Es gehört zur Professionalität des US-Kinos, Rollen mit Darstellern entsprechend ihrer Nationalität zu besetzen, einer der wesentlichen Gründe dafür, warum deutsche Mimen regelmässig in Hollywood zu tun haben. Wenn in "Valkyrie" von dieser Regel Abstand genommen wird und fast sämtliche tragende Rollen von englischsprachigen Schauspielern übernommen werden, verdeutlicht das schon den wichtigsten Aspekt dieses Films - die Geschichte über den deutschen Widerstandskämpfer Stauffenberg wurde für das amerikanische Publikum gedreht.
Diese Vorgehensweise hat neben rein marktwirtschaftlichen Überlegungen zwei Vorteile - nur Wenigen des Publikums werden Details der Story bekannt sein und mit Adolf Hitler steht ein Diktator als zu beseitigende Zielperson im Mittelpunkt, über dessen Bösartigkeit weltweit kein Zweifel besteht. Genauso wie über dessen umfangreiche Sicherheitsmassnahmen. Damit ist der Plot komplett - eine Gruppe Widerständler mit einem herausragenden Einzelgänger in ihrer Mitte muss gegen eine Übermacht antreten und eine unmöglich scheinende Operation in Angriff nehmen.
"Valkyrie" unterscheidet sich in dieser Konzeption nur wenig von ähnlichen Geschichten, indem kurze Blicke auf das Privatleben seines Protagonisten geworfen werden (mit einer selbstverständlich glücklichen Beziehung), die Schwierigkeiten in der Entstehungsphase beschrieben werden und es während der Ausführung zu den üblichen Problemen kommt mit plötzlichen Veränderungen und charakterlich unterschiedlichen Verhaltensweisen in der Gruppe, bei der es sich eben erst im Ernstfall zeigt, wer in einer solchen Phase die Nerven behält.
So kommt es Tom Cruise, in Personalunion Produzent und Stauffenberg-Darsteller, zu Gute, dass es sich um eine reale Geschichte handelt, da die gewöhnliche Filmstory so zu historischem Gewicht gelangt. "Valkyrie" verbleibt in dieser Aussendarstellung und nutzt die bekannten Gut-Böse-Strukturen dafür, auf umfassende Charakterisierungen zu verzichten. Stauffenbergs Beweggründe für das Attentat und seine Entwicklung zum Widerstandskämpfer werden nicht berührt, da es für das Publikum sowieso einleuchtend ist, warum Jemand Adolf Hitler umbringen will.
Ganz deutlich vermeidet der Film jedes Detail, dass zu Missverständnissen führen könnte, und es fällt auf, dass ausgerechnet die Hauptperson die am oberflächlichsten charakterisierte Person ist. Während Nebendarsteller wie Christian Berkel, Bill Nighy und besonders Tom Wilkinson ihren Figuren Profil geben können, bleibt Tom Cruise seltsam blass in seiner eindimensionalen Darstellung als unerschütterlicher Held. Durch den Verzicht auf jeglichen ideologischen Überbau - es werden immer nur ganz pragmatische Vorstellungen für die Zukunft geäussert - und Stauffenbergs insgesamt wortkarge spröde Art, beschränkt sich der Film ausschliesslich auf die reine Beschreibung der Umstände des Attentats. Eine genauere Betrachtung der Person "Stauffenberg" hätte immer die Gefahr der Ideologie in sich geborgen, egal wie man dessen Beweggründe interpretiert hätte - dieses Risiko geht "Valkyrie" nicht ein.
Dass mag man aus deutscher Sicht beklagen, aber Cruise machte zuvor schon deutlich, dass er keinen dokumentarisch genauen Film drehen wollte, sondern einen Thriller, der immerhin die Botschaft in sich trägt, dass es in Deutschland während der Nazi-Zeit Widerstand gegeben hat. Eine für nicht wenige Betrachter des Films im Ausland überraschende Tatsache, weshalb auch der Spannungsaufbau unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden sollte. Während es dem deutschen Betrachter klar ist, dass es, als Stauffenberg schon vor dem 20.Juli mit einer Bombe in der Tasche die "Wolfsschanze" besucht, noch nicht zum Anschlag kommen kann, bietet der Plot für den unbedarften Zuschauer erhebliches Spannungspotential.
Ähnliches gilt auch für die Phase unmittelbar nach dem Anschlag, als der Film es lange offen lässt, wie dessen Auswirkungen tatsächlich waren. Natürlich weiß Jeder, dass Hitler überlebte, aber dennoch ist dieser Teil des Films sein Höhepunkt. Die verzweifelten Versuche der Widerständler, die Lage in Berlin in den Griff zu bekommen, vermitteln zum ersten Mal auch gerade für Denjenigen, der die historischen Zusammenhänge kennt, die Tragik, die hinter diesem Scheitern liegt. Der Übergang zur Hinrichtung verläuft nahtlos und man kann dem Film nur zugestehen, dass er diese zur heroischen Verklärung neigenden Momente zurückhaltend und in ihrer Emotion erfassbar darstellt.
Es ist eine sehr amerikanische Sicht auf dieses Kapitel der deutschen Geschichte, die sich eher oberflächlich mit den reinen Aktionismen beschäftigt und das Attentat als spannenden Thriller inszeniert. Diese Spannung kann sich dem der Story vertrauten Betrachter kaum erschliessen, aber man sollte berücksichtigen, dass weltweit nur eine Minderheit über diese Kenntnisse verfügt. Zudem muss man dem Film zugestehen, dass er seine einfache Botschaft vom Widerstand gegen eine Terrorherrschaft ohne ideologischen Müll zu vermitteln vermag. Und letztlich in seiner Tragik auch berührt (7/10).