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Brachiale Action und intelligente Storyline ist bekanntermaßen eine Kombination , die nur selten glückt, sofern sie denn seitens der Produzenten überhaupt beabsichtigt wird. Im Jahr 1987 brachte ein bis dato recht unbekannter holländischer Regisseur mit dem SciFi-Actioner „Robocop“ seinen Hollywooderstling in die Kinos, der auf den ersten Blick wie eine simple Rachestory wirkte, sich bei näherem Hinsehen aber eine Vielzahl satirischer Elemente und versteckter Gesellschaftskritik in dem ansonsten recht simplen Plot finden ließ. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit seinem zweiten US-Werk „Total Recall“, der nicht nur dank seiner innovativen Spezialeffekte eine kleine Sensation darstellte, sondern basierend auf einer Romanvorlage von Philip K. Dick mit einer komplex verschachtelten Erzählstruktur mehr vom Zuschauer verlangt, als man angesichts der rasanten Inszenierung annehmen könnte.

Doug Quaid (Arnold Schwarzenegger) führt im Jahr 2084 ein glückliches, aber langweiliges Leben als Bauarbeiter und Ehemann. Seine Abenteuerlust und der Wunsch, im Leben mehr zu erreichen, verschlägt ihn schließlich zur Firma „Rekall“, die ihm einen zweiwöchigen Trip zum Mars verkaufen, welcher allerdings niemals stattfindet, denn die Erinnerungen an den Urlaub werden künstlich ins Gehirn implantiert. Doch bei der Prozedur geht etwas schief – es stellt sich heraus, dass Doug nicht der ist, der er zu sein glaubt. Plötzlich bricht die gesamte vertraute Welt um ihn herum zusammen – man versucht, ihn zu töten, seine Frau Lori (Sharon Stone) stellt sich als Doppelagentin heraus und hinter allem scheint der Senator des Planeten Mars, Cohaagen (Ronny Cox), zu stehen, der Doug um jeden Preis unter seiner Kontrolle behalten will. Nach einigen Auseinandersetzungen mit dessen bestem Mann Richter (Michael Ironside) kommt Doug langsam hinter das Geheimnis, das Cohaagen um jeden Preis schützen will.

Der eigentliche Kniff der Geschichte ist nicht unbedingt der Plot um die Rebellion auf dem Mars und das geheimnisvolle außerirdische Artefakt, sondern viel mehr die Frage, auf welcher Realitätsebene wir uns eigentlich bewegen. Auf beide mögliche Varianten gibt es abwechselnd Hinweise und scheinbar eindeutige Belege, die aber meist schon im nächsten Moment wieder verworfen werden. Eine Schlüsselszene stellt dabei sicher der Besuch von Dr. Egdemar dar, der Doug laut eigener Aussage wieder in die Realität zurückholen möchte und ihn eindringlich davor warnt, weiter seine Fantasie auszuleben:
What you experience is a free form of delusion based on our memory tapes, but you`re inventing it yourselve as you go along.
Aber auch sonst fallen immer wieder Kleinigkeiten am Rande auf, die das Geschehen bei genauer Betrachtung in völlig anderem Licht erscheinen lassen. Insbesondere die Tatsache, dass die Figur der Melina (Rachel Ticotin) zweimal vor Dougs Trip in Erscheinung tritt, sollte dabei nicht unter den Tisch fallen: Zum einen die kurze Traumsequenz, die erste Szene des Films überhaupt, aus der Quaid schweißgebadet aufwacht, zum anderen ihr Gesicht auf einem Monitor bei „Rekall“.

Wie man sich diese und weitere Fakten zurecht legt, bleibt letztlich jedem Zuschauer selbst überlassen - nur eines ist sicher: Eine absolut schlüssige Aufklärung gibt es nicht. Nicht, wenn man sich in seiner individuellen Denkweise auf die beiden vorgegebenen Möglichkeiten versteift, ohne in Erwägung zu ziehen, dass sich die „wahre“ Realität vielleicht sogar auf einer dritten Ebene befinden könnte, die wir hier nicht zu sehen, sondern nur angedeutet bekommen. Dass alles was wir sehen, ein künstlicher Traum ist, aus dem der bedauernswerte Protagonist nicht mehr erwachen kann, weil er längst vergessen hat, dass es sich um einen Traum handelt. Dass Quaid tatsächlich seine eigenen Fantasien bis zur völligen Kapitulation des Realitätssinns auslebt. Erst als alles geschafft ist, als die Gewalt ein Ende hat und der Mars und seine Bewohner endgültig frei sind, beginnt er, auch sich selbst zu hinterfragen:
I just had a terrible thought: What if this a dream?
Ein kurzes “Then kiss me quick” als Antwort. Und Ende. Keine Erklärungen, keine Erläuterungen, aber dafür jede Menge Raum für eigene Gedanken.

