Nach dem verheerenden Tsunami 2004 im Indischen Ozean ist ein englisches Paar in Thailand auf der Suche nach ihrem verschollenen Sohn. Auf einem Video burmesischer Flussbewohner glaubt die Frau ihn zu erkennen. Gegen alle Widerstände setzt sie ihren Willen durch und gelangt zusammen mit ihrem Mann dank der Hilfe eines zwielichtigen Schleusers in den Dschungel des Nachbarlands. Es wird eine Reise in die Hölle...
Die britisch-französisch-belgische Co-Produktion „Vinyan“ speist sich aus offensichtlichen Vorbildern – „Apocalypse Now“ ohne Krieg, „Antichrist“ ohne Gewaltexzesse, ein Hauch italienischer 70er-Jahre-Mondo-Streifen – und findet doch eine ganz eigene filmische Ausdrucksweise. In fiebrig-intensiven Bildern zuerst des städtischen Molochs und später des wilden Dschungels erzählt er die Geschichte einer unheimlichen Reise, die, ganz ähnlich wie seinerzeit „Stalker“ von Andrej Tarkowskij, immer mehr zur metaphorischen Reise ins eigene dunkle Selbst wird. Die Kamera wechselt dabei gekonnt zwischen nahen, aber kontrollierten Aufnahmen der Agierenden und in Extremsituationen immer wieder ins beinahe Subjektive wechselnden, enorm verwackelten und unruhigen Handkamerabildern. Das kann stellenweise etwas überfordern, trägt aber viel zum schleichend intensiver werdenden Gefühl allumfassenden Unbehagens bei. Die dunklen Bilder dreckiger Gassen und finsterer Hinterzimmer am Anfang und dann, bald nach Beginn der illegalen Reise, der wuchernden, überwältigenden, ebenso schönen wie bedrohlich anmutenden Natur lassen in Verbindung mit dem subtil eingesetzten, finsteren Score eine immer dichtere Atmosphäre der ungreifbaren Bedrohung entstehen. Wenn diese im Schlussteil schließlich doch relativ greifbar wird, geschieht das mit einem so bizarren Kniff, dass man noch lange nach dem schockierenden Schlussakkord ein Gefühl des Unwohlseins nicht ganz abschütteln kann.
Neben der simpel erscheinenden, aber streng durchkomponierten Inszenierung liegt das Gelingen dieses subtilen Psycho-Horrors auch an den hervorragenden Hauptdarstellenden. Rufus Sewell gibt seinen zwischen eigenem Schmerz und Sorge um die labile Ehefrau pendelnden Charakter überzeugend und teils so widersprüchlich und kantig, dass er es auch dem Zuschauenden mitunter schwer macht, ihn als reine Sympathiefigur zu betrachten. Vor allem in einigen Szenen mit der heimischen Bevölkerung dringt bei ihm eine gewisse europäische Überlegenheitshaltung durch, die dem ganzen Geschehen noch eine sublime politische Note mitgibt. Und Emmanuelle Béart glänzt als von Beginn an psychisch labile Mutter, die mit fortlaufender Reise immer stärker den Kontakt zur Realität verliert, bis sie schließlich inmitten des Chaos, der Angst und Bedrohung der Schlussphase eine wirklich böse Variante ihrer eigenen Erlösung findet.
Die Verschmelzung äußerer Umstände und innerer Zustände ist es, die „Vinyan“ zu einem so faszinierenden, bizarren, fesselnden Albtraumstück macht. Er ist schwer in konkrete Genre-Schubladen zu pressen, changiert zwischen Horror, Abenteuer, Drama und Mystery und kann dem aufgeschlossenen Zuschauenden eine finstere Reise ins Herz psychischer und seelischer Verwerfungen bieten. Dank der immersiven Bildkompositionen, die vor allem zum Schluss wirklich Einzigartiges gestalten, steigert sich die subtile Spannung immer mehr, bis sie kaum mehr auszuhalten ist und in einem wahrlich grotesken, schockierenden Schlusspunkt kulminiert. Vielleicht niemals zuvor wurden Kinder und fröhliches Kinderlachen so beängstigend und bedrohlich inszeniert wie hier.
„Vinyan“ ist eine kleine, dunkel glänzende Perle im düsteren Genre und ein durchgehend fesselndes Vexierspiel mit Altbekanntem, das immer wieder völlig neue Kontexte erhält. Trotz kleiner Schwächen wie einzelner Klischees (die alte Frau auf einem Boot, die Angst vor der völlig harmlos wirkenden Frau hat) oder Unglaubwürdigkeiten (im Dschungel droht den Agierenden alles, nur keine wilden Tiere) ein packendes Meisterstück in Sachen subtilem Psycho-Grusel, das sowohl inhaltlich als auch visuell wirklich faszinierend ist.