte Verhaltensmuster hinausgeht und keinerlei Tragik vermitteln kann.
Besonders unangenehm sind in diesem Zusammenhang die Ereignisse um den Witwer Erik, der mit einer Waffe nach Leipzig kommt. Zufällig lernt er Daniela (Hannah Herzsprung) kennen, eine schwarz gekleidete junge Frau, die dem Leipziger Nachtleben frönt. Erik erweckt in seiner steifen, unzugänglichen Art ihr Interesse. Dessen tieftrauriges Seelenleben verwechselt sie mit einer schrägen Coolness, weshalb sie sich an den wesentlich älteren Mann heranhängt und mit ihm die Nacht verbringt. Aus dieser Konstellation, die signifikant dafür ist, seine eigenen Vorstellungen in das Verhalten anderer Menschen hinein zu interpretieren, hätte man eine Menge machen können. Stattdessen verhalten sich die beiden Protagonisten völlig profan, verharren in ihrer jeweiligen Gedankenwelt und bewegen sich keinen Millimeter aufeinander zu. Daniela bleibt das Mädchen, das sich wieder in einem Mann getäuscht hat, und Erik ist sowieso nur Trauer pur ohne zusätzliche menschliche Regungen.
Die Macher widmen sich so sehr ihrer Dauer-Performance des bewegungslosen Frustes, dass es ihnen nicht einfällt, dass es gerade durch das Aufeinanderprallen verschiedener Charaktere zu Veränderungen kommen kann. Dazu begleiten sie dieses Geschehen mit einer penetrant traurigen klassisch angehauchten Filmmusik, mit ständig abgedunkelten Bildern und langen Einstellungen, die die sonstige Unbeweglichkeit noch optisch untermauern sollen. Wenn es dann zum Schluss zu gewissen Ausbrüchen kommt, wirkt das zusätzlich aufgesetzt, da die Charakterzeichnungen die gesamte Spieldauer nicht über Abziehbilder hinauskommen.
Besonders ärgerlich an „10 Sekunden“ ist, dass er die typischen Vorurteile gegenüber deutschen Filmen in ihrer Humorlosigkeit und ihrem am Realismus orientierten Ambiente zu bestätigen scheint. Wer solche Stoffe nicht mag, wird sich in „10 Sekunden“ bestätigt fühlen, aber tatsächlich wird der Film seinem nach außen behaupteten Anspruch nicht gerecht (2/10).