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Paul Martin war ein aus Österreich-Ungarn stammender Regisseur, der gleich zu Beginn seiner Film-Karriere an zwei Klassikern des frühen deutschen Tonfilms mitwirkte - bei "Bomben auf Monte Carlo" (1931) mit Hans Albers und Heinz Rühmann, sowie "Der Kongress tanzt" (1931) mit Willy Fritsch und Lilian Harvey. Mit der damals sehr populären Harvey verbanden Martin bald mehr als nur kollegiale Gefühle, weshalb es nicht überrascht, dass er in einem ihrer nächsten Filme "Ein blonder Traum" (1932) erstmals für die Regie verantwortlich war. Bis zu ihrer Trennung 1938 arbeitete er fast ausschließlich mit Lilian Harvey zusammen, mit der er 1936 mit "Glückskinder" einen weiteren großen Erfolg feierte. Paul Martin inszenierte vor allem leichte Komödien und Musikfilme (unter anderen mit Zarah Leander "Das Lied der Wüste" (1939)), eine Vorliebe, die er auch nach dem Krieg mit Filmen wie "Du bist Musik"(1956) mit Catarina Valente oder "Graf Bobby, der Schrecken des Wilden Westens" (1966) mit Peter Alexander fortsetzte.

Obwohl er bei 63 Produktionen Regie führte, ist Paul Martin inzwischen in Vergessenheit geraten, was folgerichtig noch mehr für einen seiner wenigen dramatischen Filme gilt, den er in der Nachkriegszeit drehte. Zudem kam der Schwarz-Weiß-Film mit dem klingenden Namen "Wenn abends die Heide träumt" in die Kinos, der sich damit namentlich an den erfolgreichen Heimatfilm "Grün ist die Heide" (1951) anhängte, womit er ein Stigma erhielt, dass er nicht mehr ablegen konnte. Selbst die bisher einzige Video-Veröffentlichung des Films in den 80er Jahren weist ihn als reinen "Heimatfilm" aus, obwohl er nur wenige der Genre-Kriterien erfüllte. Schon das der Film in Schwarz-Weiß gedreht wurde, widerspricht dem Versprechen einer "träumenden Heide", die nur als schemenhafter Hintergrund erkennbar wird. Zwar gibt es mit dem Bürgermeister-Ehepaar Knauer (Albert Florath und Fita Benkhoff) auch zwei komische Figuren, aber auf die üblichen folkloristischen Einlagen verzichtete der Film fast vollständig. Sogar Beppo Brem ist hier in einer seiner wenigen ernsten Rolle zu sehen, auch wenn sein bayrisches Gemüt ständig mit ihm durchgeht.

Neben dem Hintergrund der Lüneburger Heide weist "Wenn abends die Heide träumt" noch eine weitere wichtige Parallele zu "Grün ist die Heide" auf, denn Rudolf Prack, einer der großen Stars des deutschen Nachkriegskinos, spielte auch hier die männliche Hauptrolle. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten, denn Prack verkörperte keinen Förster ("Grün ist die Heide") oder Künstler ("Schwarzwaldmädel" (1950)), sondern den Sprengmeister Peter Gelius, der sein Geld mit dem Entschärfen von so genannten "Blindgängern" - nicht explodierten Fliegerbomben - verdient. Zudem stand ihm mit Victor Staal als seinem besten Freund und Kollegen Karl Odewig ein populärer männlicher Darsteller zur Seite, der ein emotionales Gleichgewicht zu Prack herstellte, womit die üblichen eindeutigen Identifikationen vermieden wurden und Martin, der auch für das Drehbuch verantwortlich war, Mut zur Komplexität bewies.

Allein die ausführliche Schilderung der Bombenentschärfungen inmitten der Ruinen, begleitet von Polizeiabsperrungen, Evakuierungen und Sirenen-Alarm, widersprachen in ihrer an den Krieg erinnernden Realität den Heimatfilm-Regeln und verfügen heute noch über einen erstaunlich authentischen Charakter, wie er im deutschen Nachkriegsfilm selten zu sehen war. Die damit verbundenen Gefahren wirken zwar herunter gespielt, wenn Karl Odewig (Victor Staal) und Peter Gelius (Rudolf Prack), lässig mit Zigarette im Mundwinkel an den Zündern hantieren, aber die Todesgefahr bleibt trotz des vorherrschenden Galgenhumors gegenwärtig. Besonders Prack kann hier einmal gegen sein sonstiges Saubermann-Image anspielen, hat immer einen Flachmann dabei und vertreibt sich seine Zeit am liebsten beim Glücksspiel. Er macht auch kein Geheimnis daraus, dass er die gefährliche Arbeit wegen der guten Bezahlung nur ungern aufgeben möchte.

