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Wenn man sich den Debütfilm eines französischen Effektgenies anschaut, das es geschafft hat mit eben diesem Erstlingswerk auch weltweit erstmalig einen Film komplett mit einer Sony-Digitalkamera abzudrehen, dann erwartet man keinen ruhigen, dialoglastigen, spärlich beleuchteten Denkerfilm, sondern eben genau das, was "Vidocq" ist. Ein optischer Leckerbissen, ein innovativ designter Krimi mit hohem Unterhaltungswert.

Vidocq ist eine klassische Detektivfigur Frankreichs, jenseits des Landes der Froschschenkel allerdings gänzlich unbekannt. Und so kann es gerade dem angelsächsischen Zuschauer so vorkommen, als würde Regisseur Pitof gerade seine Hauptfigur, wunderbar bullig und doch intelligent dargestellt von Gerard Depardieu, vernachlässigen, zumal sie auch noch bereits in der Pre-Title-Sequenz den Löffel abgeben muss. Vidocq ist ein ehemaliger Krimineller, der seine unredliche Vergangenheit als wichtigen Antrieb für seine jetzigen detektivischen Arbeiten sieht.

Wie bereits erwähnt stirbt Vidocq in den ersten fünf Minuten bereits. Was folgt ist eine Erzählstruktur die an die guten, alten Zeiten aus "Citizen Kane" erinnert: Der Vidocq-Biograph Etienne Boisset (Guillaume Canet) will sein kommendes Buch über den Meisterdetektiv mit der Entlarvung seines Mörders krönen, und recherchiert. Er spricht mit Vidocqs Geliebten, mit seinem Partner, und gerät immer mehr in den Sog des Falles. Vidocq war einem seltsamen, übermenschlichen Phantom auf den Fersen, dass mit einem technischen Trick bereits drei einflussreiche Personen pulverisierte. Dabei scheint es eine Verbindung zwischen den perversen Neigungen der drei Toten und dem Ursprung der Spiegel-gleichen Maske des Phantoms zu geben.

Die altbacken vorangetriebene Räuberpistole überrascht gegen Mitte des Films mit eindeutig fantastischen, und leicht unpassenden Storywendungen. Wo man einen überlegenen, cleveren, sich den physikalischen und chemischen Gesetzen bewussten Detektiven erwartet, der dem Phantom/dem Alchemisten die Maske der Übersinnlichkeit herunterreißt, und ihn als Scharlatan entlarvt, da werden die zusammengesponnenen Fantasyeinflüsse plötzlich als wahr und möglich dahingenommen. Zu dem Zeitpunkt hat der Zuschauer die Hinwendung zum Science-Fiction hinzunehmen - vorbereitet war er auf einen solchen Twist nicht, zumal der Film mit Szenen von dem aufständischem Paris anno 1830 historische Authentizität vermitteln möchte.

Doch all die inhaltlichen Mängel übersieht man eh, da man über die gesamte Laufzeit von knapp 100 Minuten in den faszinierenden Bildern schwelgt. Pitof benutzt eine High-Definition-DV-Kamera und spielt mit ihren Möglichkeiten wie ein kleines Kind. Ein Jahr vor Entstehung des zweiten, komplett digital gedrehten "Star Wars - Episode 2: Angriff der Klonkrieger" bereits zeigt uns der frühere Caro-&-Jeunet-Kollaborateur, auf welch interessante Weise man die Effekte einsetzen kann. So lässt er die ständig herumschwirrende, nie auf einem Punkt verharrende Kamera sehr dicht an die Gesichter fahren, um einen bis dato im Kommerzkino ungesehenen Effekt zu erzielen. Die digitale Technik zeichnet mit einer ungewohnten Tiefenschärfe auf, und so bleiben alle Ebenen, auch der Hintergrund, selbst bei extremen Close-ups scharf. Die immer scharfkantigen, akkuraten Bilder wirken berauschend in schnell, geschnittenen, auf Martial-Arts-Action getrimmten Kampfszenen, oder zeigen pure Schönheit, wenn Pitof mittels Effekte die Außensets wie blumig-duftende Diorrahmen erstellt.

Sicher hat "Vidocq" grobe Fehler in Sachen Geschichte und Wiedergabe zu verzeichnen, und sicherlich besteht auch die Hauptattraktion des Filmes in seiner visuellen Präsentation. Doch trotzdem kann der mittelalterliche Eye-Candy aller bestens unterhalten. Spannend ist die Geschichte ob der Lücken allemal, und durch die revolutionäre, bahnbrechende Technik ist mindestens ein Durchgang Pflicht für jeden Filmfan.

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