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von Stefan M

Interview Truffaut/Hitchcock

Truffaut: Setzen wir unsere amerikanische Reise fort. Eine ziemlich schlimme Eigenart von Hollywood ist, daß das Kino dort streng aufgeteilt ist. Bestimmte Regisseure machen A-Filme, andere B-Filme, wieder andere C-Filme. Es ist anscheinend außerordentlich schwierig, die Kategorie zu wechseln, ich meine im Sinne einer Entwicklung. Es sei denn, man hat einen ganz besonderen Erfolg.

Hitchcock: Ja, die Regisseure bleiben immer auf derselben Linie.

Truffaut: Genau darauf möchte ich hinaus. Es wundert mich, daß Sie nach einem so relativ aufwendigen und auch sehr erfolgreichen Film wie „Rebecca“ dann einen Film wie „Foreign Correspondent“ [„Mord“] gedreht haben, den ich sehr bewundere, der aber doch ein B-Film ist.

Hitchcock: Das ist leicht zu erklären. Es ist wieder einmal die Sache mit dem Besetzungsproblem. In Europa wird der Thriller, die Abenteuergeschichte nicht als ein minderes Genre betrachtet, in England ist es sogar ein anerkanntes literarisches Genre. In Amerika ist das ganz anders. Schon in der Literatur gelten Abenteuergeschichten als zweitklassig. Als ich mit dem Drehbuch von „Foreign Correspondent“ fertig war, bin ich zu einem großen Star gegangen, zu Gary Cooper. Aber da es ein Thriller war, wollte er ihn nicht machen. Das ist mir in meinen Anfängen in Hollywood mehrfach passiert, und schließlich mußte ich mich dann immer mit der zweiten Garnitur begnügen, in diesem Fall mit Joel McCrea. Ein paar Jahre später habe ich Gary Cooper wieder getroffen, da hat er gesagt: „Ich bin wirklich blöd gewesen.“

Truffaut: Walter Wanger war der Produzent des Films. Hat er Ihnen die Geschichte vorgeschlagen?

Hitchcock: Ja. Er interessierte sich für Außenpolitik und hatte die Rechte eines Buches mit dem Titel „Personal History“ gekauft. Der Autor war Vincent Sheean, ein Journalist, ein bekannter Sonderkorrespondent. Im Film ist von dem rein autobiographischen Buch nichts übriggeblieben. Eigentlich ist es ein Originaldrehbuch von Charles Bennett und mir.

Truffaut: Ich habe hier eine Inhaltsangabe. Jones, ein amerikanischer Journalist, wird Anfang 1939 von seiner Zeitung nach Europa geschickt, um sich über die Möglichkeit eines Weltkriegs zu informieren. In London trifft er einen alten holländischen Politiker, der die Geheimklausel eines Bündnisvertrages mit sich führt. Nachdem ein Attentat auf ihn simuliert worden ist, wird der alte Holländer von Naziagenten verschleppt, und Jones macht sich auf die Suche nach ihm. Dabei hilft ihm ein Mädchen - Laraine Day -, dessen Vater - Herbert Marshall - Präsident einer pazifistischen Vereinigung ist und sich als führender Nazi entpuppt. Während eines Flugzeugabsturzes mitten über dem Meer bringt sich der Vater um, Jones wird von einem Schiff aufgefischt und kehrt mit dem Mädchen nach London zurück. Das also ist die Geschichte.

Hitchcock: Wie Sie sehen, wieder mein altes Thema: ein Unschuldiger wird in Abenteuer verwickelt.

Truffaut: Ich stelle mir vor, daß Sie einen anderen weiblichen Star als Laraine Day lieber gesehen hätten.

Hitchcock: Ja, große Namen wären mir lieber gewesen.

Truffaut: Aber Joel McCrea war in der Rolle doch sehr sympathisch.

Hitchcock: Er ist etwas schlaff. Aber es sind doch wirklich eine Menge Ideen in dem Film, nicht?

