Review
von Pyri
Die Zukunft vor Augen
"Herzen in Aufruhr" (Jude) ist ein absolut beeindruckender Film: er folgt Jude, einem jungen ambitionierten Mann der Arbeiterklasse wie mich selbst, nach einer kurzen, so pragmatischen wie unglücklichen Ehe nach Christminster, jener fiktionalen - auf Oxford basierenden - Stadt in Thomas Hardys berühmtem, 1895 öffentlich verbranntem, letzten Prosawerk.
Jude ist ein ungemein dynamischer Film für mich, der fast beständig zu tanzen scheint und dabei zwischen Traum und Alptraum sich bewegt. Kate Winslet ist darin in ihrer meiner Meinung nach mit Abstand besten Performance zu sehen, als völlig erfrischende angehende Lehrerin Sue Brighthead, Cousine von Jude und dessen baldige, unstatthafte Geliebte. Bildung und Konventionen stehen im Zentrum auch Michael Winterbottoms oft verschmähten Film, der bislang einzige FIlm Winterbottoms den ich leiden konnte, obwohl er seinem angeblich schlechten Frühwerk entstammt.Jude ist ein Film der scharfen Blicke und der zumindest versuchten Modernisierung englischen Landlebens im 19. Jahrhundert, mit der Stadt als Hoffnung auf Fortschritt: Modernisierung, welche allerdings eben zurückgedrängt und mit struktureller Gewalt, kulturellen Sauberkeitsvorstellungen und moralischen Überlegenheitsdünkeln konfrontiert wird. Sowie letztendlich ausgelöscht. Ein Film der Erstickung und Zurückdrängung eines freien, menschlichen Lebens.Es ist ein Film leidender und verzweifelter Menschen, Opfer die keine sein dürfen und in ihren solchen Rollen nicht verweilen, dafür noch angefeindet werden, wenn sie sich als Opfer denken, dabei als beständige Gefahr mit vermutlich negativen "Auswirkungen" für "die" Gesellschaft imaginiert werden, aber welche zumindest für sich selbst dennoch Freiräume schaffen konnten - und seien es, im Bild wie im off, welche "bloß" in ihren Gedanken
Rating 10