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An sich müsste Mann, um in die psychischen Abgründe einer verzweifelten Frau einzudringen, nicht unbedingt in den tiefsten burmesischen Dschungel stapfen, es macht sich kulissentechnisch jedoch besser.
Ein Ehedrama der etwas anderen Art präsentiert diese europäische Co-Produktion, die zwar augenscheinlich eine Menge Horror bietet, jedoch in feinen Nuancen mit jenen Elementen spielt, da sich der eigentliche Alptraum im Kopf des Zuschauers abspielt.

Und das bereits innerhalb der Prämisse, denn kaum etwas dürfte für Eltern schlimmer sein, als das Kind zu verlieren, aber nicht hundertprozentig zu wissen, ob es nicht vielleicht noch am Leben ist. Dies geschieht dem englischen Paar Jeanne (Emmanuelle Beart) und Paul (Rufus Sewell), welches sich sechs Monate nach dem schrecklichen Tsunami und dem Verschwinden von Sohn Joshua in Thailand befindet und ihn auf einem Doku-Video zu sehen glaubt.
Sie wenden sich an einen hiesigen Triadenboss und befinden sich schon bald im Dschungel von Birma, in der ein Alptraum seinen Lauf nimmt…

Die Geschichte würde nicht funktionieren, wenn man nicht von vornherein an elterliche Instinkte des Zuschauers appellieren würde, ansonsten büßt sie bereits im Vorfeld arg an Glaubwürdigkeit ein: Kein Konsulat, keine weitere Unterstützung, eine mickrige Ausrüstung, jede Menge Bargeld und ausgerechnet ein Triadentyp als Führer?
Paul ist von vornherein skeptisch, würde aber seiner Frau zuliebe jede letzte Hoffnung ausschöpfen, auch wenn er bereits ahnen dürfte, dass dieser Weg nicht positiv enden kann.
Jeanne hingegen schottet sich im Fanatismus ab, erlebt ihre Trauer erst so richtig in der scheinbar unangetasteten Natur und steuert einer Selbsterfahrung/Befriedigung entgegen, die sie in eine Art Zwischenreich befördert (um nicht noch mehr vorweg zu nehmen).

Bis dato ist die Angelegenheit jedoch ein wenig trocken aufgezogen. Man aalt sich etwas selbstverliebt in zugegeben wundervollen Landschaften, setzt auf die versierte Kamera und die sensible auditive Ausarbeitung, die zweifelsohne fantastisch ist.
Problem ist nur, dass man in keiner der beiden Hauptfiguren eine Identifikation findet (vielleicht nur als Kinderloser), da beide vor allem zu Beginn völlig naiv handeln und später unlogische Wege einschlagen, die, - das muss man einfach mal unterstellen – nur dazu dienen, dem letzten surrealen Akt freien Lauf zu lassen.

Der hingegen hat es in sich, denn sowohl auf visueller, als auch auf soundtechnischer Ebene bieten die letzten Minuten ein paar unglaublich atmosphärische Einstellungen im Dschungel, als man auf Kinder eines Stammes stößt, eine Art Tempel ausfindig macht und der Geisteszustand beider Gestrauchelter immer groteskere Züge annimmt, - eine Ähnlichkeit zum klassischen Kannibalenfilm ist durchaus gegeben, weniger auf der Horrorebene wie gesagt, sondern eher, was das Ausgeliefertsein, das böse Fremde, die Ausweglosigkeit betrifft.

„Vinyan“ erinnert in einigen Belangen an Lars von Triers „Antichrist“, denn auch dort stellt ein Kind die Weichen für ein Ehepaar, auch dort kann es nicht glücklich enden und auch dort ist die Frau im Endeffekt ein unergründliches Wesen mit Hang zum Übersinnlichen, - oder dem, was ein Mann darin sehen mag.
Und auch dieser lebt von der exzellenten Darstellung beider Schauspieler und von den bemerkenswerten Bildern, die aufgrund der Schauplätze und stimmungsvoller Kameraperspektiven zustande kommen.

Besonders im Mittelteil schleppt er sich ein wenig und könnte zu Beginn ein wenig mehr Background liefern, doch wer mit ein wenig Geduld am Ball bleibt, bekommt eine etwas andere Art von Psycho-Horror geliefert, die zwar erneut viel Raum für Interpretationen lässt, aber andererseits gekonnt zum Nachdenken anregt.
7 von 10

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