Truffaut: Ungeheuer viel. Es wurde gesagt, Ihr Ausgangspunkt sei die Szene mit den Mühlen gewesen, die Idee mit der Windmühle, deren Flügel sich entgegen der Windrichtung bewegen, wodurch einem Flugzeug eine Geheimbotschaft übermittelt wurde.

Hitchcock: Ja, von dieser Mühlenszene sind wir ausgegangen, und von dem Mörder, der zwischen den Regenschirmen verschwindet. Wir waren in Holland, also Mühlen und Regenschirme. Wenn ich den Film in Farbe gedreht hätte, hätte ich eine Idee untergebracht, von der ich schon lange träumte, den Mord im Tulpenfeld. Zwei Leute. Der Mörder, eine Art Jack-the-Ripper, verfolgt ein Mädchen. Sein Schatten hat sie schon erreicht, da dreht sie sich um und schreit. Sofort Schwenk auf die Füße der Kämpfenden zwischen den Tulpen. Die Kamera fährt auf eine Tulpe zu, dann in die Tulpe hinein. Im Ton geht das Kampfgetümmel weiter. Die Kamera geht auf ein Blütenblatt zu, bis das die ganze Leinwand ausfüllt und, platsch, fällt ein Blutstropfen auf das Blatt. Das wäre dann das Ende des Mordes.

Es gibt gegen Ende von „Foreign Correspondent“ eine Einstellung, nach der hat mich nie jemand gefragt, auch kein Techniker. Das Flugzeug stürzt ins Meer, die Piloten können es nicht mehr hochreißen, das Meer kommt rasend schnell näher, und wir sind im Cockpit, die Kamera ist über den Schultern der beiden Piloten, und zwischen ihnen sieht man durch die Kabinenscheibe, wie das Meer näher kommt. Dann saust das Flugzeug ohne einen Schnitt ins Meer und die beiden Männer ertrinken. Das ist alles eine Einstellung.

Truffaut: Vielleicht haben Sie eine Rückprojektion mit einem echten Wassersturz kombiniert.

Hitchcock: Ich hatte die Leinwand für die Rückprojektion aus besonders starkem Papier machen lassen, und dahinter war ein Wasserbehälter. Das Flugzeug stürzt, und wenn auf der Rückprojektion das Wasser ganz nah ist, drücke ich auf einen Knopf, und unter dem Wasserdruck zerreißt die Leinwand. Bei dem Druck der großen Wassermenge konnte man die zerreißende Leinwand unmöglich erkennen.

Eine andere Sache, die schwer zu drehen war, war kurz danach. Ehe das Flugzeug absinkt, bricht es auseinander, einer der Flügel, mit den Leuten darauf, löst sich vom Rumpf. Wir hatten in ein großes Wasserbecken Schienen gelegt und darauf das Flugzeug montiert. Der Flügel war auf eine zweite Schiene montiert, die von der ersten rechtwinklig wegführte. Es war nicht leicht zu machen, aber es machte Spaß.

Truffaut: Das Finale war ganz ausgezeichnet.

Hitchcock: Ein Teil des Materials für diesen Film mußte von einem zweiten Team in London und Amsterdam gedreht werden. Das war 1940, und das Schiff, mit dem der Kameramann das erstemal nach Amsterdam reiste, wurde torpediert, wobei er seine ganze Ausrüstung verlor. Er mußte noch ein zweites Mal fahren.

Truffaut: Es heißt, Dr. Goebbels hätte den Film geschätzt.

Hitchcock: Das habe ich auch gehört. Vielleicht hat er sich eine Kopie über die Schweiz besorgt. Der Film war reine Fiktion, und wie immer in solchen Fällen habe ich auch dieses Mal der Wahrscheinlichkeit nicht erlaubt, ihr häßliches Haupt zu erheben. In „Foreign Correspondent“ haben wir dieselbe Situation wie in „The Lady Vanishes“ [„Eine Dame verschwindet“], nur in maskuliner Form: der alte holländische Politiker, der ein Geheimnis bewahrt.

Truffaut: Herr van Meer, der die Geheimklausel kennt.

Hitchcock: Ja, die berühmte Geheimklausel, das war unser MacGuffin. [...]

Quelle: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von Francois Truffaut

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