Lemmy Kilmister ist und bleibt auch zehn Jahre nach seinem Ebenenwechsel ins Jenseits der Beste. Wo die Steven Tylers dieser Erde längst zu abgehoben und als Identifikationsfiguren für die Jugend schon seit 70ern nicht mehr zu gebrauchen sind verbrachte der nette ältere Herr mit anarchistischen Tendenzen sein Restleben als bescheidener Rock'N'Roll - Mönch in einer mit Militaria und Platten vollgestopften, sympathischen kleinen Ranzwohnung über seiner Lieblingsbar und war sich für nichts zu schade. So ist das halt, wenn man entweder nichts zu verlieren hat oder - wie in Lemmys Fall - sowieso überall, wohin man geht der Coolste ist. Demnach sind auch seine raren Filmauftritte wahre Glanzstücke, egal wie kurz, egal wie schwachsinnig: Wenn irgendwo ein geiles Cameo gebraucht wurde kam der Motörheadgründer meist gut gelaunt ans Set und mimte den Wassertaxiahrer von nebenan, den besorgten Bürger beim Amoklauf am "Bring einen Mexikaner mit zum Lunch - Tag" der örtlichen Hilfsschule oder auch einfach mal nur sich selbst.
"Eat the Rich" habe ich ursprünglich wegen seiner zehn Minuten Auftritt gekauft. Damals war ich mit einer Frau zusammen, die Motörhead hasste, aber einen ähnlich Fetisch hatte wie ihre beste Freundin: offensichtlich Männer, die Motörhead lieben. Die DVD einmal in Händen nötigten wir unseren Liebsten den Film also auf. Keine Sorge: Alle Beteiligten hatten ihren Spaß. Wir Motörheadbanger nur scheinbar ein bischen mehr als die Mädels. Der von der englischen Komikergruppe "The Comic Strip", eine Art Satire - Crossover aus Monthy Python und Sex Pistols, verbrochene antikapitalistische Schwarzkomödie hat es für damalige verhältnisse in sich und das bezieht sich nicht nur auf die großartige Besetzung in den Nebenrollen: Hier wird scharf geschissen und auf den guten Geschmack geschossen, wo es nur geht, oder so ähnlich. Mal wieder bewahrheitet sich hier ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn sich Synchronkoriphäe Dr. Michael Nowka höchstselbst als Marktschreier für einen Trailer auftritt, dann ist der dazugehörige Film zur Geilheit auserkoren. Hat bei "Karate Tiger" gestimmt, stimmt auch hier!
Um mal den verwarzten Elefanten im Raum anzusprechen: Ja, Lemmy hat vielleicht 10 - 15 Minuten Bildschirmpräsenz in einer Nebenrolle. Trotzdem muss an der Stelle einfach gesagt werden, dass der Kerl eine durchaus kompetente Bildschirmpräsenz auch in trocken komischen Momenten hat (Die Zeitungsszene, in der er versehentlich gen Ohnmacht gekloppt wird kriegt mich immer wieder) und wer Motörhead heute noch als hässlichste Band der Welt beschreibt wird hier eines besseren belehrt, denn der heilige Warzolomäus wird trotz Kutte und Fettmähne als absolut beneidens - und beischlafenswertes Sexsymbol inszeniert: Frauen wollen ihn, Männer wollen wie er sein.
Kommen wir nun zu etwas komplett anderem, namentlich der Ausbeutung, die sich der queere Kellner Alex täglich an seinem Arbeitsplatz, dem Edelschuppen "Bastards" stellen muss: Vom klassizistischen Bonzenklientel verlacht und vom Snobkollegen verarscht fliegt der spitzzüngige Derwisch mit dem Tablett hochkant raus. Als sich dann noch das Sozialamt wie so oft im Leben als Verein faschistoider Arschlöcher mit egomanischen Tendenzen erweist platzt dem Kerl der gestärkte Kragen und mit zwei älteren Mitleidenden und einer geschassten Schwangeren bläst - Wortspiel nicht beabsichtigt - der geprellte Servierer zur Revolution. Zu Pferd und später zu Auto macht man sich auf dem Weg, um im "Bastard's", nun "Eat the Rich" getauft, einen Regimewechsel vorzunehmen und dem Bonzenpack mal zu zeigen, wie es sich als Humanrohstoff anfühlt: denn wer jetzt aufmuckt, mit dem geht's gen Fleischwolf. Oder um mal Christoph Sclingensiefs deutsches Kettensägenmassaker zu zitieren: "Der Spaß hat ein Ende - ab jetzt beginnt der Markt!"
Apropos geteiltes Deutschland und Kommunismus: Das Chaos im Bonzenlokal will sich auch der KGB (hier von Lem und seinem Boss repräsentiert) zu Nutze machen und spinnt um den sich dort entfaltenden Kannibalismus ein Komplott, um den konservativen Politiker (Stuntman Nosher Powell, der sich hier selbst spielt) zu diskreditieren und die kommenden Wahlen so für eigene Zwecke zu beeinflussen. Nosh selbst ist im Übrigen der Schweinehund, der Alex' schwangere Mitstreiterin mitsamt ungeborenem Nachwuchs vor die Tür gesetzt hat. Typisch konservatives Arschloch halt.
"Come on, Baby, eat the Rich!": Es ist schon irgendwo fair, diesen Film als Motörhead - Fanprodukt zu behandeln: auch wenn Lemmy selbst recht unterpräsent durch den Film geistert ist die Band musikalisch und auch anderweitig umso präsenter. Allein schon der Restaurantname "Bastard's" ist ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl. Unfair wäre es jedoch, das komische Joint Venture Peter Richardsons mit Schreibpartner Pete Richens allein auf das Bandgimmick und die Fülle an Rock - Cameos (neben Lemmy Shane McGowen von den Pogues, Rolling Stones - Drummer Bill Wyatt und Beatles - Basser Paul McCartney) festzunageln. Die Nägel, mit denen man das versucht zerbröseln mach spätestens 5 Minuten Filmzeit, denn da sprengt der Film sich aus der Genreschublade heraus und serviert uns ab da eine Revolte mit Pfeil, Bogen und Fleischwolf und jeder Menge schwarzem Humor mit teilweise sehr britischer Note: Rekrutierungsversuche gleichen gerne schon mal Teegesprächen, während beim Gästeverwursten gerne in bester Cockneymanier rumgeflucht wird.
Dabei kann man es auch eigentlich schon belassen: "Eat the Rich" hat seinen Kultstatus vollkommen zurecht. Leidenschaftliche Motörheadbanger sollten den Film sowieso schon pflichtgemäß im Regal stehen haben, Freunde von Bad Taste - Komik und nicht zuletzt Makaber - Anarchos können aber ebenso gut Gefallen an Alex' kulinarischer Revolution haben. Allzu wörtlich sollte man den Titel zwar nicht nehmen, aber als subkultureller Nachtisch auf einem Menu aus "Das große Fressen" und "The Menue" macht sich das Reichenfuttern durchaus gut. Wohl bekomm's!