Das filmische Superexperiment!
In der langen Geschichte des Zelluloid und Lichtspieltheathers, von kurzen Sequenzen ("Arbeiter beim Verlassen einer Fabrik", "Roundhay Garden Scene"), über ganze Geschichten ("Der große Eisenbahnraub", "Die Reise zum Mond"), bis hin zu mehrstündigen oder -tägigen Dokumentationen ("Hitler - Ein Film aus Deutschland", "The Story of Film"), Projektionen, Licht- und Lasershows (Motion Liquid), Optischen Illusionen (Op-Art) und audiovisuellen Spielereien (Diisopropyltryptamin), dunklen Kammerspielen, harmonisch-dekadenten Klassenschlagern ("Casablanca", "Vom Winde verweht"), bis hin zu schlicht-belangloser Popcorn-Unterhaltung ("Mission Impossible", "Titanic"), Mitternachtskino ("El Topo", "Pink Flamingos") und Video Nastys ("Blood Feast", "I Spit On Your Grave"), sehen sich Filmschaffende aus aller Welt inzwischen mit einer Bandbreite nahezu unbegrenzter Möglichkeiten konfrontiert, wenn es ihr Budget denn zulässt.
"Rohfilm" aus dem wunderschönen Jahre 1968 ist, wie der Name schon sagt, ein rohes Filmexperiment, das es so in der Form wohl kein zweites Mal gegeben hat.
Während so herausragende Filmemacher wie Stan Brakhage oder Michael Snow, mit Abstrichen Warhol und Conrad, das Medium Film noch als solches verstanden (bewegte Bilder im Zeitraffer) und das eigentliche Skript, bestehend aus wahlweise 24 Bildern/Frames pro Minute, scheinbar wahllos mit Farbe beschmierten (Brakhage), um so dem konventionellen Kunstverständnis entsprechend, jedesmal ein völlig neues und einzigartiges Kunstwerk auf 8MM zu bannen, geht das Ehepaar Hein in seinem "Rohfilm" noch eine ganze Spur weiter und reiht sich damit auch in die Chronik besonders kontroverser, visuell anspruchsvoller, serieller Strukturalfilme wie "Wavelenght", "Outer Space" oder "The Flicker"/"Straight and Narrow" ein.
Da wo Kren seinerzeit noch mit schlichten, teils grobkörnigen, mathematisch genau angeordneten Bildern experimentierte, flutet uns Hein direkt mit einer ganzen Vielzahl stroboskopartiger, auch verzerrter Sturmbilder und Sinneseindrücke als filmische Metaebene, visuell nicht weniger beeindruckend und in seiner Wirkung verstörend, wie faszinierend. Epileptiker aufgepasst!
Ein flackernder, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelter "Rohfilm", gleichermaßen anspruchsvoll wie hypnotisch in seiner Wirkung, "Achteinhalb" für Fortgeschrittene, tontechnisch irgendwo zwischen Drone, Noise und Experimental, auch in Anlehnung an Stockhausens Klangstudien, zerstört die Bildende Kunst und ersetzt sie durch ein bizarres, groteskes Konstrukt aus Dada und abstraktem Wirrwarr, in der heutigen Zeit wohl eher Glitchart ("Zelluloidoskop", als auf die Spitze getriebener "Cineasmus"). Dalí hätte wohl nicht schlecht gestaunt.
Das ursprüngliche Film-Produkt, der Breitband-Film als solcher, lässt sich dabei nur unschwer erahnen. Umso intensiver und interessanter gestaltet sich das Filmerlebnis. Oder aber der Zuschauer wendet sich vor lauter "Augenkrebs" von der Leinwand ab. Was einst schon Buñuel als traumähnliches Essay inszenierte, und damit gleichzeitig auf Ablehnung und Unverständnis stieß, als Geburtsstunde des filmischen Surrealismus, gelangt hier zu neuer Brillianz.
Mit der Zeit wurden auch die inszenierten Traumsequenzen düsterer und grotesker. Spätestens seit Jodorowsky und Lynch auch radikaler. Gleichermaßen begann auch der Surrealismus allmählich mit dem Mainstream zu verschwimmen. Hier haben wir es noch mit einem reinen "Rohprodukt" zu tun, dem Warhol des strukturalen Experimentalfilms wenn wir so wollen.
Psychedelisch, experimentell, verstörend. Ein Meilenstein des avantgardistischen Films. Trägt seinen schlichten Titel nicht zu Unrecht.