Mit Reinkarnation und Verrat beschäftigt sich die 1838 erschienene Kurzgeschichte „Ligeia“ von Edgar Allen Poe. Roger Corman beendete seinerzeit die achtteilige Reihe der Poe-Verfilmungen recht erfolgreich, auch wenn er dabei, wie eigentlich immer, die Originalvorlage ein wenig ummodelte.
Regiedebütant Michael Staininger hat gut daran getan, sich an beiden nicht allzu stark festzubeißen und eine recht zeitlos anmutende Geschichte zu entwickeln, die dennoch ein wenig Gothic-Flair mit sich bringt.
Die geheimnisvolle Studentin Ligeia (Sofya Skya) scheint den erfolgreichen Autor und Dozenten Jonathan Merrick (Wes Bentley) seit einiger Zeit zu verfolgen und tatsächlich verfällt er rasch der mysteriösen Schönen, trotz eigentlich glücklicher Beziehung zur Verlobten Rowena (Kaitlin Doubleday).
Noch ahnt Jonathan nicht, dass Ligeia Seelen sammelt und wird sich des Bannes fast schon zu spät bewusst, als es im Herrenhaus am schwarzen Meer zu einer Tragödie kommt…
Der erste Eindruck zeugt von grundlegenden technischen Fähigkeiten auf handwerklicher Ebene, - als dort eine junge Frau im weißen Gewand eine abtrünnige Steinküste entlang reitet, schafft diese Exposition sogleich eine unheilschwangere Atmosphäre, die trotz eher gemächlichen Erzähltempos fast konstant beibehalten wird.
Mit den Figurenzeichnungen ist es hingegen nicht so gut bestellt. Über Jonathan erfährt man zu wenig, damit der Bann von Ligeia auf emotionaler Basis glaubhaft wirkt, obgleich kein Hehl daraus gemacht wird, dass diese Frau per Telepathie einiges bewegen kann.
Jonathan ist halt der schwache Geist, der zwischen zwei Frauen hin und her gerissen ist, wie einst Poe seine namenlose Hauptfigur auf eine Odyssee schickte, geplagt von Schuldgefühlen und unerfüllter Liebe.
Ansonsten gelingt Staininger immer mal wieder eine gelungene Anlehnung an Poe, wie das Trinken von Absinth (statt Einnahme von Opium) oder der Metapher der Ratte und der Schlange und nicht zu vergessen das alte Herrenhaus, welches im letzten Drittel die Hauptkulisse darstellt und für brauchbare Schauwerte, als auch für eine stimmige Atmosphäre sorgt.
Ein wenig merkwürdig gestaltet sich hingegen das „Sammeln“ der Seelen, dargestellt in Form eines Bolzenschussgerätes, wonach per Atemmaske der letzte Hauch wie Nebel aus dem Mund des Opfers gezogen wird. Andererseits wird CGI sparsam eingesetzt, zugunsten der brauchbaren Grundstimmung gehen allenfalls einige schrille Inserts, die dem Geschehen weder weiterhelfen, noch ins eigentlich ausgewogene visuelle Bild passen.
Auf darstellerischer Seite gibt es keine Totalausfälle zu vermelden. Sofya Skya gibt die geheimnisvoll verführerische Ligeia recht souverän und mit einiger Präsenz, Wes Bentley schwächelt ein wenig aufgrund der undankbaren Figurenzeichnung, während mit Michael Madsen und Eric Roberts immerhin noch zwei sehr bekannte Gesichter für Nebenrollen gewonnen werden konnten.
Für Betrachter, die weder Poes Kurzgeschichte, noch die Verfilmung von Corman kennen, dürfte der Aufbau der Geschichte ein wenig nebulös erscheinen, - unter welcher Krankheit leidet Ligeia, woher hat sie diese übersinnlichen Fähigkeiten und warum bemüht sich eine verlassene Verlobte nach einem so miesen Verhalten des Ex-Partners dennoch um ihn?
Gänzlich durchdacht ist das Drehbuch ergo nicht, doch dafür können diese Schwächen durch eine überaus engagierte Kamera und eine gelungene orchestrale Musikuntermalung teilweise kaschiert werden.
Fans von Poe dürften indes von verschiedenen Wendungen nicht so sehr überrascht werden, obgleich das letzte Drittel fast wie eine Hommage an den amerikanischen Poeten und Gründer des Symbolismus daherkommt.
Von daher ist der Streifen gewiss nicht jedermanns Sache, ruhig erzählt und nur zum Finale etwas bewegungsreicher aufgezogen, sind dem Regiedebüt von Staininger noch einige Schwächen behaftet, doch ein vorsichtiger Blick lohnt sich sowohl für Freunde des ordinären Horrorfilms, als auch für Anhänger des latent drogenabhängigen, aber genialen Schriftstellers Edgar Allan Poe.
6 von 10