Da nützt alles Strampeln nichts – hier endet der erklärungswütige Zuschauer auf eine Nadel gespießt, wie die vielen Insekten, die der Protagonist Oscar hier für sein Museum oder sein Vergnügen konserviert.
Es schadet nichts, die weiße Flagge gleich im Gepäck zu haben, denn entschlüsselbar ist der ruhig, aber unverständliche Bildersturm, den Olivier Smolders auf das Publikum losläßt, auf keinen Fall.
Anscheinend hat er den Film (laut Interview) auch mehr für sich gemacht und seine geäußerten Interpretationsansätze, die sich um den Wunsch nach einem simplen düsteren Traum drehen, helfen bei der eigenen Dechiffrierung nicht wirklich weiter.
Also lobt man am besten mal den Einfallsreichtum dieser sicher nicht extrem teuren, aber mit sehr viel Einfallsreichtum gestalteten Vision, die von vielen anderen Filmen inspiriert scheint, ohne nun wirklich etwas bewußt zu klauen.
Eine Welt wie in Dark City, eine morbide Kleinstadtatmosphäre wie in französischen Krimidramen, ein Museum wie von Terry Gilliam geschaffen, die Tonkulisse und Abseitigkeit von Lynchs „Eraserhead“, sexuelle Fingerzeige aus „Die Zeit der Wölfe“, alles scheint hier ein Echo zu finden.
Müßte ich mich jetzt zu einem mir eingängigen Zentralthema entschließen, so würde ich auf die Bewältigung eines familiären wie auch sexuellen Traumas oder ein sexuelles Bewußtwerden festlegen, ohne daß es zu einer definitiven Veränderung kommt, allein der Fluß der Dinge wird offenbar.
Alles beginnt (wieder Lynch) mit einer Puppenbühne, in der sich reale Kinderdarsteller mit zweidimensionalen Holzkulissen mischen, während reale Wölfe durch den Hintergrund schleichen. Geführt werden die Fäden von zwei absurd grinsenden alten Herren, während wir das Schicksal eines jungen (weißen) Mädchens im Winterwald verfolgen, offenbar zerrissen von Wölfen oder dahingeschlachtet von einem Mörder, die Glieder abgetrennt, gefressen von Insekten – das scheint das bewußte Trauma von Oscar zu sein, der ihr einen Schrein errichtet hat, mit einem kurzen Stück Schmalfilm, in dem die Kinder im afrikanischen Busch samt Vater stehen, doch seine Schwester trägt eine Maske.
Das entpuppt sich als Teil einer Psychotherapie, bei der der Psychiater Oscar in den Kopf sieht, wenn auch nicht mehr sonderlich duldsam, denn Oscar arbeitet im Museum, spießt nur zur Lautsprechermusik Insekten auf und ist auch sonst sehr scheu.
Doch wer jetzt glaubt, eine halbwegs lineare Menschwerdung mitzuerleben, wird bewußt immer wieder in die Irre geführt: die kranke Afrikanerin im Bett entpuppt sich als Schwangere und verpuppt sich nach ihrem Tod (oder Todesschlaf), genauere Rechercher ergeben, daß das Mädchen auf dem Film eine Farbige ist, die Erinnerungen scheinen Illusionen zu sein. Draußen im Park, auf dem Heimweg, begegnet Oscar immer wieder der Wächter, der auch den Bösen und den Wolf oder Leopard spielt, der die Mädchen reißt und auf Flüchtende schießt; die Mitarbeiter im Museum verweigern die Mitarbeit bei der Entsorgung des ungebetenen Gastes, schließlich verfällt Oscar der Puppe, bis dieser schließlich ein bleiches, weißes Mädchen entsteigt, die Inkarnation sexueller Träume oder ein Sinnbild für die phantasierte Schwester, man weiß es nicht, prompt verschieben sich die Gestirne, es wird hell in der Welt – aber so gleißend, daß man es kaum ertragen kann und alles fließt weiter.
Nein, das ist kein Stoff für Erklärungen, immer wieder unterbrochen durch Insektenszenen, ergänzt durch immer neue Auftritte derselben Nebendarsteller in Traum, Illusion und scheinbarer Realität, auf der Tonspur rauscht, dröhnt und summt es, wenn kein Easy Listening läuft und die Stadt ist ein Dorf, die Welt eine Stadt.
Man kann darüber stundenlang diskutieren und kommt, wie bei Lynchs „Eraserhead“ zu keinem Ergebnis, ein Film, dem Smolders eine Abhandlung gewidmet hat und der hier deutlich Pate stand, aber weniger verstört, als vielmehr zwischendurch berauscht.
Eigentlich unsehbar, nicht genießbar, aber studierbar und damit u.U. berauschend. Auf Droge bedenklich – testen auf eigene Gefahr. (7/10)