Ich bin ja wirklich in den letzten Jahren hier auf exotische Filme, die quasi kaum jemand kennt und TV-Movies jeder Couleur runtergekommen (ich hoffe, irgendwer hat sich angefixt an den einen oder anderen rangetraut), also warum dann nicht beides miteinander verbinden und mal richtig Exotik gönnen?
Also verschwende ich jetzt mal ein paar Absätze Review an zwei britische Fernsehspiele, die meiner Ansicht nach einiges an Publikum mehr vertragen könnten, da sie außerhalb der „Insel“ quasi unbekannt sind – aber gerade weil die Briten es so hingebungsvoll mit dem sogenannten „folk horror“ haben, werde ich „Robin Redbreast“ und „Penda’s Fen“ mal etwas Aufmerksamkeit widmen. Beide Fernsehspiele entstammen dem Omnibus-Format „Play for Today“ – also in etwa so etwas wie „Das kleine Fernsehspiel“ des ZDF – welches von 1970 bis 1984 lief.
Nachdem ich „Robin Redbreast“ bereits als spärlich möblierten, aber typischen Folk Horror einordnen konnte, widme ich mich nun dem wesentlich schwieriger zugänglichen „Penda’s Fen“, der seine paganistischen Untertöne hauptsächlich für philosophische Themen, religiöse Erkenntnis und eine Coming-of-Age-Story verwendet.
„Penda’s Fen“ ist in erster Linie eine dialogreiche und dennoch zeitweise überaus stille und andächtige Identitätssuche. Zentrale Figur ist der Teenager Stephen Franklin, der Sohn eines englischen Landpfarrers und ein außerordentlich konservativer Zeitgenosse, was seine Meinungen und Überzeugungen angeht, betrachtet man mal sein junges Alter von ungefähr 15 Jahren in der ländlichen Sommerkulisse eines sonnendurchfluteten Worcestershire. Stephen ist ein echter britischer Nationalist und verfolgt stark christliche Werte, ist für ergänzende Einflüssen nicht zu haben und damit auf der Militärakademie, die er besuchen muss, ziemlich falsch, kein Teamplayer, sondern ein Außenseiter, der daheim zu den Werken des Komponisten Edward Elgar, dessen „Traum des Gerontius“ er via Schallplatte fast manisch konsumiert.
Doch wie könnte es anders sein, verändern sich in der Pubertät nicht nur Körper und Geist, man kann sich auch nicht ewig äußeren Einflüssen erwehren. So erwarten ihn einige erschütternde Erkenntnisse, einmal von seinem politisch eher links ausgerichteten Nachbarn Arne, der Theaterstücke und Drehbücher schreibt und den er zunächst verabscheut, bis dessen untypisches Lebensmodell Spuren hinterlässt. Das erfolgt durch Stephens eigenes sexuelles Erwachen, was sich – für ihn nicht eben erbaulich – auf den ziemlich schnoddrigen Milchmann ausrichtet, dem er quasi täglich berichtet. Doch noch entscheidender ist das Geständnis, dass ihm schließlich seine Eltern machen: ein Gespräch mit seinem Vater liefert ihm nicht nur aus seiner Sicht fast blasphemische Ansätze, da dieser die christliche Religion in zeitgeschichtliche Relativität und einen Kontext mit früheren Religionen stellt. Nebenbei erfährt er zudem auch noch, dass er adoptiert worden ist – und der Konservatismus erfährt einen weiteren Schlag, als er akzeptieren muss, dass er das Kind eines gemischt-farbigen Paares war, also effektiv in seiner kindlichen Sicht auch nicht rein ist.
Fortan verarbeitet er diese Entwicklung in einer Reihe von Träumen, Visionen und offenbarungsähnlichen Momentaufnahmen, begegnet er Engeln und Dämonen und schließlich einen der letzten nicht-christlichen Könige von England, besagten „Penda“, dessen sonnendurchwirktes Hochmoor er hier stets durchfährt und durchschreitet.
Entworfen von dem eher fürs Theater arbeitenden David Rudkin, der aber verschiedene Stoffe auch für das Fernsehen adaptierte, fängt der häufig politisch und mit harschem sozialen Realismus arbeitende Regisseur Alan Clarke, der auch für die Meilensteine „Scum“ und „Rita, Sue und Bob dazu“ verantwortlich war, diese Träume jedoch weniger als Horror ein, als vielmehr als mythisch und mystisches Element, als Visualisierung des Verstörenden und gleichzeitig als Denkmal des Vorzeitigem, welches trotz des Vergessens ewig in den Menschen weiterlebt ein. Die Erscheinungen und selbst ein geisterhafter Austausch mit Elgar selbst sind dabei wie huschende Momentaufnahmen inszeniert – eindringliche und kurz erschreckende Bilder auf dem Weg in die Selbsterkenntnis, dass es besser ist, sich zu einem unbequemen und streitbaren Geist zu entwickeln, als sich anzupassen und sein Selbst zu unterdrücken.
Eingefangen wird das Ganze in sonnendurchflutete Landschaftsaufnahmen, endlos zu durchwandernde Natur – die Häuser und Räume, die diesen Weg markieren, wirken wie Museen oder Gefängnisse oder Kathedralen der Angst.
„Penda’s Fen“ ist wahrhaftig ein schönes Stück Arbeit, wenn man sich ihm widmen will. Es geschieht nicht wirklich viel und den einen oder anderen Begriff musste ich zwangsläufig selbst nachschlagen, aber der Film wirkt wie organisch gewachsen und von einer märchenhaften Naturkraft, der noch einmal Erinnerungen als längst vergangene wundersame Kindersommer hervorruft.
Dabei ist er in so manchem Gespräch so theoretisch und theaterhaft, dass der Eine oder Andere ihn für langweilig halten könnte, aber tatsächlich richtet sich das TV-Spiel mit den Mitteln des intellektuell Geschulten an innere Werte und lässt dabei einige Rückschlüsse darauf zu, wie es im Innenleben von gebeutelten Public-School-Teilnehmern und Internatsgängern in merry old england wohl ausgesehen hat, als der kulturell wertvolle Frontalunterricht noch das Zentrum des schulischen Universums war.
„Penda’s Fen“ ist ein beachtliches Stück TV-Geschichte und existiert zum Glück sowohl noch in Farbe wie auch auf Scheibe und wenn das auch zutiefst ein urbritisches Thema ist, dessen Paganismus auf die Historie ausgerichtet ist und nicht auf Schauermärchen, ist der Film ein bemerkenswertes Dokument visualisierten Spiritualität. (8/10)