Nein, wirklich einfach wird uns das Rätselraten um Traum und Realität wahrlich nicht gemacht und doch wäre es vermessen zu sagen, „Total Recall“ wäre nur etwas für Gehirnakrobaten und David-Lynch-Fanatiker. Mitnichten! Jeder, der rasante Action, knallharte Shoot-Outs, brillante Effekte, sprich 105 Minuten kurzweiliges SciFi-Kino erleben möchte, ist hier bestens aufgehoben, denn auch ohne Berücksichtigung philosophischer Aspekte ist die Handlung absolut längenfrei konstruiert und wirkt dabei zu keinem Zeitpunkt fahrig oder pseudointellektuell. Hier ist es jedem freigestellt, wie er den Film sehen möchte – er funktioniert dank des ausgeklügelten Drehbuches in beiderlei Hinsicht.

Arnold Schwarzenegger - ein Name der aus dem Actionkino der damaligen Zeit nicht wegzudenken ist. Mit der Rolle des Doug Quaid stellte er 1990 endlich unter Beweis, dass auch er über schauspielerische Qualitäten verfügt. Sein österreichischer Akzent ist trotz allem Bemühen immer noch unüberhörbar, doch seine Leistung ist kaum mit den zumeist stupiden 80er-Jahre-Hau-Drauf-Rollen zu vergleichen, denn hier liefert er eine gleichermaßen glaubwürdige wie überzeugende Vorstellung ab, die bis heute die mit Abstand beste seiner Karriere ist. Unterstützt wird er aber auch von einem bärenstarken Support-Cast. Angefangen bei Sharon Stone, die einen kleinen, aber feinen Vorgeschmack auf ihre spätere Paraderolle gibt, über Michael Ironside als eiskalter, aber charismatischer Bluthund Richter bis hin zum schmierigen, machtbesessenen Senator Cohaagen, den wohl kaum ein anderer als Ronny Cox so überzeugend hätte verkörpern können. Einziger kleiner Wermutstropfen ist die doch sehr unzugänglich und schwerfällig agierende Rachel Ticotin, die mit ihrer wichtigen Figur keine Akzente setzen kann und gegenüber den restlichen Parts deutlich abfällt. Doch dieses Manko kann ein Arnie in Ausnahmeform hier locker ausbügeln, steht er ihr doch in fast allen Szenen zur Seite.

Unvergesslich ist auch der episch anmutende Score von Jerry Goldsmith, der sogar den wenig beliebten Vorspann ohne Handlung zu einem Erlebnis für die Sinne macht, wenn in breiter, schwarzer Schrift auf orangefarbenem Segment der Filmtitel eingeblendet wird. Besonders in die Actionszenen bringt die Musik immer wieder eine perfekt ausbalancierte Dynamik hinein und unterstreicht zu anderen Zeitpunkten fast unmerklich die wichtigen Spannungselemente der Handlung. Alles in allem eine runde Sache.

Das am meisten beachtete Element des Films ist aber einmal mehr in Paul Verhoevens Filmographie der Grad der Brutalität, mit der er seine Actionszenen zelebriert. Extrem blutige Shoot-Outs, bei denen unschuldige Passanten mal eben als Schutzschild missbraucht werden, brechende Rückgrate, abgetrennte Arme und ein Dolchstoss in die empfindlichste Stelle des Mannes – zimperlich geht es hier beileibe nicht zu, doch sind einige der markanten Szenen entweder derart überzeichnet, dass man sie mit einer gehörigen Portion (raben-)schwarzen Humors locker als satirisches Element durchgehen lassen könnte oder sie zeigen einfach deutlich das auf, was viele Actiongewitter der Neuzeit gerne mal verschweigen: Dass bei Schiessereien in der Öffentlichkeit auch Unbeteiligte betroffen sein könnten. Insbesondere bei der angesprochenen Rolltreppen-Szene wird dieser unbequeme Aspekt überdeutlich. Andere Formen von Gewalt wie beispielsweise die Unterbrechung der Luftzufuhr für die Menschen durch Senator Cohaagen gehen in die gleiche Richtung, schockieren aber auch auf ehrliche Art und Weise, geben sie doch allzu deutliche Seitenhiebe auf politische Themen wie Faschismus und Unterdrückung. Gewalt auf sinnvolle Weise in die Handlung integriert – Verhoeven zeigt, wie es funktioniert. Schade, dass ihm kaum jemand zuhört.

Eine ausgeklügelte Story mit hintersinniger Botschaft, die Raum für eigene Interpretationen bietet, brillant gefilmte Actionsequenzen, wunderschöne Special-Effects und die mehr als überzeugende Darstellerriege um einen über sich hinauswachsenden Arnold Schwarzenegger machen Paul Verhoevens „Total Recall“ zu einem kongenialen, aber immer noch unterschätzten Geniestreich des modernen Science-Fiction-Kinos.

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