Das Wörtchen „Kriegsfilm“ mäandert durch den Raum und schon teilt sich das rote Meer der Kritiker- und Zuschauerschaft wie durch Zauberhand. Während die einen ein krachig-spannendes Abenteuer erwarten und dafür auch den patriotischen Militarismus goutieren, sind die anderen händeringend auf der Suche nach DEM definitiven Antikriegsfilm, obwohl diesen zu definieren an sich schon eine Herkulesaufgabe ist und so allmählich auch der Letzte weiß, daß Krieg schlecht ist.
Dennoch liegt man extrem falsch, wenn man Regisseuren generell eine Verantwortung für Antikriegsbotschaften auf die Zunge stapelt, denn die Beweggründe für einen Film müssen nicht zwangsläufig in die eine oder andere Kategorie gepreßt werden können, es genügt manchmal schon ein neuer Blickwinkel, eine andere Sichtweise oder ein ungenutzter Ausgangspunkt, um einem Genre frisches Blut zu verpassen.
Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“ entzieht sich komplett einer klischeehaften Einordnung, wie man sie nur zu gut kennt, sondern geht das Thema aus dem menschlichen Blickwinkel an, ohne dabei monströs zu menscheln, auch wenn die Versuchung groß war.
Sie fokussiert ausschließlich auf die drei Mitglieder eines Bombenräumkommandos der US-Streitkräfte in Bagdad – beim ersten Einsatz stirbt der Entschärfer, so daß die verbliebenen zwei Sicherungsleute einen neuen Vorgesetzten für die letzten knapp 40 Tage bekommen – die ihren Dienst in einem von ihnen kaum noch zu überblickenden Konflikt versehen und praktisch den Tunnelblick aus ihrer Tätigkeit beziehen.
„Hurt Locker“ ist sowohl inhaltlich wie formal optimal auf das Wesentliche konzentriert, er besteht fast ausschließlich aus Entschärfungssequenzen, die nur durch ganz kurze Einschübe unterbrochen werden, die dem Zuschauer das Nötigste über das Innen- und Privatleben der Charaktere oder die Figuren selbst vermitteln.
Die einzelnen Sequenzen sind mal lang, mal kurz, reichen von vergessen Sprengsätzen über geplante Attentate bis zu Körperbomben und ungewollten Selbstmordattentätern, bisweilen begibt man sich auch ungeplant in Gefahr, wie im Zusammentreffen mit einer speziellen Kopfgeldjägereinsatztruppe oder bei einer Verfolgungsjagd durch ein nächtliches Wohnviertel nach einem Anschlag.
Links und rechts vom Weg bleibt dabei wenig Raum; Bigelow setzt auf exzessive Handkamera, die allerdings den fiebrigen Look kompletter Verunsicherung über die ganze Filmlänge hält, so daß die allgegenwärtige Todesgefahr stets mitfühlbar wird. Die Entschärfung der Sprengsätze wird dabei immer an die Sicherung des Tatortes gekoppelt, was das Risiko noch verdoppelt und das psychische Chaos noch verdoppelt.
Dabei verzichtet Bigelow auf totale Schwarzmalerei, sondern schildert ein kulturelles Aufeinandertreffen ohne humanitäre Verbindungen. Die Soldaten machen ihren Job, die Iraker sehen abseits ihres täglichen Lebens zu.
Es kommt zwischen den Lagern nie zu einer echten Verbindung und auch nie zu echter Verständigung, denn die Spezialisten sprechen maximal ein paar Worte der Fremdsprache, während die Iraker sich in ihrem Alltag von den eng gefaßten Sicherheitsbestimmungen scheinbar nicht stören lassen und einen recht sorglosen Umgang mit der Situation pflegen, was dazu führt, daß man jedem Anwesenden unsicher ist, ob es sich um einen Gaffer, ein unschuldiges Opfer oder einen Attentäter handelt. Besonderes Interesse am Kennenlernen der anderen Seite besteht nicht, als einer der Männer einmal eine menschliche Reaktion auf einen Mord zeigt und in ein Haus eindringt, weicht er vor einer freundlich ausgesprochenen Einladung (auf englisch), noch dazu von einem scheinbar gebildeten Mann zurück. Die Verunsicherung sitzt tief, mitunter will man den Gegner nicht auch noch mit Menschlichkeit ausstatten, die man sonst ausblendet.
