Ed Harley: "God damn you! God damn you!"
Haggis: "He already has, son. He already has."
Wenn der Name Stan Winston fällt, denkt man in erster Linie an seine bahnbrechenden Beiträge in den Bereichen Spezialeffekte, Make-Up-Effekte und visuelle Effekte. Nicht umsonst hat die am 15. Juni 2008 verstorbene SFX-Legende mehrere Oscars, Emmys, BAFTA- und Saturn Awards gewonnen und wird von den Fans für seine Arbeiten an Filmen wie Dead & Buried (1981), The Terminator (1984), Aliens (1986), Terminator 2: Judgment Day (1991), Batman Returns (1992) und Jurassic Park (1993) zu Recht verehrt. Was dabei gerne übersehen wird ist, daß Winston auch zwei Spielfilme inszeniert hat, und zumindest einer davon ist allerfeinstes Genrekino. Geschätzte dreieinhalb Millionen Dollar standen Winston für sein herausragendes Regiedebut Pumpkinhead (Das Halloween Monster) zur Verfügung, und nahezu jeder Cent davon ist auf der Leinwand respektive dem Bildschirm zu sehen. Seine kurze (Neben-)Karriere als Regisseur fand bereits zwei Jahre später mit A Gnome Named Gnorm (Upworld aka Mein Kumpel, der Kobold, 1990) ein jähes Ende. Danach inszenierte er nur noch vier Kurzfilme bzw. Musikvideos.
Pumpkinhead beginnt mit einem im Jahre 1957 angesiedelten Prolog, in dem ein kleiner, verängstigter Junge des Nachts Zeuge vom grausigen Wüten eines geheimnisvollen Monsters wird. Viele Jahre später lebt der verwitwete Ed Harley (Lance Henriksen, Aliens), der Junge von damals, mit seinem Sohn Billy (Matthew Hurley) abgeschieden am Lande und führt einen kleinen Laden, bei dem alles Mögliche erhältlich ist. Als Billy blindlings seinem aufgeschreckten Hund Gypsy nachläuft, wird er von Joel (John D'Aquino, No Way Out) niedergefahren, der das hügelige Gelände spontan als Motocross-Strecke nutzt. Da er alkoholisiert ist und bereits eine Vorstrafe auf dem Kerbholz hat, sucht er reflexartig das Weite, und seine Freunde Chris (Jeff East, Superman), Kim (Kimberly Ross, Nightmare at Noon), Tracy (Cynthia Bain, Spontaneous Combustion) und Maggie (Kerry Remsen, Ghoulies II) folgen ihm ohne langes Nachdenken. Lediglich Joels Bruder Steve (Joel Hoffman, Slumber Party Massacre II) bleibt an der Unfallstätte zurück, bis Billys Vater Ed zurückkehrt, um ihm den tragischen Sachverhalt zu erklären.
Für Erklärungen ist Ed allerdings nicht zu haben. Mit seinem leblosen Sohn im Arm zieht er - von Haß auf die rücksichtslosen Großstadtkids erfüllt - von dannen und landet über Umwegen schließlich bei der uralten Waldhexe Haggis (Florence Schauffler), die ihn mit den Worten "I'm afraid raising the dead ain't within my power" empfängt. Sehr wohl liegt es jedoch in ihrer Macht, dem verzweifelten Ed zu der Rache zu verhelfen, nach der er so sehr dürstet. In einem schauerlichen Ritual beschwört die Hexe den Rachedämon Pumpkinhead (Tom Woodruff Jr.) herauf und setzt ihn auf die in einer Waldhütte Zuflucht suchenden Jugendlichen an. An Pumpkinhead, dessen Ursprung bereits in den 1970er-Jahren liegt, stimmt fast alles. Der Film ist von Bojan Bazelli (A Cure for Wellness) erstklassig photographiert, wobei vor allem die phasenweise artifizielle, jedoch extrem stimmungsvolle Szenenausleuchtung begeistert. Das sieht schlichtweg phantastisch aus. Aber auch die exzellent gestalteten Sets bzw. die atemberaubenden (Natur-)Schauplätze, wie schauerromantische Waldlichtungen oder knorrige Bäume, lassen das Herz des Fans höherschlagen.
