"Krieg ist eine Droge."
Nach sechs Jahren Pause lässt Filmemacherin Katryn Bigelow ("Gefährliche Brandung", "Strange Days") den Zuschauer hautnah die schweißtreibende Arbeit eines amerikanischen Bombenräumkommando im Irakkrieg erleben.
Sergeant Thompson (Guy Pearce) und seine Männer, Sergeant JT Sanborn (Anthony Mackie) und Specialist Owen Eldridge (Brian Geraghty), werden gerufen um eine getarnte Bombe am Straßenrand zu entschärfen. Beim Versuch die Bombe durch eine kontrollierte Sprengung zu vernichten, kommt Thompson ums Leben. Die Einheit bekommt Sergeant William James (Jeremy Renner) als neuen Vorgesetzten zugewiesen. Dieser erweist sich jedoch als äußerst risikofreudig, was die Spannungen im Team bei den Einsätzen an einen kritischen Punkt bringt.
Im Gegensatz zu Bigelow's bislang eher traditionellen Hollywood-Streifen setzt "Tödliches Kommando" in erster Linie auf einprägsame Authentizität. Durch bewussten Verzicht auf bekannte Gesichter, auf Kamera- und Effektspielereien und typischen Plotverlauf versucht sie gekonnt, einen nahezu dokumentarischen Einblick in das Leben des Ausnahmeberufes eines Bombenentschärfers zu geben.
Das Kriegsdrama enthält, wie schon viele andere zuvor, eine Handvoll Charaktere um die sich die Handlung spinnt. Wenig überaschend sind deren höchst fragile Persönlichkeiten, auf die erst zur späteren Laufzeit ein wenig mehr eingegangen wird. Im Zentrum steht Sergeant William James, dessen fahrlässiges Vorgehen und Hang zum Alkohol ihn als Antiheld zeichnet. Unfähig im zivilen Dasein ist die Droge Krieg sein einziges Handwerk das sein Leben ausfüllt.
Neben ihm fallen andere Figuren meist unter den Tisch und lassen nur selten einen Blick in ihr Privatleben zu. Hier weist das Drehbuch Lücken auf, die sich auch in der Handlung wiederspiegeln. Denn durch den dokumentarischen Stil sind plötzliche Handlungssprünge keine Seltenheit, die aufgebaute Sideplots gnadenlos platt treten. Allerdings ist es gerade diese Perspektive, die für ein enormes Mittendrin-Gefühl sorgen.
"Tödliches Kommando" ist von der Perspektive immer ganz nah am Geschehen, bietet aber gleichzeitig eine enorme Übersicht. Die Brennpunkte werden nicht nur hautnah über die Schulter der Soldaten beleuchtet, sondern auch in einer Rundumsicht gezeigt. So prasseln die Eindrücke, die die Soldaten in dieser feindlichen Atmosphäre erleben, auch auf den Zuschauer ein. Die zu entschärfenden Sprengsätze sind schließlich nicht die einzigen tödlichen Gefahr.
Gerade die zusätzlichen Gefahrenquellen in Form der Einwohner oder unvorhersehbarer Ereignisse sorgen für eine wuchtige Dynamik in den Entschärfungsszenarien. Keine gleicht der nächsten, was für stetige Abwechslung sorgt. Die einfallsreichen Einflüsse sind zuweilen aber nicht immer glaubhaft, was den Realsismus ein wenig trübt.
Nichtsdestotrotz ist die aufgebaute Spannung ungemein hoch. "Tödliches Kommando" baut in mehreren längeren Abschnitten eine Intensität auf, welche physische und psychische Extremzustände geradezu auf die Spitze treibt. Und dies ohne massiv auf Action zu setzen, denn geschossen wird überaus selten.
Technisch ist das Kriegsdrama ordentlich. Neben realistischen Explosionseffekten, die auch mal in Zeitlupe präsentiert werden, bietet die Klangkulisse flexible musikalische Untermalung sowie krachende Soundeffekte.
Angenehm ist die Tatsache, dass der Film trotz offensichtlicher Möglichkeiten keine politische Aussage portiert, wie es in diesem Genre oftmals der Fall ist. Kriegspatriotismus oder etwaig vermutbare Gut-Böse Schemen sucht man vergebens. So entsagt sich der Film den typischen Hollywood Regeln und erschafft sich eine eigene Note.
Ganz ohne Hollywood gehts dann aber doch nicht. In diversen Szenen sind bekannte Gesichter zu sehen. Guy Pearce ("Memento", "Bedtime Stories"), Ralph Fiennes ("Harry Potter"-Reihe, "Schindlers Liste"), David Morse ("The Rock", "The Green Mile") und Evangeline Lilly ("Lost") sind aber nur ein kleineren Nebenrollen zu sehen.
Die noch frisch und nicht abgenutzt wirkenden Gesichter von Anthony Mackie ("Million Dollar Baby"), Brian Geraghty ("An American Crime") sowie Jeremy Renner ("28 Weeks Later") sorgen für eine ordentliche Authentizität. Gerade letzterer sticht durch seine häufige Präsenz heraus.
"Tödliches Kommando" ist ein Kriegsdrama mit wenig Action, einer schlichten Handlung sowie verzögerten Figurenzeichnung. Es ist die wuchtige Dynamik der Bilder sowie der intensive Spannungsaufbau die den Film zu einem ungemein packenden Ereignis macht und endlich den pseudodokumentarischen Stil artgerecht präsentiert, womit "Redacted" und "Battle For Haditha" zuvor gescheitert sind.
8 / 10