Bewundernswert, daß Bigelow auf Archetypen verzichtet, sondern drei Figuren präsentiert, die auf unterschiedliche Weise mit ihrem Job umgehen: Brian Geraghty als Eldridge lebt die tägliche Angst so, daß er sich schon freiwillig in therapeutische Sitzungen begeben hat und ist bemüht sich mit der Vorstellung des Sterbens zu arrangieren; Anthony Mackie als Sanborn ist ein Sicherheitsfanatiker nach dem Lehrbuch, das er aber mehr und mehr nicht anwenden kann, um sich dann auf andere Lebensziele auszurichten, die er durch die Armee verdrängt hat. Als Antipode wirkt der neue Staff Sergeant James, der jedoch nur auf den ersten Blick wie ein wildgewordener US-Cowboy lebensmüder Natur wirkt, der die anderen gewissenlos mit in den Abgrund reißen will. James wird mehr und mehr zur komplexen Figur, die schwer zu greifen ist; ein Mann mit Frau und Kind, der sich scheinbar ohne Netz und doppelten Boden der Gefahr an den Hals wirft, weil er die Gefahr als zu bekämpfenden Feind sieht, dem er stets einen erneuten Sieg abringen will. Krieg ist, wie er selbst einmal anführt, für ihn zur Droge geworden, bei sich hat er stets eine Kiste mit Sprengteilen und Zündern, die sein Leben bedroht haben, der „Hurt Locker“ des Titels.
Jeremy Renner liefert hier eine großartige Leistung ab, wirkt stets wie der überwältigte Junkie auf der Suche nach dem nächsten Schuss und bleibt gerade wegen seiner nicht greifbaren Emotionalität so rätselhaft wie der Krieg selbst, erwacht erst dann richtig zum Leben, wenn er es aufs Spiel setzen muß oder kann, sonst wirkt er wie der betäubte Mustersoldat a la „Jarhead“, der gegen die sinnfreie Langeweile kämpft. Da mischt sich zwangsläufig Held mit Wahnsinn und gebiert einen monströsen Zwitter ohne scheinbare Kontrollmöglichkeit.
Bleibt der Krieg selbst, der endlich mal ohne Parolen und Fahnen auskommt, nur narrative Fingerzeige bringen etwas von Bigelows Haltung ins Gesamtbild: ein Gruppe Soldaten, die einen angeschossenen Attentäter lieber erschießt, als ihn zu retten, um an Informationen zu kommen; die stete Panik der einfachen Truppen, wenn sich Sprengstoff andeutet; die Spezialisten, die auf Kopfgeld aus sind und mitten in der Wüste ihre Witze reißen, bis alles in ein tödliches Snipergefecht mündet, in dem niemand sicher ist; der Psychiater, der den eigentlichen Einsatz nicht verstehen kann, bis er ihn begleitet.
Die drei Protagonisten fragen nie nach, stellen nie in Frage, zweifeln nicht und kritisieren nicht – über allem liegt ein stummes Einverständnis, daß alles, was man hier tut, sinnlos zu sein scheint und das Überleben für den Einzelnen die einzige Alternative ist. Irgendwo zwischen Resignation und Pflicht den Kopf einziehen, das ist das Los der Truppen im Irak – und wenn eine Einstellung ein noch bitteres Resumé ziehen kann, als ein sonst im Geschützfeuer sterbender Held als Holzhammersymbol, dann möge man es bitte auf Film bannen.
„The Hurt Locker“ ist eine zweistündige Tour-de-Force, die auf Sehgewohnheiten und Plotpoints spuckt und nur durch den dargestellten Druck und den Spannungsbogen die Aufmerksamkeit fesselt.
Permanente Lebensgefahr, jeden Tag kann es vorbei sein, dazwischen reagiert man sich ab, redet, rauft, säuft oder killt noch mehr Gegner per Playstation, darin liegt hier nicht mal mehr Ironie, die stirbt hier früh einen ehrenhaften Tod. „Tödliches Kommando“ glorifiziert nicht und versucht nicht überemotional zu beeinflußen, sondern ist bemüht, eine tatsächliche Situation so zusammenzufassen, daß es an den Rändern kein anderes Leben mehr gibt, wie der Epilog nachdrücklich visualisiert.
Selbst der Ausgang für die drei Charaktere bricht so mit den logischen Erwartungen und setzt sich dann in einer Endlosspirale fort, ein bitteres, aber fast logisches Fazit für einen Film, der zwar seinen Ausschnitt des Kriegseinsatzes komprimiert wiedergibt, aber damit die Intensität fördert und die psychische und physische Zerstörungskraft deutlich unterstreicht.
Das alles als Unterhaltung getarnt, um sich dann als harte Arbeit zu entpuppen – Krieg ist kein Abenteuer, auch nicht im Kino. Definitiv wichtig, nicht nur für Kriegsheimkehrer. (9/10)