Ein Sonderlob gebührt den Drehbuchautoren Mark Patrick Carducci und Gary Gerani, welche die an und für sich recht simple Geschichte plausibel und nachvollziehbar strukturiert haben. Man nimmt sich Zeit für den Handlungsaufbau und für die ins düstere Geschehen involvierten Figuren, und diese Zeit ist gut investiert, trägt sie doch dazu bei, daß man mit den Charakteren mitfühlt bzw. mitleidet. Außerdem hat Pumpkinhead einen schönen Fluß; der Streifen gleitet zielstrebig dahin, ohne daß er jemals ins Straucheln gerät. Das Anteasern der Kreatur zu Beginn (welche im Laufe der Jahre zu einer Art Schreckgespenst verkommen ist, um Kindern Angst einzujagen) ist ein smarter Schachzug, läßt es doch erahnen, was noch kommen wird und weckt den Appetit darauf. Noch gelungener sind die ganzen Szenen rund um die Hexe. Ed Harleys Gespräch mit ihr, sein Abstecher auf den Friedhof (eine sensationelle, schaurig-schöne Sequenz, welche vergleichbare Momente in den beiden Pet Sematary-Verfilmungen ganz, ganz alt aussehen läßt), das unheilige Ritual sowie die anschließende Geburt des Monsters, das alles ist phänomenal gut und stimmig in Szene gesetzt.
Selbst die schauspielerischen Darbietungen sind mehr als zufriedenstellend. Lance Henriksen agiert gewohnt intensiv, obwohl er im Eifer des Gefechts zwei- oder dreimal in die Overacting-Falle tappt. Zwischen ihm und der mörderischen Kreatur besteht eine Verbindung, sodaß er die Untaten des Dämons hautnah miterlebt. Und so begreift er erst als es schon zu spät ist, was er angerichtet hat, nämlich daß seinetwegen auch Unschuldige zum tödlichen Handkuß kommen. Seine Figur entwickelt sich zur gequälten Seele, zugrunde gerichtet durch sein blindes, rachsüchtiges Handeln. Die Darsteller der Kids machen ihre Sachen ebenfalls gut und spielen überwiegend glaubhaft, wobei die hübsche Dame, die es als Final Girl in den großen Showdown schafft, die beste Leistung der jungen Garde abliefert. Als hartes Oberhaupt einer Hinterwäldler-Sippe - Pumpkinhead hat nebenbei auch noch ein schönes Backwoods-Flair zu bieten - ist George 'Buck' Flower (They Live) zu sehen, eines seiner Bälger ist The Big Bang Theory-Star Mayim Bialik, und falls jemandem der Hund (Mushroom als Gypsy) bekannt vorkommen sollte... der war bereits in Joe Dantes Gremlins (1984) mit von der Partie, damals als Barney.
Daß Pumpkinhead auch hinsichtlich der Spezialeffekte derbe rockt, sollte nicht verwundern; darauf hat Stan Winston mit Sicherheit besonderen Wert gelegt. Ganz formidabel und ungeheuer beeindruckend ist die von Tom Woodruff Jr. gespielte, titelgebende Kreatur, bestimmt eines der memorabelsten Monster der Horrorfilmgeschichte. Und auch wenn bei den Attacken (vielleicht etwas zu) wenig Blut fließt, so haben die prächtig gestalteten Murder-Set-Pieces doch genug Punch, um beim Publikum eine starke Wirkung zu erzeugen. Das hängt natürlich auch damit zusammen, daß die Figuren mehr sind als bloßes Kanonen- bzw. Monsterfutter und daß Winston und seine Leute auch die tragischen Aspekte der Geschichte nicht vernachlässigen. Unterstützt wird das Szenario von Richard Stones tollem Score, der an den richtigen Stellen losdonnert und Druck macht bzw. leise und gefühlvoll dazu beiträgt, die gewünschten Emotionen aus dem Moment herauszukitzeln. Ja, Stan Winstons Pumpkinhead, dieses schaurig-schöne, bitterböse Märchen für Erwachsene, ist in der Tat allerfeinstes Genrekino, das auch mehr als dreißig Jahre nach seiner Entstehung noch vollauf zu begeistern weiß.
Der Pumpkinhead hatte in den folgenden Jahren noch drei weitere Auftritte, und zwar in Jeff Burrs Pumpkinhead II: Blood Wings (Pumpkinhead II, 1994), in Jake Wests Pumpkinhead: Ashes to Ashes (Pumpkinhead: Asche zu Asche, 2006) sowie in Michael Hursts Pumpkinhead: Blood Feud (Pumpkinhead: Blutfehde, 2007). Ein Remake/Reboot ist meiner Meinung nach nur eine Frage der Zeit.