Zwischen Snuff und Stuss
„8MM“ hat mich immer fasziniert. Von seinen Themen bis zu Cage, von seinem Dreck bis zu Schumachers eigentlich wesentlich glamourösere Art, von der Schattenseite Hollywoods bis zur bescheuerten Über-den-Haufen-Werfung von Pornografie, BDSM, Kinderpornografie und Snuff. „8MM“ bietet ohne Frage genug Stoff, ihn komplett in seine Einzelteile zu zerlegen und katastrophal zu finden. Zu oberflächlich, zu verallgemeinernd, zu gekünstelt, zu aufgesetzt, zu selbstherrlich, zu menschenverachtend, zu predigend. Und so weiter und so fort. Und wie finde ich ihn? Schlicht und einfach sehr gut. Beißt sich nicht. Ich hoffe das im Laufe dieses Reviews unterlegen zu können. Erzählt wird in diesem schmutzig-stylischen Neo Noir-Thriller von einem Privatdetektiv, der von einer reichen Witwe engagiert wird, um die Echtheit eines vermeintlichen Snufffilms zu prüfen, in dem womöglich ihre Tochter vor laufender Kamera ermordet wird. Seine Untersuchungen führen ihn dabei in die Abgründe der Traumfabrik und unserer gesamten westlichen Gesellschaft, zwischen gescheiterten Existenzen, gut getarnten Sadisten und geldgierigen Untergrundringen…
Der Abgrund hat wieder einen Staring Contest gewonnen
Aus einer Zeit, als Nic Cage noch nicht allzu oft überdrehte, als Joel Schumacher nach „Batman & Robin“ mit Nachdruck etwas zu beweisen hatte, als das Internet (geschweige das Darknet) noch in der Pubertät steckte, düstere Hollywoodthriller boomten und Snuff an Sagenumwobenheit kaum zu überbieten war. „8MM“ ist sehr interessant, sowohl auf seinen Metaebenen als auch als garstiger Krimi selbst. Hervorragend und oft überraschend gegen bekannte Besetzungsmuster bis in Nebenrollen ausgestattet (Phoenix, Stormare, Reedus, Keener, Gandolfini), mit etlichen richtig fiesen Set Pieces, toller Beleuchtung und einem ebenso rotzig-harten Soundtrack. Das Thema taucht tief in die entlegeneren Winkel der menschlichen Seele und unserer Gesellschaft ab. Das mag nicht jedem gefallen. Manch einer findet sich selbst darin, anderen macht es einfach nur Angst und wirkt abstoßend. Jedem das Seine. Dennoch verfehlt „8MM“ seine Wirkung nicht. Einmal mehr zeigt Schumacher seine Vielseitigkeit. Für mich einer der verkannteren und mutigeren Regisseure seiner Generation. Wie Cage sich hier in Zorn, Dunkelheit und Gewalt verliert, ist und bleibt sehenswert, erinnert eher an nihilistischere Drehbücher von Schrader a la „Bad Lieutenant“. Kein Wunder, dass Cage später noch in dessen Remake die Hauptrolle übernehmen sollte. „8MM“ ist mindestens diskussionswürdig und interessant. Eventuell für nicht wenige sogar exzellent und unvergesslich. Ein siffiger Abstieg in die Alptraumfabrik namens menschliche Seele.
Fazit: ungewöhnlich düster und ernst für Joel Schumacher, mit einer meist starken, bodenständigen Cage-Performance, niederschmetternden Themen und einer echt unangenehmen Stimmung - auch wenn „8MM“ sicher kein „Sieben“ ist, bekommt er mich dennoch jedes Mal!