Genau darum bittet ihn Karls Mutter (Margarete Haagen), die finanziell dazu beitragen möchte, dass sich die beiden Männer mit einer Tankstelle und KFZ-Werkstatt selbstständig machen können, um nicht weiter ihr Leben riskieren zu müssen. Für Karl wäre das eine wichtige Entscheidung, da er bald heiraten möchte, aber seiner Mutter ist bewusst, dass er diese nur gemeinsam mit seinem Freund treffen wird. Doch da ist noch Helga (Margot Trooger), Karls Verlobte, der Peter Gelius das erste Mal begegnet, wodurch sich die bisherigen Beziehungsebenen verschieben. Margot Trooger hatte zwar in ihrem ersten Film "Lockende Sterne" (1952) schon einmal an der Seite Pracks gespielt, aber nach "Wenn abends die Heide träumt" wurde sie in keinem der typischen Unterhaltungsfilme der 50er Jahre mehr besetzt. An Schönheit konnte sie es problemlos mit Sonja Ziemann und Co. aufnehmen, aber ihr Typus war zu individuell - nicht ohne Grund ist sie heute vor allem durch ihre Rolle als Fräulein Prysselius in "Pippi Langstrumpf" (1969) bekannt - was dem Film sehr zu Gute kam.

Es ist zudem nur schwer vorstellbar, dass Sonja Ziemann, die mit Prack das damalige Filmtraumpaar verkörperte, die Rolle der Helga gespielt hätte, die gegen die damaligen moralischen Anstandsregeln verstieß. Nicht nur, dass sie sich als Verlobte von Karl in dessen besten Freund verliebt, sie verbringt auch eine Nacht mit ihm. Die daraus folgenden Konsequenzen beschreiten nie den verlogenen Weg, wie er im deutschen Film dieser Zeit üblich war. Als Helga die Verlobung mit Karl konsequenterweise lösen will, relativieren sowohl ihre Mutter, als auch ihre zukünftige Schwiegermutter ihr Verhalten als normal und undramatisch - Moralpredigten gibt es hier keine. Selbst Karl, dem sie beichtet, dass sie mit einem anderen Mann zusammen war, reagiert zwar traurig, aber keineswegs vorwurfsvoll. Allerdings ahnt noch Niemand, dass es sich bei ihrem Geliebten um Peter handelt, der für alle unerklärlich plötzlich nach Argentinien auswandern will. Nur Helga hatte er zuvor deutlich gemacht, dass er seinem Freund auf keinen Fall die Frau wegnehmen will.

Das Lexikon des internationalen Films schrieb: „Ein seichter Unterhaltungsfilm um Liebe, Freundschaft und Berufsethos, der eine Vertiefung seiner Problematik erfolgreich vermeidet“ - ein Kritikpunkt, der auch auf die meisten heutigen Filme zuträfe, hier aber - im Zeitkontext betrachtet - nicht gerechtfertigt ist. Der von Paul Martin geschickt aufgebaute Konflikt ließe sich auch durch eine tiefer gehende Betrachtung nicht lösen, denn der frühere Zustand kann nicht wieder hergestellt werden - ein Bruch zwischen den alten Freunden wäre unvermeidbar. In oberflächlichen Dramen oder Komödien wird meist eine neue Partnerin für den zuvor Geschmähten aus dem Hut gezaubert, als ob das den Vertrauensverlust ungeschehen werden ließe, aber Martin konzentriert sich hier ganz auf die Männerbeziehung, die er am Ende publikumswirksam idealisiert, um die Konsequenz einer harten Entscheidung zu vermeiden.

Diese Konzession an das Publikum lässt nicht übersehen, dass "Wenn abends die Heide träumt" der Realität sehr viel näher kam, als es im deutschen Unterhaltungsfilm der 50er Jahre üblich war. Auch wenn über die Diktatur kein Wort verloren wird, ist der Krieg hier noch gegenwärtig. Die Bombenentschärfer bei ihrer Arbeit und die Bilder grauer Städte, die von der Polizei evakuiert werden, um die Bomben vorsichtig über menschenleere Straßen transportieren zu können, prägen sich ebenso ein, wie Menschen, die nicht nach den Anstandsregeln leben, die gerade im Heimatfilm der 50er Jahre propagiert wurden. "Wenn abends die Heide träumt" erzählte eine Geschichte aus Deutschland und verstand sich als Unterhaltungsfilm, aber er vermittelte auch eine Ahnung vom wirklichen Leben in dieser Zeit. Nicht erstaunlich, dass er heute nahezu unbekannt ist - im Gegensatz zu dem deutlich schwächeren, aber viel erfolgreicheren "Am Brunnen vor dem Tore" der im selben Jahr herauskam. (7/10)

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