Review

-Vorsicht! Freilaufende Spoiler-


Scorseses Remake des Thrillers "Ein Köder für die Bestie" versucht,
mehr zu sein als der Vorgänger. Dies ist insofern lobenswert, als der
Regisseur doch auf Charakterporträts solcher Menschen, die irgendwo in
der Grauzone zwischen Gut und Böse anzusiedeln sind, spezialisiert ist
(s. "Taxi Driver"). Der Vorlagenstoff bietet allerdings eine lupenreine
Gut/Böse-Geschichte: Guter Familienvater, Sam Bowden, bringt
psychopatischen Vergewaltiger, Max Cady, hinter Gitter, dieser
rächt sich nach verbüßter Haft in sich zuspitzendem Terror an Sam und
seiner Familie.

Um eine weitere Ebene in den Film zu bringen, macht Scorsese Sam zum
Verteidiger von Max, der entlastendes Material unterschlägt, um seinen
Mandanten die Haftstrafe verbüßen zu lassen, die ihm seiner Meinung
nach zusteht. Max findet das heraus. Mit eisernem Willen bildet er sich
im Gefängnis geistig und körperlich aus, geht Gesetzesbücher durch,
alles mit dem Ziel der langsamen Rache. Er schleicht sich langsam wie
Gift in das Privatleben der Bowdens, tötet den Hund, vergewaltigt Sams
Geliebte... alles, ohne dass ihm etwas nachgewiesen werden kann, dafür
aber mit dem Erfolg, dass die Bowdensche Ehe wegen der zutage kommenden
Affäre einen heftigen Knacks erlebt.

Man sieht schon, dass Scorsese es Gut und Böse nicht so einfach machen
will. Er schafft es auch, halbwegs vernünftige Argumente für Sams
Beschwichtigungen gegenüber der Familie (nach dem Motto "Nein, es
ist wirklich alles in BESTER Ordnung) zu liefern: Schließlich hat
er
Dreck am Stecken, von dem nicht jeder wissen muss. Trotzdem wird die
Naivität der gesamten Familie fast auf die Spitze getrieben. Es mag ja
noch angehen, dass sich die pubertierende Tochter nahezu von Max, dem
interessanten Fremden, verführen lässt, da sie auf ihr erstes
erotisches Abenteuer aus ist. Wieso aber lässt sich der gewiefte,
erfolgreiche Anwalt Sam Bowden auf derart hirnrissige Aktionen ein, wie
sie im Film gezeigt werden? Klar, es ist spannungsfördernd und auch
thrillerüblich, dass das Opfer den Karren immer tiefer in den Dreck
fährt, aber warum warnt Sam den Psychopathen Max, dass er ihm (in Form
eines Schlägertrupps) bald etwas antun werde? Weil es "decent" sei, wie
er es daraufhin erklärt? Warum ist er bei der anschließenden Tat sogar
vor Ort, also am Tatort eines selbst beauftragten Verbrechens? Sam
sollte es besser wissen, aber bei der Verteidigung seiner Familie ist
er dermaßen heißblütig, dass sich die Logik leise weinend
verabschiedet. Auch Sams äußerst geschickter Umgang mit zwei Leichen
(zuviel will ich dann aber doch nicht verraten...) dürfte ihm nach
Filmende einige Schwierigkeiten bereiten...

Ansonsten ist der Film sehr solide inszeniert. Scorsese fängt teils
sehr surrealistische Bilder ein, etwa Negativaufnahmen oder den immer
wieder unterschiedlich eingefärbten, unheilschwanger dräuenden Himmel.
Da blitzt sein Genie durch, da freut sich der Filmfan! Auch die
Schauspieler machen ihre Sache sehr gut, allen voran de Niro, der seine
Arbeit wieder einmal großartig erledigt. Die Musik ist zwar gut, für
meinen Geschmack aber zu aufdringlich, weniger wäre also mehr gewesen.

Hätte Scorsese die Handlung etwas gestrafft, Logiklöcher dabei weggelassen und sich noch deutlicher auf den Spannungsaufbau
konzentriert, wäre der Film kaum zu toppen gewesen. Doch auch so ist
"Kap der Angst" gelungen und einen Blick wert!

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