„Conspiration léger"
Die moderne französische Kinolandschaft ist weitaus interessanter und vielseitiger, als das gemeinhin (vor allem vom deutschen Nachbarn) angenommen wird. Keinesfalls wird hier lediglich für die Arthouse-Fraktion produziert. Man kann zu dem Mann stehen wie man will, aber Luc Besson hat definitiv ordentlich frischen Wind in das Mainstream- bzw. Unterhaltungskino der Grande Nation gepustet. Immer häufiger gibt es auf ein Massenpublikum zielende Genrefilme, die durchaus internationalen Standards genügen und sich nicht hinter dem amerikanischen Marktführer verstecken müss(t)en. Ob Gangsterepos (Public Enemy No. 1), Agentenfarce (OSS 117) oder Liebeskomödie (LOL), mit vergleichbaren Hollywoodproduktionen kann man jedenfalls mithalten.
In diese Kategorie fällt auch die Comicverfilmung Largo Winch. Der jugoslawische Waisenjunge Largo wird von seinem steinreichen Landsmann Nerio Winch adoptiert. Der milliardenschwere Konzernmogul lässt Largo heimlich von Pflegeeltern großziehen und ihm in einem Schweizer Internat den Feinschliff verpassen. Die ihm zugedachte Rolle als Erbe ist dem abenteuerlustigen und freiheitsliebenden Adoptivsohn aber eher lästig. Als Nerio unter mysteriösen Umständen stirbt, wird Largo unvermittelt ins eiskalte Konzernwasser geschmissen. Die wenig begeisterte (weil nicht informierte) Firmenspitze ist nur eines seiner neuen Probleme. Sollte Nerio ermordet worden sein, ist Largo definitiv der nächste auf der Liste ... .
Die Geschichte klingt nach gut abgehangenem Abenteuerkintopp. Und genau das bekommt man auch geboten. Ohne nervenzerfetzende Spannung aufzubauen, wird der Plot sorgfältig und mit wohl dosierter Temposteigerung im dritten Akt entwickelt. Das hat durchgängig soliden Unterhaltungswert, der durch ein bis zwei gut platzierte Twists bis zum Finale anhält. Wären nicht die in der Gegenwart angesiedelte Geschichte und die moderne Optik (hier und da ein paar schnelle Schnitte sowie die obligatorische, hier glücklicherweise äußerst sanft und spärlich eingesetzte, Wackelkamera), so würde man sich direkt in die gute alte Zeit des Abenteuerkinos zurückversetzt fühlen.
Der Held ist ein lässig-charmanter Abenteurer, der seine Probleme mit Witz und Köpfchen löst und die durchaus vorhandenen Schusswaffen gerne mal links liegen lässt. Im Kampf wirkt er leichtfüßig und behände, im Umgang mit dem anderen Geschlecht ist er ähnlich unverkrampft und locker. Das hat nicht selten eindeutige Swashbuckler-Qualitäten. Will man partout herumnölen, kann man das Ganze natürlich auch verächtlich als harmloses Sonntagnachmittagsspäßchen abkanzeln. Wer keine Sympathien für im positiven Sinne altmodisches Erzählkino aufbringt, wird bei Largo Winch sicher nicht begeistert applaudieren.
Wer sich doch darauf einlässt, wird zusätzlich mit einer Reihe schicker Aufnahmen des modernen Hongkong sowie der malerischen kroatischen Küste entlohnt. Hier liegt zumindest ein Hauch von James Bond (wie insgesamt etwas großspurig und irreführend auf dem Cover angekündigt) in der Luft. Auch die diversen Interieurs v.a. in der Hongkonger Firmenzentrale überzeugen als Kulissen eines Finanzimperiums.
Largo Winch ist weit mehr Verschwörungs- als Action-Thriller. Zwar wird dem Titelheld nach dem plötzlichen Tod seines Adoptivvaters mehrfach nach dem Leben getrachtet, im Vordergrund steht aber klar die Aufdeckung der Intrige. Auch mit dem Superheldengenre hat Largo Winch nichts gemein. Der Comichintergrund mag da den ein oder anderen auf die falsche Fährte locken. Der Held besitzt jedenfalls keinerlei besondere Fähigkeiten oder gar übernatürliche Kräfte. Die vorhandenen Actionszenen sind routiniert inszeniert, unterstützen aber lediglich die Thrillerhandlung ohne einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen oder gar „Wow-Effekte" zu erzielen.
Der Werbeslogan einer großen deutschen TV-Anstalt „Extravagante Produktion, hinter der The International und James Bond verblassen" ist völliger Unsinn und unterstellt dem Film einen Anspruch den er gar nicht hat und bestimmt auch nicht haben will. Tom Tykwers Bankenthriller ist mehr dem Paranoia- und Politkino der 1970er Jahre als dem bunten Abenteuergeschichten der 50er verhaftet. Und mit den sündteuren Bondproduktionen kann Largo Winch nun wirklich nicht konkurrieren. Dass man mit diesen Unfug Werbung betreibt und diese auch noch auf dem DVD/Blu-ray-Cover verewigt, dürfte dem Film erheblich mehr schaden als nutzen, schürt dies doch eine völlig falsche Erwartungshaltung.
Auch Hauptdarsteller Tomer Sisley ist kein Bond-Typ (The International-Star Clive Owen war ja ebenfalls lange Zeit als 007 im Gespräch gewesen), sondern eher der nette Junge von nebenan. Internationen Bekanntheitsgrad genießt beim Largo Winch-Cast lediglich die Britin Kristin Scott Thomas.
Fazit:
Die französische Comicverfilmung Largo Winch punktet vor allem durch ihren sympathisch altmodischen Abenteuercharme und muss sich keinesfalls hinter ähnlich gestrickten Hollywood-Produktionen verstecken. Die Optik ist modern und edel. Die (wenn auch spärlich) eingestreuten Actionszenen sind kompetent inszeniert, ohne allerdings an Genreglanzlichter heranzureichen. Die in der Werbung gezogenen Vergleiche mit The International oder gar James Bond führen aufs Glatteis und wecken falsche Erwartungen. Das Ganze ist am besten unter dem Etikett „Verschwörungsthriller light" subsumiert. Sicher nicht die „Haute-Cuisine", aber gut bekömmlich und leicht verdaut.