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Wenn Seelen Trauer tragen

Nachdem Fabrice du Welz mit "Calvaire" in der ersten Hälfte des 00er-Jahrzents einen nachhaltigen Hinterwald-Fieberalptraum in unser Nachbarlandes gefeuert hat, taucht er mit "Vinyan" weiter weg vom Genre Horror, hin zu vielleicht sogar noch verstörenderen Ufern... Bei der Tsunamikatastrophe 2004 in Thailand hat ein Ehepaar ihren kleinen Sohn verloren. Ein Video, auf dem die verzweifelte Mutter ihn meint wiederkennen zu können, lässt die beiden nun Monate später neue Hoffnung auf ein Wunder schöpfen und sie begeben sich sofort über dubiose Schlepper in das noch immer zerstörte Gebiet...

"Vinyan" könnte man als eindringliche Mischung aus "The Thin Red Line" und "The Impossible" beschreiben, mit minimalen und eher unterschwelligen Schleiern aus den Abgründen des Kannibalen-Subgenre. Intensiv und mit viel Zeit und Geduld im Gepäck. Außer der Suche nach dem Sohn, deren Ausweglosigkeit man schnell erkennen muss, gibt es wenig an Handlung oder Überraschungen. Wer echten Horror erwartet, ist ziemlich sicher falsch abgebogen. Wer jedoch sehr subtilen, psychologischen Terror mag, der könnte sich in ein haltloses Herz der Finsternis begeben. Hingebungsvoll gibt Enmanuelle Béart die Mutter, die sich vollkommen verrannt hat, am liebsten mit ertrunken wäre. Das fasziniert mit Frustfaktor, da ihre Figur nahezu immer das falsche tut. Wenn man sich jedoch nur ein wenig in die Lage versetzt, ein Kind plötzlich und erwartet entrissen bekommen zu haben, dann ist ihre seelische One-Way-Talfahrt doch nicht mehr allzu unverständlich. Fehlende Geister, Schocks oder Überraschungen wiegen da schon schwerer und hätten dem psychologischen Drama gut getan und zumindest etwas näher an die Erwartungen gebracht. Ansonsten gibt es noch sehenswerte Aufnahmen des Dschungels und des zerstörten Tsunami-Gebiets, was allein schon eine beunruhigende Mischung aus erhabener Natur und spürbaren Schmerzen bedeutet. Da riecht es manchmal förmlich nach Tod.

Fazit: "Vinyan" ist kein purer Horrorfilm, sondern sehr viel breiter gefächert. Ein aufwühlendes Abtauchen in die atemlosen Weiten verlorener Seelen. Grossstadtdschungel trifft auf natürliche Bedrohung. Audiovisuell ein kraftvoller Rausch, emotional vor allem für Eltern ein fester Schlag aufs Trommelfell. Leider passiert ärgerlich wenig. 

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