„Lass es uns tun!“ – „Was tun?“ – „Auf den Mars ziehen!“
Nachdem dem niederländischen Regisseur Paul Verhoeven 1987 mit der Science-Fiction-Action-Satire „RoboCop“ der Durchbruch gelungen war, adaptierte er für seinen nächsten US-Film „Total Recall – Die totale Erinnerung“, der 1990 in die Kinos fand, zusammen mit Ronald Shusett und Dan O’Bannon die Geschichte „Erinnerungen en gros“ des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick, der u.a. die literarische Vorlage für „Blade Runner“ lieferte. Stilistisch und inhaltlich schlägt „Total Recall“ in eine ähnliche Kerbe wie „RoboCop“ und ist ebenfalls als Science-Fiction-Action-Spektakel mit satirischen Elementen zu betrachten, wurde jedoch ungleich aufwändiger produziert: Die Produktionskosten schlugen mit rund 70 Millionen Dollar zu Buche.
„Wir nennen es Ego-Trip!“ – „Nein, daran bin ich nicht interessiert!“
Im Jahre 2084 ist es dank dem Unternehmen „Rekall Inc.“ möglich, sich künstliche, nie wirklich selbst erlebte Erinnerungen implantieren zu lassen und auf diesem Wege beispielsweise einen Abenteuerurlaub zu „erleben“. Dies ist auch der Plan des Bauarbeiters Quaid (Arnold Schwarzenegger, „Der Terminator“), der fasziniert ist vom mittlerweile besiedelten Mars und – obwohl sein Arbeitskollege Harry (Robert Costanzo, „Nur Samstag Nacht“) ihm entschieden davon abrät – in seiner Erinnerung gern in die Rolle eines Geheimagenten auf dem roten Planeten schlüpfen möchte. Dies scheint jedoch schiefzugehen, da in Quaid bereits die Erinnerungen an seine tatsächliche Tätigkeit auf dem Mars deaktiviert und durch andere Informationen ersetzt wurden. In Wirklichkeit scheint es sich bei Quaid um Hauser zu handeln, der zunächst im Auftrag des diktatorischen Mars-Gouverneurs Vilos Cohaagen (Ronny Cox, „RoboCop“) tätig war, schließlich aber die Seiten wechselte und die Rebellen im Kampf gegen Cohaagen unterstützte. Ohne davon zu ahnen, wird der verwirrte Quaid nach Hause geschickt, doch Cohaagens Männer sind bereits hinter ihm her. Er kann niemandem mehr trauen, nicht einmal mehr seiner Frau (Sharon Stone). Nach und nach erfährt er von seiner Vergangenheit und reist schließlich wieder auf den Mars, um seine Mission fortzusetzen…
„Schaff deinen Hintern auf den Mars.“
Obwohl noch Ende der 1980er produziert, hatte der hochmoderne Look des Films bereits nichts mehr mit der Ästhetik jenes Jahrzehnts gemein, und damit meine ich nicht nur das naturgemäß bzw. im Idealfall futuristische Ambiente der Ausstattung. Dieses ist tatsächlich verdammt gut gelungen und wurde mit vielen eingestreuten, aufregenden Details versetzt. Die Tricktechnik ist eine weitere große Stärke des Films, die sich längst nicht nur auf die comichaft-überzeichneten, bisweilen geradezu splatterigen Spezialfeffekte beschränkt, die aus den meist brutal ausgehenden Action-Einlagen resultieren. Einen Teil davon bekommt man bereits mit der Traumsequenz zu sehen, mit der der Film startet, bevor er nahtlos in eine erotische Bettszene mit der sich hier für Verhoevens „Basis Instinct“ empfehlenden Sharon Stone übergeht. In Sachen Make-up- und Maskenarbeit tobt man sich hinsichtlich der Mutanten aus, denn der Mars ist besiedelt von manch absonderlicher Gestalt. Gesteigerten Wert legt Verhoeven aber eben erneut auf den Actionanteil, was in viele wenig realistische Prügeleien und Schießereien mündet, für die man Arnold Schwarzenegger als erfahrenen Action-, jedoch nur marginal erfahrenen Charakterdarsteller verpflichtete. In einem Verhoeven’schen oder Cameron’schen Science-Fiction-Sujet halte ich diese testosterongeschwängerten One-Man-Army-Action-Szenen noch für am ehesten genießbar, wenngleich Schwarzenegger hier schauspielerisch an seine Grenzen gerät und die Glaubwürdigkeit seiner Rolle arg leidet bzw. nie ganz hergestellt werden kann.
„Möchten Sie die Zukunft kennen?“ – „Wie wär’s mit der Vergangenheit?“
Inhaltlich ist „Total Recall“ insbesondere deshalb interessant, weil er permanent die Realität infrage stellt und Quaid alias Hauser schließlich nicht einmal mehr sicher sein kann, ob er sich selbst überhaupt noch trauen kann. Diesen Umgang mit Selbstzweifeln und Paranoia, die nicht nur die Realität, sondern auch die eigenen subjektiven Erinnerungen wie beliebig austauschbare Gebilde im Spiel politischer Mächte und individueller Interessen erscheinen lassen, beherrschen Verhoeven & Co. über weite Strecken gut; die Handlung entwickelt sich zunächst spannend, schlägt jedoch bald derart viele Haken, dass sie konfus anmutet – wenn auch bewusst eingesetzt als Teil des Konzepts. Dadurch bleibt der weitere Verlauf stets unvorhersehbar, jedoch kann auch zu jedem Zeitpunkt quasi alles passieren, worunter die Spannung letztlich leidet. Wer sich darauf freut, am Ende darüber aufgeklärt werden, ob all dies möglicherweise längst Quaids künstlicher Abenteuerurlaub ist und man als Zuschauer lediglich diesen zu sehen bekommt, wird enttäuscht, denn wirklich gelöst wird dieses Geheimnis nicht und der Film dadurch um seine Pointe gebracht. Dafür werden gerade zum Finale hin aus den Actionstandards deftige, wirklich spannende Szenen, die mit zum Besten gehören dürften, was damals im hochbudgetierten Unterhaltungskino geboten wurde. Und Jerry Goldsmith transportiert mit seinem orchestralen Soundtrack den epischen Blockbuster-Bombast in die Lautsprecher, der den Anspruch dieser auf den Massenmarkt ausgerichteten, dafür ungewöhnlich blutigen A-Produktion unterstreicht. „Total Recall“ hat viel von dem, was späterem prätentiösen Hollywood-Kino abging: Dank Verhoevens satirischem Anspruch schönen augenzwinkernden Humor und konsequente, handgemachte Schauwerte – und vor allem originelle Ideen.